Die Menschen stehen am 5. Juni 2022 am Flughafen Amsterdam an.
Bild: Schlussstein
Nach zwei Jahren Corona-Pandemie sind viele glücklicher denn je. Der internationale Tourismus läuft jedoch noch lange nicht wieder rund. Die Reisebranche und Experten erwarten folgende Probleme.
In einem Monat sind Sommerferien. Doch die Nachrichten von gestrandeten Flugpassagieren und sehr hohen Reisekosten lassen die Reiselust sinken. Eine baldige Entspannung der Situation ist nicht zu erwarten.
Müssen wir mit Chaos an Flughäfen rechnen?
Medienberichten zufolge waren bereits am Pfingstwochenende Tausende Passagiere auf internationalen Flügen wegen zahlreicher Flugausfälle im Ausland gestrandet, wegen der Streichung von Easyjet, British Airways und Tu.lar mehrere Flüge wie in den Vortagen. Swiss teilte am Dienstag mit, Flüge im Juli und August wegen Personalmangels streichen zu müssen.
„Die Schwierigkeiten werden weitergehen“, prognostiziert der Tourismusexperte Christian Laesser von der St. Louis University. Gallen. Die aktuell hohe Nachfrage bei geringer Kapazität mache es zudem „überall voll und auch teurer“, sagte er gegenüber Blue News.
Wie teuer sind die Feiertage?
Die Notwendigkeit, mit einfachen Ersparnissen zu reisen, erhöht die Preise in Urlaubszielen. Nach einer Analyse des Portals Holidaycheck, die der „Spiegel“ berichtete, lagen die Reisepreise in Ägypten um rund 27 Prozent höher als 2019. Urlaubsaufenthalte in Griechenland und Spanien legten im gleichen Zeitraum um 16 Prozent zu. Die Übernachtungspreise stiegen in der Türkei um 15 Prozent und in Portugal um 14 Prozent.
Hinzu kommt, dass sowohl Fliegen als auch Autofahren aufgrund steigender Spritkosten generell teurer werden. Die Kerosinpreise machen laut Spiegel 20 bis 30 Prozent der Flugkosten der Lufthansa aus. Neben dem Spritpreis mangelt es den Autovermietern auch an Chips, was zu einem Mangel an Neuwagen führt. Laut “Spiegel” sind die Preise hier im Vergleich zu 2019 um 200 Prozent gestiegen.
Experte Lässer weist darauf hin, dass bisher nur die Bahnen anders seien. Aufgrund des relativ geringen Marktanteils ist dies jedoch nicht besonders wichtig.
Wie sieht es mit der Bahn aus?
Bei der SBB steige die Nachfrage nach internationalen Bahnreisen generell, sagte SBB-Mediensprecher Martin Meier gegenüber Blue News. Auch bei Nachtzügen ist ein anhaltender Trend zu beobachten. Ende Juli sind einige Destinationen wie Hamburg, Berlin oder Wien bereits ausgebucht. Verspätungen im internationalen Bahnverkehr seien vor allem bei Zügen aus Deutschland in die Schweiz aufgetreten, sagte Meier. Grund seien „intensive Bauarbeiten in Deutschland“ und die Verkehrszunahme durch das 9-Euro-Ticket.
Auch im Inlandverkehr in Österreich erwarten die SBB mehr Nachfrage auf der Schiene durch das neue Angebot „Klimaticket“, das als GA fungiert. Bei Reisen nach Österreich empfiehlt es sich ebenfalls, einen Sitzplatz zu buchen. Generell solltest du dein Ticket auch so schnell wie möglich kaufen und möglichst zwischen Montag und Donnerstag statt am Wochenende mit der Bahn fahren.
Gibt es besonders teure oder günstige Reiseziele?
Tourismusexperte Laesser rechnet nicht mit großen Preisunterschieden zwischen einzelnen Urlaubszielen. Ausnahmen sind jedoch möglich. Denken Sie zum Beispiel an die Türkei, deren Währung im Keller ist. Zudem sind mit Russland oder der Ukraine wichtige Märkte für das beliebte Reiseland eingebrochen. Im Gegenzug würden Länder wie die USA mit dem hochbewerteten Dollar teurer. Laut Laesser haben die Preise in Europa mittlerweile ein ähnliches Niveau wie in der Schweiz erreicht: «Es gibt keinen grossen Unterschied mehr.»
Schnell buchen?
Grundsätzlich gilt: «Je länger man wartet, desto teurer wird es», sagte der Geschäftsführer des Schweizer Reiseverbandes, Walter Kunz, gegenüber Blue News. Die aktuelle Situation sei für Reisebüros schwierig und ärgerlich, so der Branchenvertreter. Sie sieht aber auch eine Chance für Reisebüros und Reiseveranstalter. Sie konnten nun zeigen, dass es von Vorteil ist, bei Problemen nur einen Ansprechpartner zu haben: Man muss nicht mehrmals zum Telefon greifen, um Lösungen zu finden, wenn während der Reise etwas nicht funktioniert.
Müssen Sie auf Servicezusagen warten?
Das sei derzeit schwer zu beantworten, sagt Tourismusexperte Lässer. Denkbar ist aber, dass aufgrund von Personalengpässen einige Leistungen wieder an den Kunden delegiert werden. Möglicherweise können Sie Ihre Bestellung nirgendwo mehr am Tisch aufgeben und müssen Ihre Bestellung möglicherweise selbst an der Bar aufgeben. Die Branche habe bereits während der Pandemie eine scharfe Lernkurve erlebt: „Alle versuchen, mit ihren begrenzten Fähigkeiten zurechtzukommen und überlegen, wie sie ihre Mitarbeiter einsetzen.“
Wann ist mit einer Normalisierung zu rechnen?
Laesser vermutet, dass es keine schnelle Rückkehr zur Normalität geben wird. Nun fehlen Beschäftigte mit Niedriglohnjobs in Hotels, Restaurants und Flughäfen. Viele dieser Menschen haben inzwischen andere Jobs gefunden, in denen sie manchmal sicherer sind. Um sie zurückzubekommen, müssten sie wesentlich höhere Löhne zahlen, stellt er fest.
Eine Rückkehr zu Vor-Krone-Reisebedingungen soll laut Laesser erreicht werden, wenn die während der Pandemie angesparten finanziellen Reserven erschöpft sind.
Vorerst befürchten viele, dass die Pandemiebedingungen im Winter oder im nächsten Jahr erneut angewendet werden könnten. Für sie gilt: „Lass uns gehen, wann immer es geht.“ In der Folge würden Pressemitteilungen von den Pandemie-Ersparnissen aufgesogen: “Geld ist relativ locker, weil man aufholen muss.”