Der gefälschte russische Comic-Klitschko gibt zu, angerufen zu haben

Exklusiv

Stand: 29.06.2022 10:34 Uhr

Ein Comedy-Duo behauptet, hinter der Reihe von Videoanrufen mit europäischen Bürgermeistern gestanden zu haben. Der mutmaßliche Vitali Klitschko hatte unter anderem den Berliner Bürgermeister Giffey getäuscht.

Hinter dem falschen Vitali Klitschko, der in den vergangenen Wochen Kontakt zu den Bürgermeistern der europäischen Hauptstadt hatte, soll ein russisches Comedy-Duo stecken. Die Betroffenen hatten teilweise lange Videoanrufe mit dem Mann geführt, von dem sie glaubten, dass er der Bürgermeister von Kiew sei. Einige, darunter Franziska Giffey (SPD), erkannten erst spät, dass sie getäuscht worden waren. Der Bürgermeister der Berliner Regierung tauschte sich etwa eine halbe Stunde lang mit dem Unbekannten aus.

Auch die Bürgermeister von Budapest, Madrid, Warschau und Wien gerieten bekanntlich ins Visier von gefälschten Klitschko-Anrufen. Verantwortlich für diese Serie sind nach eigenen Angaben Vladimir Krasnov und Alexei Stolyarov, in Russland unter ihren Künstlernamen „Vovan“ und „Lexus“ bekannt. „Ich möchte nicht verraten, wie wir das gemacht haben, aber es war einfach“, sagte Stolyarov in einem Telefonat mit dem Politmagazin der ARD Kontraste.

Premiere ist am Donnerstag

Um die Gesprächspartner glaubhaft zu täuschen, waren sie gut vorbereitet und betrieben das sogenannte Social Engineering. Vorhandene Informationen über Personen und deren Umfeld werden gesammelt und beispielsweise E-Mail-Absender gefälscht, wodurch die Empfänger überzeugt werden. Kunst liegt in der Illusion. „Es funktioniert jedes Mal“, sagte Stolyarov gegenüber Kontraste. Das Comedy-Duo wird Videoaufnahmen aller “Witze” online stellen. Ein erster Beitrag zu einem russischen YouTube-Klon wird für Donnerstag erwartet.

Eine zweite Quelle kann die Angaben der beiden nicht verifizieren: Belege für seine Behauptungen legte Stolyarov nicht vor, ebensowenig wollte er die E-Mail veröffentlichen, mit der er und seine Partnerin die Termine Anfang Juni vereinbart haben wollen.

Stolyarov hatte sich bereits am Montag auf Twitter über den von einem falschen Klitschko begrüßten Wiener Bürgermeister Michael Ludwig lustig gemacht. Dass das Duo bereits zahlreiche Prominente und Politiker in ähnlicher Weise angerufen hat, spricht für die Plausibilität ihrer Aussagen. Erfolgreich war er laut Medien unter anderem bei Boris Johnson und Emmanuel Macron sowie beim CDU-Politiker Norbert Röttgen, dem damaligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Kürzlich gaben sich Krasnov und Stolyarov als Wolodymyr Selenskyj gegenüber JK Rowling aus und erhielten ungünstige Aussagen des Autors von „Harry Potter“.

Telefonpropaganda gegen Kritiker in Russland

Die Berliner Senatskanzlei wollte sich am Dienstag nicht zu der Selbstbelastung des Comedy-Duos äußern. Zuvor hatte Giffey die Methoden der rbb-Fälscher mit moderner Kriegsführung verglichen, gegen die der Staatsschutz ermittelt. Auch wurde in den vergangenen Tagen spekuliert, dass sich hinter dem falschen Klitschko ein Staatsdarsteller verstecken könnte. „Es ist merkwürdig, dass uns vorgeworfen wird, für die Geheimdienste zu arbeiten“, sagt Stolyarov Kontraste und bestreitet dies.

Die Aktionen von Krasnov und Stolyarov wirken jedoch oft politisch motiviert. Sie richten sich zunehmend an Personen, die Russland kritisieren oder sich aus russischer Sicht falsch verhalten. Im Mai hatte das Duo Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper, ausgetrickst, der sich nach Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine vom russischen Weltstar Anna Netrebko getrennt hatte.

JK Rowling hatte Putin beschuldigt, Zivilisten getötet zu haben. Unter dem Vorwand gelang es dem Duo, den Applaus der angeblichen Großmütter zu ergattern, die – wie die Autorin aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse wohl nicht wusste – T-Shirts mit der Aufschrift „Nur Putin“ trugen. Stolyarov bestritt, dass es sich um eine politische Botschaft handele. “Das war nur ein lustiges Meme.”

Die Comics wurden in Russland ausgezeichnet

Es gibt Hinweise darauf, dass Stolyarovs Proteste nur Vorwände sind, um Putins Propaganda als harmlose Komödie zu verherrlichen. So wurden er und Vladimir Krasnov Anfang Juni bei einer Preisverleihung in Moskau geehrt. Die Auszeichnung wurde von einer Sprecherin des russischen Außenministeriums überreicht. Er bezeichnete die beiden als „Meister der Telefondiplomatie“ – mitten im Krieg.

Dieser Hintergrund des Comedy-Duetts lässt erahnen, was Alexei Stolyarov für die angebliche Internet-Sendung mit Stadtführern ankündigt: Die nächste Ausgabe werde sich mit ukrainischen Flüchtlingen befassen. Bürgermeister wurden gefragt, was sie von diesen Menschen halten. Tatsächlich, so Giffey, sei die Flüchtlingssituation mit dem falschen Klitschko besprochen worden. Er fragte, ob deutsche Sicherheitsbehörden helfen könnten, geflüchtete Jugendliche in die Ukraine zu bringen.

Giffey sagte der staatlichen Pressekonferenz am Dienstag, dass er den zweifelhaften Antrag zurückgewiesen habe. Gleichzeitig betonte er noch einmal, wie ihm der falsche Klitschko täuschend echt vorkam. Auch die Lippenbewegungen seines Gesprächspartners am Freitag hätten authentisch gewirkt und zu seinen Worten gepasst.

Angeblich kein Deepfake

Wie es den Fälschern gelang, die Stadtoberen über weite Strecken zu überzeugen, bleibt ein Rätsel. Die Berliner Senatskanzlei schrieb zunächst auf Twitter, es handele sich offenbar um einen sogenannten Deepfake: ein computergeneriertes Abbild von Klitschko, erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz.

Eine Kontrastbewertung anhand von Screenshots, die den Videoanruf zeigen, ließ Zweifel an dieser Annahme aufkommen: Die Elemente des Bildes scheinen aus einem früheren Interview kopiert worden zu sein, das Klitschko mit einem ukrainischen Journalisten geführt hatte. Dies könnte darauf hindeuten, dass ein vorhandenes Video neu angeordnet und neu wiedergegeben wurde.

Krasnov und Stolyarov verraten selten genau, wie sie vorgegangen sind. „Ich kann nur sagen, dass es keine tiefe Fälschung war“, sagte Stolyarov. Da sie den falschen Klitschko erschaffen haben wollen, wollen sie …

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