Stand: 08.05.2022 14:42 Uhr
Kernenergie ja oder nein? Aufgrund der gestiegenen Energiepreise fordert die Union eine Verlängerung der Betriebszeiten der Kraftwerke. Im deutschen ARD-Trend ist die Mehrheit dafür. Objekte Latif des Klimaforschers.
Die Debatte über eine mögliche Verlängerung der Nutzungsdauer von Kernkraftwerken (KKW) geht angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine weiter. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif kritisierte die Idee, die Reaktoren über 2022 hinaus am Netz zu lassen. Der Wissenschaftler sagte in einem Interview mit der Zeitung „Trierischer Volksfreund“, wer jetzt zurück zur Atomkraft wolle und sie vielleicht noch ausbaue, tue dies noch kümmern sich nicht um die Umwelt und zukünftige Generationen.
Atomkraft ist laut Latif die teuerste Form der Stromerzeugung, die die Gesellschaft durch direkte und indirekte Subventionen bezahlt. Er sieht einen „riesigen Makel“: Konzerne machten Gewinne, Folgekosten würden auf die Gesellschaft abgewälzt. Der Wissenschaftler zeigte sich enttäuscht von der “Atemlosigkeit des politischen Handelns”. Eine langfristige Strategie für eine von fossilen Brennstoffen unabhängige Energieversorgung fehlt seit Jahrzehnten. Das Thema stand bereits während der Ölkrise 1973 im Raum.
Der Klimaforscher Mojib Latif ist strikt gegen Stromerzeugung aus Atomkraft. Bild: dpa
Die Gewerkschaftsfraktion will neue Brennstäbe kaufen
Unionspolitiker haben sich dagegen für eine Verlängerung der Laufzeiten ausgesprochen. Ihre Fraktion drängt jetzt auf schnelle Entscheidungen. “Wir können nicht bis September warten” auf den Beginn eines entsprechenden Gesetzgebungsverfahrens, sagte Parlamentsgeschäftsführer Thorsten Frei laut der Nachrichtenagentur AFP. Seine Fraktion sei „immer“ bereit für eine außerordentliche Parlamentssitzung. Die nächste ordentliche Sitzung eine Woche nach der parlamentarischen Sommerpause soll am 5. September beginnen.
Wegen der angespannten Lage auf den Energiemärkten sprechen sich CDU und CSU dafür aus, die eigentlich für den 31. Dezember geplante endgültige Abschaltung der letzten drei deutschen Atomreaktoren zu verschieben. Sie wollen zumindest einen sogenannten „Streckbetrieb“, also möglichst lange mit den bestehenden Brennstäben weiterarbeiten, bevorzugen aber die Anschaffung neuer Brennstäbe und eine Verlängerung der Nutzungsdauer bis 2024. Das Problem ist in der Ampelkoalition umstritten.
Auch die “Streckoperation” könne “bis Weihnachten nicht entschieden werden”, so Frei. Auch Atomkraftwerksbetreiber brauchen ein „klares Signal“. Den Angaben zufolge plädierte er für die Anschaffung neuer Brennstäbe, damit die Anlagen bis 2024 betrieben werden können. Im kommenden Winter könnte die Situation schwieriger werden als jetzt. Frei verwies auf den deutlichen Rückgang der Gaslieferungen aus Russland.
Spahn: Die atomare Eliminierung kam nach heutigem Kenntnisstand zu früh
Im SWR-Interview in dieser Woche sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn jedoch, er sei nach wie vor grundsätzlich für den Atomausstieg. Das hat die Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Merkel vor elf Jahren als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen. Allerdings sei aus klimapolitischer Sicht der Auftrag falsch, „erst raus aus der klimaneutralen Atomkraft und lasst die klimatötende Kohle (…) noch stärker laufen.“
Spahn räumte ein: „(Wir) haben uns in der Post-Fukushima-Debatte von den Grünen in die falsche Richtung führen lassen. Wir hätten lieber zuerst die Kohlekraftwerke abgeschaltet als die Atomkraftwerke.“ In der Debatte um längere Laufzeiten fürchten nun viele Grüne um “ihre Lebensaufgabe”. Spahn appelliert:
Wenn die Grünen jetzt dorthin zögen, würden sie unserem Land einen großen Dienst erweisen.
ARD-Trend Deutschland: Mehrheit durch Verlängerung
Im aktuellen Trend der ARD Deutschland sprach sich eine deutliche Mehrheit der Deutschen für einen zumindest vorübergehenden Weiterbetrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland aus. 41 Prozent der Befragten befürworteten eine Fortsetzung für einige Monate. Weitere 41 % sprachen sich sogar für eine langfristige Nutzung der Kernenergie aus.
Andererseits will fast ein Sechstel der Befragten wie geplant bis Ende des Jahres aus der zivilen Nutzung der Kernenergie aussteigen. Die meisten Befragten unterstützten das Ziel der Bundesregierung, Deutschland unabhängig von russischen Energieimporten zu machen: 71 Prozent hielten dieses Ziel für richtig, fast jeder Vierte hielt es für falsch.
Kritiker des Weiterbetriebs von Atomkraftwerken behaupten unter anderem, dass die Kraftwerke zuletzt nur sechs Prozent des deutschen Strombedarfs deckten. Eine Verlängerung der Nutzungsdauer würde auch zu zusätzlichem Atommüll führen. Derzeit sind in Deutschland noch drei Kernkraftwerke am Netz: Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2. Die drei jüngsten Reaktoren sollen laut Atomgesetz bis spätestens Ende 2022 abgeschaltet werden.
ARD-Deutschlandtrend: Mehrheit befürwortet Weiterbetrieb des Atomkraftwerks
08.04.2022 22:34