Christopher Street Day in Karlsruhe: Die Innenstadt kocht

Tolle Party in der Stadt

Karlsruhe feiert den Christopher Street Day in der Innenstadt: bunt, laut und leise. Passanten schauen interessiert zu und filmen mit ihren Handys. Einer steht mit Tränen in den Augen am Straßenrand.

Paradiesvögel: Auf den Musiklastwagen flattern besonders gefärbte Exemplare. Foto: Peter Sandbiller

Vor 10 Stunden 3 Minuten bis 5 Stunden

Gekochte Karnevalsstimmung in der Karlsruher Innenstadt: Die große Parade anlässlich des Christopher Street Day (CSD) zieht kurz nach 14 Uhr durch die Stadt. Steigende Bässe, gesungene Musik und ein Meer aus Regenbogenfahnen prägen den bunten Akt, der morgens mit dem Familienfest auf dem Marktplatz begann. Viele Besucher der Innenstadt stehen am Straßenrand, die meisten mit gezückten Handys.

Ludwig Hinz beobachtet das Geschehen in der Erbprinzenstraße mit Tränen in den Augen, wie er zugibt. Der 80-Jährige ist schwul und lebt seit einiger Zeit mit seinem Partner zusammen. Vor zehn Jahren sei eine so offene Herangehensweise schwer vorstellbar gewesen, sagt er.

Er fühlt sich überwältigt: „Ich hätte nie gedacht, dass es in Karlsruhe so eine Stimmung gibt, das ist wie in Berlin!“

Bei der Akzeptanz bleibt jedoch noch viel zu tun. Hinz arbeitete als Gymnasiallehrer, für einen offenen Ausflug war damals keine Zeit. Aber viele hätten insgeheim gewusst, dass er schwul war.

Wie hat er damals erfahren, dass er mit seiner Homosexualität nicht offen umgehen konnte? Er zuckt mit den Schultern und sagt: “Ich habe es damals für eine Tatsache gehalten.”

Laufrhythmus: Die Karawane des Christopher Street Day in Karlsruhe zieht durch die Innenstadt: bunt, laut und leise. Foto: Peter Sandbiller

„Hier ist alles vertreten“

Ein paar Meter weiter, an der Einmündung in die Lammstraße, wacht ein Polizist über den Verkehr. Thomas Heiler von der Karlsruher Verkehrssteuerung hat damit wenig zu tun. Kaum nähert sich ein Fahrzeug und die Passanten sind ruhig.

„Das ist für mich als Polizist eine bereichernde Veranstaltung“, sagt er, „gute Musik, die Leute haben gute Laune, das macht man gerne!“ Ein Teilnehmer gibt ihm einen kleinen Regenbogenaufkleber: Er landet auf der Windschutzscheibe seines Dienstmotorrads. Thomas Heiler lächelte.

Gute Laune: Welpe trifft Welpe – beim CSD in der Innenstadt prallen manchmal die Welten aufeinander, harmonieren aber sichtbar. Foto: Peter Sandbiller

Der CSD wird in Erinnerung an die Ereignisse vom Juni 1969 in der Christopher Street in New York abgehalten. Dort kämpften Homosexuelle und Transgender erstmals gegen Diskriminierung und Polizeiwillkür.

Der sogenannte Stonewall-Aufstand gilt als Ursprung der heutigen Schwulen- und Lesbenbewegung. CSD-Teilnehmer setzen sich auch für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender- und Intersexuellen ein.

Rede von Bürgermeister Mentrup mit Aufruf

In seiner Ansprache an die bunte Gemeinde erinnerte Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) die bunte Gemeinde an die Bedeutung des politischen Aspekts am Christopher Street Day.

Es geht nicht nur darum, etwas zu feiern, es geht auch darum, es zu verteidigen und weiterzuentwickeln. „Queer ist ein Teil jedes Menschen, mal mehr, mal weniger“, schreit er von der Marktbühne (geschlechtsspezifisch).

Die queere Community, so der Oberbürgermeister, gehöre ebenso zum neuen Karlsruhe wie die nicht-queere Community. Mentrup ging auch auf die Misere in der Ukraine und den Vereinigten Staaten ein. “Deshalb ist es wichtig, von hier aus ein Zeichen in die Welt zu setzen!”

Eine ältere Frau aus Neureut hat wenig Erfahrung mit CSD-Paraden. „So etwas sehe ich zum ersten Mal“, erklärt er. Aber das ist OK. Allerdings schaute er nur kurz hin. Er sagt, er dreht sich um und geht Richtung Kaiserstraße. “Zurück kaufen!”

Zwei weitere ältere Menschen saßen auf einer Bank in der Erbprinzenstraße. Sie kommen aus Durlach und kommen auch zum Einkaufen in die Innenstadt. „Hier ist alles vertreten, was es gibt“, sagt einer von ihnen, räumt aber ein: „Wir kennen uns nicht so gut.“

Da es bei der Vielzahl an Begriffen tatsächlich schwierig ist, haben die Marktorganisatoren eine große Leinwand aufgespannt. Von asexuell über demisexuell und panromantisch bis transgender wird alles verständlich erklärt. Viele Passanten bleiben vor ihm stehen und informieren sich. Unterdessen zeigen frühe CSD-Teilnehmer Ermüdungserscheinungen.

Sie werden dort aufgestellt, wo sie stehen: vor dem Schloss oder mitten auf der Kaiserstraße. Die Show auf dem Marktplatz dauert bis 22 Uhr. Diejenigen, die sich dagegen wehren, sind bei der Rosapark-Tanznacht im Nachtwerk Music Club.

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