Wenn die Prognosen nach der Wahl stimmen, hätte sich Andersson eine weitere Amtszeit sichern müssen. Laut einer von TV4 veröffentlichten Umfrage erhielten die vier linken Parteien 50,6 Prozent der Stimmen und die vier rechten Parteien 48 Prozent. Der Sender SVT prognostizierte mit 49,8 für links und 49,2 für rechts ein noch knapperes Ergebnis.
Anderssons Sozialdemokraten lagen klar an erster Stelle. Laut SVT erhielten sie als Einzelpartei rund 29,3 Prozent der Stimmen. Die Schwedendemokraten kamen auf rund 20,5 Prozent; sie sind auf Rekordkurs und dürften erstmals die zweitstärkste politische Kraft im Stockholmer Reichstag sein. Die Moderaten von Ulf Kristersson lagen den Angaben zufolge bei 18,8 Prozent. Das wäre das schlechteste Ergebnis seit 2002.
In Schweden hingegen weichen Wahlumfragen teilweise deutlich vom Endergebnis ab. Rund 7,5 Millionen Menschen waren in dem skandinavischen Land zur Wahl aufgerufen, die Wahlbeteiligung ist traditionell hoch.
Bündnis mit den Schwedendemokraten
Das rechte Lager aus Gemäßigten, Christdemokraten und Liberalen hatte sich erstmals mit den rechtsextremen Schwedendemokraten (SD) zusammengeschlossen. Kristersson von den Moderaten kündigte diese Wende 2019 an, als er bereits Gespräche mit den nationalistischen und einwanderungsfeindlichen Schwedendemokraten unter Führung von Parteichef Jimmie Akesson führte. Später zogen seine Verbündeten, Christdemokraten und Liberale, nach.
AP/TT/Tim Aro Nachrichtenagentur Jimmie Akesson von den Schwedendemokraten: Auf dem Weg zum Rekordergebnis
Die Ende der 1980er Jahre aus der Neonazi-Bewegung hervorgegangenen Schwedendemokraten um Akesson zogen 2010 erstmals mit 5,7 % der Stimmen in den schwedischen Reichstag ein; 2018 erreichten sie bereits 17,5 %. Ihr Anstieg im letzten Jahrzehnt geht mit einem deutlichen Anstieg der Zahl der Einwanderer einher. Schweden mit seinen zehn Millionen Einwohnern nahm in dieser Zeit fast eine halbe Million Asylsuchende auf. Die eindeutige Ablehnung der Einwanderung und die gleichzeitige Verteidigung des schwedischen Wohlfahrtsstaates haben die Schwedendemokraten bei einkommensschwachen Gruppen und Rentnern beliebt gemacht.
Gewalt und Migration als Themen
Thema Nummer eins des Wahlkampfs war die Gewaltspirale der letzten Jahre. Erst im vergangenen Sommer gab es in Schweden eine Reihe von Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität (Drogen). Das bisher jüngste und spektakulärste Beispiel war die tödliche Schießerei in einem Einkaufszentrum in Malmö Mitte August. Immer wieder gerieten versehentlich Zuschauer in die Schusslinie.
Die Opposition warf Anderssons Sozialdemokraten vor, die Lage nicht im Griff zu haben. Schuld an der hohen Bandenkriminalität ist nach Ansicht des Schwedendemokraten Akesson eine “große, unkontrollierte und schlampige Einwanderungspolitik”.
NATO und Klima weggelassen
Kaum eine Rolle spielte im Wahlkampf hingegen die Bewerbung des skandinavischen EU-Landes um eine Nato-Mitgliedschaft im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Auch Klimathemen blieben außen vor, wie die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg kritisierte.
Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung dürfte die Regierungsbildung wie nach der Wahl 2018 lange dauern, da auch die Blockparteien in einigen Punkten uneins sind. Der schwedische Reichstag hat 349 Sitze. Für eine Mehrheit sind daher 175 Mandate erforderlich. Bisher musste Andersson mit seiner rein sozialdemokratischen Minderheitsregierung auf die Unterstützung der Zentrumsliberalen, der Linken und der Grünen zählen, um diese äußerst knappe Zahl zu erreichen. Die restlichen 174 Sitze hält bisher der rechtskonservative Block unter Kristersson.
Ein langes Patt wäre allerdings schwierig: Wirtschaftskrise, Nato-Mitgliedschaft und die EU-Ratspräsidentschaft 2023 stellen die künftige Regierung vor enorme Herausforderungen.