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Rückblick: Rossinis „Barbiere“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen Cecilia gurrt, beschwört Rolando herauf

04.06.2022 von Michael Atzinger

Mehr als 150 Opern spielen in Sevilla, sagt Cecilia Bartoli. Die italienische Mezzosopranistin leitet seit 2012 die Salzburger Pfingstfestspiele und widmet sich in diesem Jahr der südspanischen Stadt, um den berühmtesten italienischen Opernklassiker, der in Sevilla spielt, zu neuem Leben zu erwecken: den „Barbier von Sevilla“ von Gioacchino Rossini. Sie selbst singt die Rolle der Rosina und hat Rolando Villazon für die Regie engagiert. Das Ergebnis: ein umjubelter Sieg.

Bildquelle: Monika Ritterhaus

Strahlendes Licht, strahlende Hitze und der berauschende Duft der Orangenblüte, dafür steht Sevilla, so zumindest sagt uns das Programmheft dieser Produktion. Rolando Villazons Sevilla ist ein anderes; eine Vergangenheit und wieder mit Sehnsucht beschworen. Einer in einer nüchternen Art-Deco-Atmosphäre in Sepia, Schwarz und Silber. Ein Filmvorführer nutzt jede freie Minute, um mit seiner Diva Schwarz-Weiß-Klassiker zu sehen: Cecilia Bartoli, als Piratin, als Kleopatra, überlebensgroß an die Hauswände projiziert. Und dann kommt der Moment, den wir für Woody Allen kennen: Die Helden des Kinos verlassen die Szene und führen „Once Upon a Time in Seville“ auf. Im Laufe der Nacht verschmelzen diese beiden Welten miteinander. Arturo Brachetti, ein italienischer Varieté-Künstler, spielt melancholisch und verträumt die stumme Rolle des Filmfans und verbindet die Szenen mit unwiderstehlichem Charme. Es wird vom Publikum für seine magische Darbietung im Zwischenreich von Illusion und Realität gefeiert.

Ein Gesamtwerk szenisch-musikalischer Kunst

Villazons Regiearbeit erinnert an eine der schönsten Operninszenierungen des großen Jean-Pierre Ponnelle: Rossinis „Cinderella“ vor vielen Jahren in München. Villazon choreografierte jede Note in der Partitur. Musik wird nie durch sich selbst repräsentiert. Er begleitet sie, trägt sie, kommentiert sie in jedem Moment: Blicke, Gesten, Tanzschritte. Villazon bringt eine perfekt funktionierende Maschinerie auf den Markt und kann sich dabei auf charmante Sängerdarsteller verlassen: Figaro Nicola Alaimo fährt sich trotz seines ausladenden Körpers (den er stets ohne Selbstironie ins Lächerliche zieht) unglaublich grazil auf dem Roller und explodiert in seiner ersten Arie stimmlich geradezu . Don Basilio, ebenfalls aus dem Film zitiert, kriecht vor seinen Auftritten immer wie ein riesiger Schatten an den Hauswänden entlang; Dämonisierung funktioniert sehr gut. Ildebrando d’Arcangelo ist eine Luxusbesetzung.

Liebhaber: ein Traum

Edgardo Rocha als Graf Almaviva braucht etwas Zeit, bis die Farben leuchten, aber nach seinem fulminanten Duett im 2. Akt mit Cecilia Bartoli ist zu befürchten, dass der Abend vor endloser Freude noch eine Weile andauern wird. Die Diva klingt etwas härter als zuvor, aber sie lacht und lacht wie immer, und die Flexibilität und Intonationspräzision sind nach wie vor einzigartig. Alessandro Corbelli, fast 70 Jahre alt, hat in der Rolle des alten Bartolo, der seinen Traum von einer jungen Frau begraben muss, eine beeindruckende Stärke, deren Verlust man sofort umarmen und trösten möchte.

Magie und Ernüchterung

Die fabelhaften Musiker des Originalklangorchesters Les Musiciens du Prince unter der Leitung von Gianluca Capuano geben ihnen alles zurück, was von der Bühne bei ihnen ankommt: Sie jubeln und knurren, fluchen und bejubeln ihre Instrumente. Also alles alleine? Nicht genau. Theatermagier Rolando Villazon beendet diesen leichten Abend mit etwas Ernüchterung: Während Rosina das Happy End feiert, flirtet Almaviva bereits mit jemand anderem. Bedingungslose Liebe gibt es nur in Filmen.

Sendung: „Piazza“ am 4. Juni 2022, ab 08:05 Uhr in BR-KLASSIK

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