Davos Statement-Analyse: Donbass aufgeben? Warum Kissinger diese Idee auf den Boden gebracht hat

– Donbass aufgeben? Warum Kissinger diese Idee auf den Boden gebracht hat

Der ehemalige US-Außenminister im WEF schlug vor, die Ukraine solle Gebiete für den Frieden in Europa aufgeben, was Empörung hervorrief. Aber Henry Kissinger ist kein Putin-Anhänger.

Stefan Kornelius

Gepostet heute um 6:35 Uhr

Sollte Kiew Ostrussland an Russland abtreten, um das Gleichgewicht in Europa zu sichern? Ukrainische Soldaten an der Kriegsfront im Donbass.

Foto: AFP

Henry Kissinger, der Urvater der amerikanischen Diplomatie, ist gerade am WEF in Davos aufgetreten, wo man ihm gerne zu Füssen liegt. Doch was der ehemalige Außenminister sagte, wird nicht einmal dem relativ jungen Springer Joe Biden gefallen, geschweige denn den Wirtschaftsführern der Schweizer Berge, die plötzlich die politische Moral entdeckt haben.

So riet Kissinger der Ukraine, ihr Territorium an Russland abzutreten, um ein Friedensabkommen zu ermöglichen. Generell wird vor einer demütigenden Niederlage Russlands gewarnt, die die langfristige Stabilität Europas gefährden würde.

Tolle Leistungen mit 99 Jahren

All dies hat die ukrainischen Politiker und das Internet natürlich gebührend empört und Henry Kissinger zu seinem 99. Geburtstag an diesem Freitag viel Aufmerksamkeit geschenkt, was jedoch nicht sein Hauptziel hätte sein sollen.

Große Auftritte und Auftragsabrufe gehören nach wie vor zu Kissingers Wochenplan. Er tritt immer wieder bei Veranstaltungen und Preisverleihungen in Europa oder Asien auf. In Washington wird die Hotelsuite „Hay Adams“ noch regelmäßig für ihn gereinigt, man findet ihn dort im Fahrstuhl auf dem Weg zu den Terminen im Weißen Haus. Dass die Zeit in der amerikanischen Hauptstadt nicht stehen geblieben ist, kann nur der Walker bestätigen, der Kissinger seit einigen Jahren nutzt.

Kissinger weiß nur, dass nichts schwerer zu halten ist als das Gleichgewicht zwischen Staaten.

Wenn es ein hundertjähriges Gen gibt, hat Kissinger es von seiner Mutter Paula (die 97 Jahre alt wurde) und seinem Vater Louis (95) geerbt. Heinz Alfred Kissinger wurde 1923 in Fürth geboren, sein Vater Louis war dort Lehrer am Lyzeum. Die Familie floh 1938 vor den Nazis, viele Verwandte blieben und wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Die traumatischen Kindheitserlebnisse legten den Grundstein für eine politische und akademische Karriere, die in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt fand, als Kissinger unter Präsident Richard Nixon innerhalb weniger Jahre den Grundstein für die US-Außenpolitik legte. Als Sicherheitsberater und Außenminister war es seine Ordnungsidee, die zum blutigen Rückzug aus Vietnam, zur Öffnung gegenüber China, zur US-Vorherrschaft im Nahen Osten und natürlich zum Deal mit der Sowjetunion in der Kälte führte Krieg.

US-Präsident Joe Biden dürfte das nicht gefallen: Henry A. Kissinger, ein ehemaliger US-Sicherheitsberater, warnt davor, Russland nicht zu demütigen. (Archivbild)

Foto: Getty Images

Tod und Zerstörung gehörten ebenso zu seinem außenpolitischen Kalkül wie der Freizeitgebrauch der Macht. Es ist dieses tiefe Verständnis von Balance und Gleichheit, das Kissinger, den Schüler der europäischen Staatsordnung, heute ein kaltes Urteil über Russland fällen lässt: Ja, ich habe diese Invasion nicht für möglich gehalten, sagte er kürzlich. Um dann auf wenigen Quadratkilometern im Donbass den Rat zu erteilen, die Stabilität Europas nicht zu gefährden. Wer hinter diesen Sätzen einen Apologeten Putins oder einen geistigen Bruder aus der Denkschule hört, der den Westen für den Krieg verantwortlich macht, verliert den Verstand. Kissinger weiß nur, dass nichts schwerer zu halten ist als das Gleichgewicht zwischen Staaten.

Übrigens wurde Kissingers umfangreiches Spätwerk kurz nach Kissingers Geburtstag mit Memoiren über die größten Staatsmänner seines Lebens bereichert. Allerlei kam zusammen, und auf beharrlichen Wunsch des Verlegers nahm Kissinger auch Staatsfrauen in seine Adelsliste auf. Mit ihm können die hundert Lebensjahre beginnen.

Gepostet heute um 6:35 Uhr

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