Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius ist gestorben

Genau zwei Wochen vor seinem Tod schrieb Friedrich Christian Delius seinen letzten Text, den die FAZ druckte (17. Mai). Darin verabschiedete sich der Schriftsteller nach fünfzig Jahren als Mitglied vom PEN, weil er empört über die Umstände der ohnehin schon berüchtigten Gothaer Konferenz gewesen war. Delius hat seine ganze Energie wieder in diesen Artikel gesteckt; Nach dem Lesen hätte niemand gedacht, dass dieser wütende Mann bald danach sterben würde. Und es war auch ein typischer Delius-Text, in dem er sich einmal mehr als Chronist der Zeitgeschichte bewies: eine Reminiszenz an seine eigenen schriftstellerischen Anfänge in den frühen 1970er-Jahren, als er das, was in der Föderation als unantastbar galt, sofort in Frage stellte. Republik, in diesem Fall der Siemens-Konzern. FC Delius, wie sein erster preußischer Klangname lange abgekürzt wurde, war kein Mensch, der sich um Sensibilitäten scherte, nicht einmal um seine eigenen. Einzige Ausnahme war sein Sprachgefühl, das in Büchern zum Ausdruck kam, die zu den stilistisch schönsten Werken der deutschen Gegenwartsliteratur gehören.

Nehmen wir „Der Rostocker Spaziergang in Syrakus“, erschienen 1995, und natürlich die Wegbeschreibung nach dem „Spaziergang in Syrakus 1802“ von Johann Gottfried Seume, der zwei Jahrhunderte zuvor eine literarische Epoche gemacht hatte. Die darin dokumentierte Liebe zu Italien war Delius von Geburt an eingeschrieben; wurde 1943 in Rom als Sohn eines deutschen Schäferhundes geboren. Länger als ein Jahr blieb die Familie dort nicht, der Krieg brachte sie zurück nach Deutschland, aber die spätere Italianität von Delius’ Schreiben war gesichert, schöner in dem 2006 erschienenen „Porträt der jungen Mutter“, aber auch in Bezug auf die Eleganz der beiden Romane „Adenauerplatz“ und „Mogadischu Fensterplatz“ der 1980er Jahre, die mit ihren politischen Themen Maßstäbe in der öffentlichen Wahrnehmung setzten. Damit sicherte sich Delius seinen festen Platz zugunsten der Öffentlichkeit.

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Letztes Jahr kommentierte er die Frankfurter Anthologie, ein Gedicht, das er im Alter von achtzehn Jahren spontan über den Bau der Berliner Mauer schrieb. Er schloss: „Der Slogan lautet „Haltung“ / zerknüllt / in Mülltonnen gestapelt // vorsichtig rausnehmen / weich machen / und nochmal fragen“ (FAZ, 14.08.2021). Darin steckt das ganze Schreibethos des Autors, seine Skepsis gegenüber den Slogans und vor allem sein Hinterfragen dessen, was allgemein als gültig galt. Delius war lange Zeit ein sogenannter politischer Schriftsteller, gleichzeitig aber auch ein großer Traditionalist, der sein eigenes Leben immer wieder mit dem Lauf der Zeit konfrontierte. Er nahm sich Zeit, zum Beispiel für seine Erfolgsgeschichte „Am Sonntag wurde ich Weltmeister“. Vier Jahre nach dem deutschen Weltmeistertitel in Rom erschienen, führte seine Handlung zurück in das „Wunder von Bern“ von 1954, das der elfjährigen Ich-Erzählerin nicht als nationales, sondern als individuelles Selbstbewusstsein galt.

Je persönlicher die Bücher von Delius waren – und diesen Trend pflegte er mit zunehmendem Alter – desto größer war die Überraschung über diese scheinbar veraltete Sprache, die zunehmend ihre Vorbilder in der Literatur der Aufklärung fand. Der Büchner-Preis 2011 würdigte diese besondere Rolle von Delius ebenso wie die Entscheidung des ihm über vierzig Jahre lang verbundenen Rowohlt-Verlages, dem Autor eine Spätausgabe des Werkes in Einzelbänden zu widmen.


Sein neuestes Buch, erschienen 2021, war wieder ganz neu: „Die sieben Zungen des Schweigens“, drei Erlebnisgeschichten ganz im Delius. Still sein? Es ist schwer vorstellbar, ohne diese Stimme zu lesen. Jetzt musst du es tun. Friedrich Christian Delius ist am Montagabend in Berlin gestorben.

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