Rückblick – Oper “Sibirien” bei den Bregenzer Festspielen Dusterer Reißer
22.07.2022 von Peter Jungblut
Frech und kontrastreich: „Sibirien“ geriet zu Unrecht lange in Vergessenheit. Das zeigt sich auch im Festsaal Bregenz. In seiner Inszenierung von Umberto Giordanos Oper gelingt Regisseur Vasily Barkhatov auch eine ergreifende Auseinandersetzung mit dem heutigen Russland.
Bildquelle: Bregenzer Festspiele
Fast alle Opern haben ein „schlechtes“ Ende, aber im italienischen Verismo um 1900 fingen sie auch schlecht an. Der Grund: Die damals tonangebenden Komponisten hatten genug von Fake-Poesie und nahmen es lieber mit dem realen Leben auf, rabiat und völlig unromantisch. „Mala Vita“ (1892) hieß Umberto Giordanos erste abendfüllende Oper „Vida miserable“. So könnte man diesen kurzen Zeitraum zwischen 1890 und 1910 leicht überschreiben. Vor allem aber ist es authentisch. Das Wichtigste ist die Nähe zu den Menschen. Weit entfernt von ästhetischer Literatur. Das gelbe Pathos des Alltags war an der Tagesordnung, er schrie, brabbelte und schrie laut.
“Sibirien”: Giordanos Oper spielt in einem russischen Arbeitslager
Große Erfolge erzielte Giordano 1903 an der Mailänder Scala mit seinem düsteren Thriller „Sibirien“. „Verrückt“ wäre heute wohl die zeitgenössische Beschreibung des Stücks, handelt es doch um eine edle russische Kurtisane, die ihrem Geliebten freiwillig ins Arbeitslager folgt und dort nach Jahren des Elends bei einem Fluchtversuch erschossen wird. Verismo musste kontrastreich, ja plakativ sein, weshalb Komponisten wie Giordano der fesselnden Szene immer mehr Bedeutung beimaßen als den fesselnden Charakteren.
Das Problem dabei: Die Stücke fesseln ungemein, die Charaktere weniger, denn weil die Opern meist relativ kurz sind, bleibt wenig Zeit, die Charaktere ausführlicher zu Wort kommen zu lassen, ihre Konflikte glaubhaft zu machen. In „Sibirien“ bricht die Handlung von Dialog zu Dialog zusammen, was die Oper äußerst modern erscheinen lässt. Und da der in Moskau geborene Regisseur Vasily Barkhatov (38) auch noch einen an Originalschauplätzen gedrehten Filmrahmen baute, war die Nacht ziemlich hektisch.
Realismus auf der Bühne der Bregenzer Festspiele
Eine alte Frau (spannend: Clarry Bartha) sucht mit Barkhatov und seinem Team nach ihrer Familienvergangenheit, fliegt mit der Urne ihres verstorbenen Bruders von Rom nach St. Petersburg, fährt mit dem Zug nach Sibirien und verstreut schließlich die Asche, wo früher das Gemeine war Die Eltern waren im Arbeitslager: auf einem Spielplatz zwischen Plattenbauten. Das ist treffend und realistisch illustriert und vor allem für den lebensverliebten Verismo hervorragend inszeniert. Als hätte die inzwischen verbotene russische Menschenrechtsorganisation Memorial, die an die Opfer des Stalinismus erinnert, einen Dokumentarfilm in Auftrag gegeben. Die alten Orte des Schreckens sind längst verfallen, vergessen, vom Schnee ausgelöscht.
Szenograf Christian Schmidt hatte in dieser Koproduktion der Bregenzer Festspiele mit dem Theater Bonn eindrucksvoll beklemmende Räume gestaltet: halb reale Schauplätze, halb Erinnerungsbilder. Ein alter Saloon, ein Archiv voller Kisten und Aktenordner, ein heruntergekommenes Bergbaulager am großen Fluss. Wer wollte, konnte sich an den großen russischen Psychologen und Zauberkünstler Leo Tolstoi wenden oder die populären Melodien des Komponisten Modest Mussorgsky erkennen. Vermischt mit dem italienischen Sprung ergab das eine im besten Sinne groteske Mischung.
Giordanos „Sibirien“ – erst gefeiert, dann vergessen
Auch die Dramaturgie der Bregenzer Festspiele muss gelobt werden, die „Siberia“ direkt neben Puccinis „Madame Butterfly“ platziert hat, die auf der Seebühne aufgeführt wird. Kurz nach Siberia in Mailand entlassen, war Butterfly ein Totalausfall, während Umberto Giordano kurzzeitig zum Publikumsliebling wurde. Die Geschichte der Oper ist manchmal so kurvenreich, dass sich der erste Eindruck im Laufe der Jahre zum genauen Gegenteil entwickelt hat. Inzwischen ist Puccini längst ein Kassenmagnet, während Giordano weitgehend in Vergessenheit gerät: Sein „Andrea Chénier“ war 2011/12 in Bregenz ein Renner.
So viel für das Publikum, das die nur drei geplanten Aufführungen von “Siberia” besuchte, und viel Lob für die Sänger, die das Beste aus ihren schwierigen und undankbaren Rollen gemacht haben. Die kanadische Sopranistin Ambur Braid war durchweg eine überzeugende und reuevolle Kurtisane, und ihr Liebhaber Alexander Mikhailov war ein wenig schwer mitzuhalten. Scott Hendricks als skrupelloser Zuhälter Gleby hingegen war ein Triumph in Sachen Stimme und Performance.
Dirigent Valentin Uryupin (36), der am Moskauer Konservatorium Klarinette und Dirigieren studierte, war von dieser selten gespielten Partitur so begeistert, dass er auch mal die Füße in den Takt legte. Giordano hätte es sicherlich so gut gefallen, denn schließlich wollte Verismo die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen bringen – und das mit aller Macht. Im 20. Jahrhundert donnerte es ziemlich heftig.
Show: „Allegro“ am 22. Juli ab 6:05 Uhr bei BR-KLASSIK