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Stand: 14.06.2022 13:06
Die Zahl der Kroneninfektionen nimmt trotz milder Temperaturen deutlich zu. Warum das so ist und wie Experten die Lage im dritten Corona-Sommer einschätzen: Antworten auf wichtige Fragen.
Warum steigen die Infektionszahlen?
Die trotz milder Temperaturen steigenden Zahlen – die Sieben-Tage-Inzidenz stieg bundesweit von 331,8 am Vortag auf heute 447,3 – haben mehrere Gründe, sagen Experten. Da ist zum einen der omicron-Subtyp BA.5, der in letzter Zeit in Deutschland stetig zunimmt. „Die BA.5-Subvariante ist noch ansteckender als alle bisherigen Varianten, kann sich also auch unter den widrigen Bedingungen des Virus im Sommer ausbreiten“, sagt Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon University of Humanities in Berlin.
BA.5 könne nach aktuellem Wissensstand auch dem Immunsystem entkommen, selbst wenn es bereits Kontakt zu Omicron-Varianten hatte, sagt Ulrichs. Auch vollständig geimpfte Menschen sind nicht immun gegen die Infektion. „Das bedeutet, dass eine Vielzahl von Wirten für die Verbreitung geeignet sind.“
Nach den Wellen in Ländern wie Portugal erwarten viele Experten auch, dass BA.5 bald dominant wird. Laut aktuellem RKI-Wochenbericht liegt der BA.5-Anteil bei zehn Prozent, nach Angaben von vor zwei Wochen soll er nun aber deutlich höher liegen, so der Generalsekretär der Deutschen Immunologischen Gesellschaft Carsten Watzl.
Auf der anderen Seite gibt es eine generelle Verhaltensänderung bei vielen Menschen. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventions- und Epidemiologieforschung in Bremen strebt im Kontext der Fallkronenbeschränkungen mehr Mobilität und mehr Kontakte an, und das mit deutlich weniger Schutzverhalten, etwa dem Tragen einer Maske. Auch die für viele längst zurückliegende Impfung spiele eine Rolle, um die Ausbreitung wieder zu verstärken: „Im Schnitt hat die Immunität abgenommen, aber es sollte noch einen klaren Schutz vor schweren Erkrankungen geben“, sagt Zeeb.
Steht eine Frühsommerwelle bevor?
Immunologe Watzl ist zuversichtlich: Einstellige Vorfälle wie im vergangenen Sommer werde es dieses Jahr nicht geben. “Wie Sie jetzt sehen können, wird die Inzidenz in die Hunderte gehen. Omicron ist dafür zu ansteckend.” Es wird davon ausgegangen, dass sich etwa die Hälfte der Bevölkerung noch nicht mit omicron infiziert hat. „Weil die Impfung nicht so gut vor einer reinen Infektion schützt, hat das Virus noch genug Potenzial, um Menschen zu infizieren.“ Ob BA.5 für mehr als 1000 Zwischenfälle sorgen wird, ist derzeit schwer abzuschätzen, „aber es besteht die Möglichkeit einer Sommerwelle“, sagt Watzl.
Auch will Zeeb keine Kompromisse eingehen, wie weit eine gefürchtete Frühsommerwelle steigen könnte. Die Zahlen sind nicht unbedingt so hoch wie in Portugal, wo derzeit die höchsten Inzidenzen in Europa gemeldet werden.
Wie kann der Anstieg der Infektionen eingedämmt werden?
Nur mit schnellen und strengen Maßnahmen, sagen Experten. „Aus meiner Sicht ist es derzeit fast unmöglich einzugreifen, außer mit sehr drastischen Maßnahmen“, sagt Zeeb. Daher sollten insbesondere Risikogruppen wie ältere Menschen aktiv dazu ermutigt werden, Auffrischungsimpfungen einzunehmen, um ihren Schutz zu optimieren. Konkret sieht Ulrichs in der Wiedereinführung von Schutzmaßnahmen wie der flächendeckenden Verwendung von Masken die einzige Möglichkeit, den aktuellen Trend einzudämmen. Immunologe Watzl weist in diesem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass es derzeit keine rechtlichen Möglichkeiten gibt, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Wie spektakulär ist der aktuelle Anstieg?
Auch wenn die Zahlen zur Wachsamkeit mahnen, sehen Experten keinen Grund zur Panik. Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf spricht derzeit von einem „moderaten“ Anstieg der Infektionszahlen. „Wir müssen in der aktuellen Situation versuchen, die Krankheit zu verhindern und nicht so sehr die reine Ansteckung. Deshalb ist eine Sommerwelle erstmal kein Thema“, sagt Watzl. Allerdings gilt es, besonders gefährdete Personen weiterhin zu schützen.
Zeeb sagt, dass es in absehbarer Zeit weitere Infektionen geben wird, aber da BA.5 je nach aktuellem Wissensstand klinisch ähnlich zu früheren Omicron-Varianten ist, sollte es überwiegend mild bleiben. Insgesamt könne es bei deutlich steigenden Infektionszahlen noch ein paar Krankenhauseinweisungen und Todesfälle geben, glaubt er, aber eine Überlastung des Gesundheitssystems drohe aus seiner Sicht nicht.
Mit Blick auf Intensiv- und Normalstationen findet Kluge zudem, dass aufgrund des eher milden Verlaufs durch omicron-Sublinien eine nennenswerte Belastung des Gesundheitssystems im Sommer eher unwahrscheinlich sei. Allerdings ist eine hohe Zahl positiver Patienten auch für die Normalstationen eine erhebliche Mehrbelastung, insbesondere für das Pflegepersonal. Watzl verweist auch auf mögliche Geschäftsausfälle durch viele kleinere Infektionen.
Wieder mehr Vorsicht?
Mit Blick auf das individuelle Verhalten bekennen sich Experten erneut zur Eigenverantwortung. In den kommenden Wochen rechnet Zeeb mit einem Auf und Ab der Infektionszahlen, dann aber wieder mit einem Anstieg der Infektionen ab Herbst und Winter. Deshalb müsse klar sein, „dass Corona unter uns ist, da gibt es keine Sicherheit“, betont Zeeb. Da umfassende Regelungen weitgehend abgeschafft wurden, müssen nun alle an den Schutz mit Masken denken und auch den Impfschutz aktuell halten, auch in Gedrängesituationen, insbesondere im Inland und in öffentlichen Verkehrsmitteln. . Ulrichs: „Ein bisschen mehr Vorsicht wäre hilfreich.“