Wie wichtig eine ausgewogene Darmflora für ein möglichst gesundes Leben ist, ist längst bekannt. Generell gilt: Je mehr verschiedene Bakterien in einem gesunden Darm vorhanden sind, desto besser. Gerade in Industrieländern ist die Bakterienvielfalt im Darm jedoch oft gering, erklärt der Biologe Aashish Jha von der New York University in Abu Dhabi auf science.ORF.at.
Er war Teil eines Teams, das die möglichen Gründe dafür genauer untersucht hat. Das Ergebnis stellen Forscher um den amerikanischen Mikrobiologen Matthew Olm derzeit im Fachblatt „Science“ vor.
Globaler Vergleich
Im Vergleich zu Menschen in Industrieländern haben traditionellere Menschengruppen wie die Hadza von Tansania mehr unterschiedliche Bakterien in ihrem Darm. „Eines der Dinge, für die Hadza als Erwachsene bekannt sind, ist, dass sie eine der vielfältigsten Darmflora haben, die beim Menschen zu finden ist“, sagt Jha. Die Angehörigen der Volksgruppe leben als traditionelle Jäger und Sammler und sind daher noch sehr naturverbunden.
Ein besonderes Interesse der Forscher galt der Untersuchung der Entwicklung der Darmflora von Geburt an: „Wir wollten die Frage klären, ab wann sich die Darmflora eines Menschen von der anderer unterscheidet.“
Dazu analysierte das Team etwas mehr als 60 Proben von Hadza-Neugeborenenkot und verglich sie mit Datenbanken aus 18 industrialisierten Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt. Dem Team gelang es auch, eine detailliertere Metagenomik von etwa der Hälfte der Hadza-Proben zu untersuchen. „Damit konnten wir das gesamte Bakteriengenom der Darmflora in mehr als 30 Proben genau analysieren“, sagt Jha.
Unterschiede ab dem sechsten Monat
In den ersten Monaten nach der Geburt fanden die Forscher fast keine signifikanten Unterschiede in der Darmflora der Kinder, egal woher sie kamen. Erst ab dem sechsten Monat bemerkten sie Veränderungen.
Es stellte sich heraus, dass “einige Mikroben, die im Darm von Hadza-Kindern gefunden wurden, in Proben aus Industrieländern fehlten”. Experten bewerteten etwa 20 Prozent der Bakterienarten in den Hadza-Proben als neu; die meisten davon konnten in Proben aus Industrieländern nicht nachgewiesen werden.
Die Folgen des Verschwindens von Bakterien
Laut Jha sollen erste Studien zeigen, welche der gefundenen Bakterien wofür verantwortlich sind. Allerdings hat der Vergleich unter anderem gezeigt, dass Kinder in Industrieländern einige wichtige Bakterien nicht haben.
Einige davon sind besonders in frühen Entwicklungsstadien relevant, um zum Beispiel Muttermilch bestmöglich zu verarbeiten. „Das kann bedeuten, dass Kinder in Industrieländern die Muttermilch schlechter verarbeiten als Kinder in der Hadza.“ Das Fehlen dieser Bakterien in der Darmflora könnte sie laut dem Biologen auch anfälliger für Schwächen des Immunsystems machen, etwa in Form von Allergien. Dieser Zusammenhang muss jedoch zunächst genauer untersucht werden.
Gesunder Lebensstil von klein auf
Jha bestreitet nicht, dass auch die Umwelt und äußere Einflüsse die Darmflora teilweise verändern. Die Ergebnisse des Teams würden jedoch deutlich zeigen, dass neben dem Erbgut der Mutter auch der allgemeine Lebensstil die Bakterienvielfalt des Darms langfristig verändert.
Das würde auch ein weiterer Vergleich der Forscher zeigen. Dazu verwendeten sie Hadza-Proben und Daten aus Regionen im Übergang zu einem industrialisierten Lebensstil. Laut Jha ist die lokale Bevölkerung immer noch natürlicher als in vielen westlichen Ländern, aber nicht so traditionell wie die Hadza. Der Vergleich zeigte, dass sich die Darmflora von Neugeborenen erst nach etwa zweieinhalb Jahren deutlich von Hadza-Proben unterschied.
Laut Jha wollen die Forscher mit dem Ergebnis auf die Bedeutung eines gesunden Lebensstils von Kindesbeinen an aufmerksam machen. Die Erkenntnisse könnten nach weiterer Forschung auch zur Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten in der Medizin führen, denn zahlreiche Immunschwächen und Erkrankungen stehen im Zusammenhang mit Störungen der Darmflora.