Rückblick – Salzburger Festspiele Langweiliger Weltuntergang mit Orff und Bartók
27.07.2022 von Bernhard Neuhoff
„De temporum fine comoedia“ von Carl Orff und „Blaubarts Burg“ von Béla Bartók: Diese beiden Werke stehen am selben Abend auf dem Programm der Salzburger Festspiele. Und deshalb fühlt es sich an wie das Ende der Welt.
Bildquelle: © SF / Monika Rittershaus
Um zehn Uhr hatte ich eine Vision von einem Schinkensandwich. Mit dem Propheten, dem alten Carl Orff, wird das Ende der Welt verlängert. „De temporum fine comoedia“, das „Spiel vom Ende der Zeit“, ist sein letztes großes Werk. Es gibt keine wirkliche Handlung, nicht einmal einzelne Charaktere. Orff nahm den frühchristlichen Philosophen Origines mit, der von der Kirche als Ketzer verurteilt wurde. Dieser Ursprung lehrte, dass sogar der Teufel in den Himmel kommt und das radikal Böse am Ende der Zeit erlöst wird. Ist das die ebenso rätselhafte wie erbauliche Botschaft dieser rätselhaften Oper oder handelt es sich eher um ein Oratorium?
Nahe am Ende der Welt
musicAeterna Cor | Bildquelle: © SF / Monika Rittershaus Gott weiß, dass die Welt noch Erlösung braucht. Und zumindest fühlen wir uns heute dem Ende der Welt nicht weniger nahe als 1973. Orffs Werk wurde damals mit Herbert von Karajan ebenfalls in Salzburg uraufgeführt. Die Menschen waren schockiert über den Anstieg des Ölpreises und die düsteren Prophezeiungen des Club of Rome über die Grenzen unserer natürlichen Ressourcen. Apokalypse damals und heute: Die uralte Frage, ob, wann und wie alles endet, ist eine bekannte. Allerdings konnte sich Orff auch mit diesem Stück seinem Schicksal nicht entziehen, und dies war und blieb der große Erfolg seines Meisterwerks „Carmina Burana“. Seine anderen Werke, darunter „Comoedia“, fristen ein trostloses Dasein im riesigen Schatten dieses One-Hit-Wonders. Sie wird selten durchgeführt. Aber in seiner überraschend radikalen und kompromisslosen Tonsprache ist es eine Frage wert.
Warum sind Orffs „Komödie“ und Bartóks „Blaubarts Burg“ zusammen?
Was hat Orffs Klöppel-Apokalypse-Bild mit Béla Bartóks wunderbarem Einakter „Blaubarts Burg“ zu tun? Bartóks Musik ist farbenfroh, üppige Spätromantik. Entdecken Sie an der Schwelle zur Moderne unendlich viele Nuancen. Bartók erforscht die Ambivalenzen der menschlichen Seele, berührt und verzaubert. Das will Orff gar nicht. Andererseits Seine Musik versucht sachlich zu sein. Starr, robust und hart hämmert es dunkle religiöse Formeln mit ziemlich einfachen, manisch wiederholten Rhythmen heraus.
Inszenierung von Regisseur Romeo Castellucci
Offenbar war es genau dieser herausfordernde Kontrast, der Regisseur Romeo Castellucci reizte. Der ganze Abend vergeht in edlem Halbdunkel. Das funktioniert bei Bartók sehr gut. Feuer und Wasser sind die grundlegenden szenischen Elemente. Geometrische Formen explodieren. Wasser tropft von Blaubarts Ärmeln, ein Symbol für seine Tränen und sein Blut. Darin spiegelt sich das aus brennenden Buchstaben gebildete Wort Ich. Ein Kindermord wird angedeutet, immer wieder beugen sich Judith und Blaubart über eine kleine Leiche. Die Bühnenkoexistenz ist stark. Die Liebenden tanzen und kämpfen, die Aggression und Begierde intensiv choreografiert.
Mika Kares und Ausrine Stundyte in den Hauptrollen, Teodor Currentzis steht am Pult
Mika Kares als Blaubart singt sonor edel. Das ist tadellos, aber weit entfernt von der psychologischen Intensität, mit der die große Ausrine Stundyte die Rolle der Judith gestaltet. Mit seinem warmen, dunklen und leicht rauen Timbre zeichnet es akribisch alle emotionalen Nuancen dieser extravagant reichen Musik nach. Wie Teodor Curentzis, der das Gustav Mahler Jugendorchester zu hervorragender Arbeit anspornt, es aber leider manchmal zu laut klingen lässt.
Teodor Currentzis und musicAeterna bei den Salzburger Festspielen
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Das ist esoterischer Kitsch
Inszenierung von Romeo Castellucci | Bildquelle: © SF / Monika Rittershaus Nach der Pause illustrierte Castellucci Orffs Orakel mit düsteren, bedrohlichen Massenchoreographien. Der Chor musicAeterna singt und weint, singt und schreit. Wir sehen Gebete, eine Steinigung, Larven kommen aus dem Bühnenboden, Kinder werden geopfert, Totempfähle aufgestellt. Grüße von den Psychoanalytikern Freud und Lacan. Offenbar sieht Castellucci, und das macht sein Konzept so fragwürdig, Orffs kollektivistisches Mythenspiel als Antwort auf die sehr individuelle Frage nach der menschlichen Seele, die Bartóks Liebestragödie aufwirft Als ob ausgerechnet Orffs okkulte Vision einer göttlichen Erlösung vom Teufel die Lösung für die Liebenden wäre. Und tatsächlich: Der Regisseur lässt Judith und Blaubart wieder auftreten. Die beiden fallen auf die Knie und bitten Gott zusammen mit Orffs Luzifer demütig um Vergebung. Das ist esoterischer Kitsch. Die Endzeitshow ist immer noch erbärmlich, der Prophet verfehlt das Wesentliche. Stellen Sie sich vor, es ist das Ende der Welt und langweilig. Am Ende dieses atavistischen, federleichten Taufrituals sehnt man sich nach etwas Erleuchtung, Licht, Leichtsinn, Ironie und so profanen Dingen wie einem Schinkenbrot mit einer doppelten Portion Meerrettich.
Ausstrahlung: „Allegro“ am 27. Juli 2022 ab 6:05 Uhr