Bundeswehr-Elitekommando KSK hat Personalprobleme

Exklusiv

Ab: 20.06.2022 18:00

Das KSK findet nicht genügend geeignete Soldaten. Das geht aus einem Schreiben des Verteidigungsministeriums hervor, das WDR und NDR vorliegt. Eine schwierige Situation, denn bald werden Elitesoldaten weitere Aufgaben innerhalb der Nato übernehmen.

Von Florian Flade, WDR, und Reiko Pinkert, NDR

Für die besonders gefährlichen Einsätze der Bundeswehr sind Soldaten des Spezialkräftekommandos (KSK) zuständig. Zum Beispiel für die Rettung von Geiseln im Ausland oder streng geheime Operationen zur Terrorismusbekämpfung. Die körperlichen und charakterlichen Anforderungen an die Eliteeinheit sind naturgemäß hoch.

Allerdings versucht die Bundeswehr seit Jahren mit zahlreichen Werbemaßnahmen Personal für das KSK zu gewinnen. Offenbar mit eher mäßigem Erfolg. Das geht aus einem Schreiben des Verteidigungsministeriums („VS-For Official Use Only“) hervor, das WDR und NDR vorliegt.

Demnach waren zum 31. Mai nur etwa 83 Prozent der insgesamt etwa 1.420 Militärposten im KSK besetzt. Der Anteil der „ausgebildeten Hauptfeldwebel“ liege hingegen mit rund 67 Prozent „deutlich niedriger“. Und das, obwohl eine Kommandokompanie aufgelöst und viele Soldaten nach rechtsextremen Vorwürfen zu anderen Kompanien versetzt worden waren.

Die Personalrekrutierung sei “unzureichend”, so das Ministerium, und “hinke hinter dem erforderlichen Umfang her”. Da in den kommenden Jahren viele Soldaten die Bundeswehr verlassen, sei damit zu rechnen, dass “mehr ausgebildete Oberfeldwebel das KSK verlassen werden, als rekrutiert werden können”.

Viele Bewerber, schlechte Qualität

Die Situation könnte erhebliche Auswirkungen auf die multinationalen Verpflichtungen der Bundeswehr haben: Nach den Plänen der Bundesregierung muss Deutschland innerhalb der Nato nach den USA die zweitgrößte Zahl militärischer Spezialkräfte stellen.

In dem Schreiben des Ministeriums heißt es, die Zahl der Bewerber und Teilnehmer am möglichen KSK-Evaluierungsverfahren sei “zuletzt erfreulich”. Die Zahl der Soldaten, die sich schließlich für die Kommandoausbildung qualifizieren konnten, war jedoch zu gering, um den Bedarf zu decken.

Zudem sei „das wirtschaftliche Umfeld für das KSK ungünstig für die Rekrutierung, da im Südwesten nahezu Vollbeschäftigung herrscht.“ Das KSK-Grundstück befindet sich in der Graf-Zeppelin-Kaserne im baden-württembergischen Calw.

KSK zuletzt von dem Skandal betroffen

Das KSK war in den vergangenen Jahren durch mehrere rechtsextreme Fälle, aber auch durch unsachgemäßen Umgang mit Waffen und Munition in Verruf geraten. Im Mai 2020 entdeckte die Polizei im Garten eines KSK-Soldaten in Sachsen vergrabene Kisten, die Schusswaffen, Granaten und allerlei Ausrüstung enthielten.

Auch gegen den ehemaligen KSK-Kommandanten Markus Kreitmayr wurde ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Tübingen hat nun Anklage gegen den Soldaten erhoben. Er soll KSK-Angehörigen erlaubt haben, illegal gestohlene Munition ungestraft und anonym zurückzugeben.

Die meisten Reformen umgesetzt

Auch die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte 2021 beschlossen, die zweite Kommandokompanie aufzulösen, in der es zu mehreren rechtsextremen Vorfällen gekommen war. Gleichzeitig wurde eine umfassende Reform des KSK angekündigt und ein 60-Punkte-Maßnahmenkatalog vorgelegt.

58 dieser Punkte seien laut Verteidigungsministerium bereits umgesetzt worden, “auf allen Ebenen” des KSK habe man sich von rechtsextremen Vorfällen und dem “Fehlverhalten einzelner KSK-Angehöriger” distanziert.

Reaktion auf die strikte Personalausstattung

Inzwischen seien in der Heeresführung mehrere Maßnahmen entwickelt worden, um die Situation des Personals im KSK zu verbessern, so das Verteidigungsministerium in seinem Bericht. Ziel ist es, auf diese Weise die Rekrutierung von regionalem Personal auszubauen und die virtuellen Bewerbungsformate zu intensivieren.

Zudem werde eine „Entlastung im Routinebetrieb“ erwartet, was „die Arbeitszufriedenheit der Angehörigen der Spezialkräfte“ steigern solle. Für Kommandosoldaten, “die ihre Befähigung zum Einsatz eines Kommandokommandos nachgewiesen haben, wollen sie künftig auf die zusätzliche jährliche körperliche Eignungsprüfung und individuelle Grundfertigkeiten verzichten”.

Grundmodernisierung des KSK

Nach den Wünschen des Verteidigungsministeriums muss das KSK insgesamt modernisiert und schlagkräftiger gemacht werden. Für 2032 sind mehr als 120 Entwicklungsprojekte für Spezialeinheiten geplant.

Darüber hinaus wurde das Einsatzführungskommando mit einer Studie zu den Spezialkräften der Bundeswehr beauftragt, die darauf abzielt, Mängel in der Struktur und im Einsatz von Verbänden aufzudecken. Die ersten Ergebnisse sollen in Kürze vorliegen.

In den letzten Jahren wurde das KSK hauptsächlich in Afghanistan eingesetzt. Zuletzt bei der Evakuierungsaktion am Flughafen Kabul nach dem Abzug der Nato-Truppen im August 2021. Seitdem ist laut Dokument des Verteidigungsministeriums die „Einsatzbelastung des KSK (…) gesunken“. Elitesoldaten bleiben jedoch in anderen Ländern wie Mali, Tunesien oder Jordanien aktiv, hauptsächlich auf Ausbildungsmissionen für lokale Spezialeinheiten.

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