Aus Sicht eines älteren Zuschauers können die Probleme, die die gerade 30 gewordene Norwegerin Julie (Renate Reinsve) denkt, ein wenig zum Schmunzeln bringen. Zum einen, weil Sie sich vielleicht an jene Zeiten erinnern, als Sie jung waren, die Sie dazu einladen, von einem großen Glück zu träumen, das zumindest gedanklich möglich erscheint. Andererseits, weil diese Julie auch dem Leben abverlangt, was ihr ihre Umgebung manchmal nicht zulässt.
Julie ist jedenfalls unglücklich. Also beendet er seine Beziehung und wechselt sein Studium von Medizin zu Psychologie. Das ist der Studiengang, in dem 90 Prozent der Studierenden an einer Essstörung leiden, wie Regisseur Joachim Trier in „Der schlimmste Mann der Welt“ humorvoll erklärt.
Liebe Melodram
Der schlimmste Mann der Welt, N/S/DK/F 2021
Regie führt Joachim Trier. Mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum
verständnisvolle Frau
Ist das Betrug, Rauch in den Mund zu blasen? Eine der Fragen, die der Film aufwirft. – © Movie Store
Alleine aus diesem Grund ist es (wieder) nichts für Julie. Und was machst du, wenn du nicht weißt, was du tun sollst? Julie möchte sich als Fotografin versuchen. Und wie derjenige, der männliche Models nach Dreharbeiten direkt ins Bett wirft. Selbstfindung, Ausprobieren nennen das die Frauen in diesem Film. Männer verstehen meistens galante Frauen, aber wenn die Frau nicht so markiert, wie sie will, haben sie bekannte Probleme.
Julie Aksels Freund (Anders Danielsen Lie) zum Beispiel: ist eine erfolgreiche Cartoonistin mit Kinderwunsch, die sich Julie (noch) nicht erfüllen will, weil sie sich lieber alle Optionen offen hält, nur wegrennt, wenn sie will. es ist frustrierend geworden. Julie fühlt: Dieser Tag wird kommen. Aksel nimmt die Abgründe der Psyche der Frau nie wirklich wahr, trotz all ihrer Verständnishetze ist sie überrascht, als auch Julie eines Tages mit ihm Schluss machen will. Fast hätte er ihn verraten, ohne den Begriff in die Tat umzusetzen. Denn den Rauch eines anderen Mannes zu saugen ist kein Fremdgehen, oder?
Keine Muttergefühle
Sind Sie ein schlechter Mensch, wenn Sie ständig mit den Entscheidungen des Lebens spielen, ohne jemals zur Ruhe zu kommen? Wenn einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft, wenn das Schreien kleiner Kinder kein Gefühl von Mutterschaft weckt? Wann glaubt man auch mit 30 noch an die Freiheit, machen zu können, was man will?
All diese Fragen stellt Joachim Trier im Kontext eines Dramas, das seine Themen mal leichtfertig, mal ernst denkt. Die Hauptdarstellerin Renate Reinsve ist so exzellent besetzt, dass man sich für die Zeit dieses Films förmlich in diese Julie verliebt, die man ununterbrochen in ihrem Glückskosmos sehen kann; Reinsve, der 2021 den Cannes Actor Award gewann, bietet Julie eine wunderbare auratische Ambivalenz aus Glück und Traurigkeit, Leidenschaft und Distanz. Noch größer wird die Redegewandtheit dieser Figur, wenn mit dem sympathischen Eivind (Herbert Nordrum) ein weiterer scheinbar passender Kandidat der Marke „Lebensmensch“ in ihre Wahrnehmung eintritt und alles noch einmal auf den Kopf stellt. Aber in diesem Film wartet auch eine ganz andere Wendung, die direkt ins Melodram übergeht.
Der kleinste gemeinsame Nenner von Julies Wertesystem ist ihr Wissen um ihre eigene Menschlichkeit und dass das Scheitern in Beziehungen Teil eines Lernprozesses ist. Joachim Trier arbeitet es auf visuell intime, fast poetische Weise in diesem Liebesfilm aus, in dem eine junge Frau manchmal fast unbemerkt durch ein lyrisches Oslo taumelt, in dem die Zeit auch mal stehen bleiben kann. .