Stand: 19.07.2022 11:06 Uhr
Angesichts der anhaltenden Hitze aktivieren mehrere europäische Länder ihre Notfallpläne: Frankreich richtet „Kühlräume“ ein, und Ventilatoren auf einer britischen Landwirtschaftsmesse sollen Menschen und Tiere frisch halten.
Spanien: Beobachtungsplan für ältere, kranke und arme Menschen
In Spanien gibt es keinen allgemeinen nationalen thermischen Notfallplan. Aber natürlich Empfehlungen des Gesundheitsministeriums sowie Warn- und Präventionspläne an die autonomen Gemeinschaften und Verwaltungen. Ziel ist es, gesundheitliche Risiken so gering wie möglich zu halten. Als Orientierung dient das mehrstufige Warnsystem des Wetterdienstes. Da zum Beispiel in Madrid Hitzewellen mittlerweile fester Bestandteil des spanischen Sommers sind, wird am 1. Juni automatisch ein Beobachtungszeitplan aktiviert, der bis Mitte September aktiv bleibt. Andere Regionen tun das Gleiche.
Im Fokus stehen besonders gefährdete Gruppen, also Kranke und ältere Menschen, insbesondere wenn sie allein ohne zusätzliche Unterstützung leben, aber auch Menschen mit wenig Geld, die zum Teil auf engstem Raum ohne Klimaanlage leben. Denn gerade kleine Wohnungen können sich auf über 40 Grad aufheizen. Ist beispielsweise die Hitzewarnstufe Rot – also an vier aufeinanderfolgenden Tagen Temperaturen über 38,6 Grad prognostiziert – wird dies zum Beispiel an Gesundheits- und Sozialdienste gemeldet. Sie können dann mit besonders gefährdeten Personen in Kontakt treten, zum Beispiel durch Hausbesuche, um herauszufinden, welche zusätzliche Unterstützung die Menschen benötigen. Aber das System ist erweiterbar.
Von Franka Welz, ARD Studio Madrid
Vereinigtes Königreich: Routinetermine in abgesagten Kliniken
In Großbritannien werden heute höhere Temperaturen als gestern erwartet, Meteorologen glauben, dass die 41-Grad-Marke erreicht werden könnte. Erstmals in der Geschichte Englands ist die Hitzewarnstufe rot, was „Gefahr für Leib und Leben“ bedeutet. Auch die britische Gesundheitsbehörde hat die höchste Warnstufe herausgegeben, die einem nationalen Notstand entspricht. Es ist ratsam, viel zu trinken, sich im Schatten oder in Innenräumen aufzuhalten und auf besonders gefährdete Personen zu achten.
Routinetermine in Kliniken wurden abgesagt, um Kapazitäten für Hitzeopfer zu schaffen. Einige Schulen bleiben geschlossen, Sportfeste wurden verschoben und der Bahnverkehr auf einzelnen Strecken reduziert oder eingestellt. Die Gleise waren vorher weiß gestrichen worden, um die Hitze zu reflektieren.
Auch die Royal Welsh Agricultural Show in Wales, zu der in den kommenden Tagen 50.000 Besucher erwartet werden, leidet unter der Hitze. Die Organisatoren haben Zehntausende zusätzliche Pfund in Ventilatoren investiert, um die 8.000 Tiere so frisch wie möglich zu halten. Veranstalter Harry Fetherstonhaugh hat erklärt, dass zusätzliche Schattenplätze geschaffen wurden und man im Zweifelsfall mehr Zeit für die Preise einräumen würde, sonst würde die Schau vorübergehen: „Besonders empfindliche Schweinerassen wurden mit nassen Tüchern umwickelt und mit Sonnencreme eingerieben“.
Die britische Regierung ist für ihr Management der Hitzewelle kritisiert worden: Premierminister Boris Johnson hat zwei Krisensitzungen zu diesem Thema ausfallen lassen. Sein Stellvertreter Dominic Raab bat darum, am Wochenende die Sonne zu „genießen“.
Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London
Belgien: Bäckereien schließen früher
In Belgien soll es heute heiß werden: Bis zu 40 Grad werden erwartet, nachdem gestern 36 Grad gemessen wurden. Deshalb hat das Royal Meteorological Institute vor wenigen Tagen die vorletzte Warnstufe des Hitzeplans, Orange, bekannt gegeben. Es konzentriert sich auf besonders gefährdete Gruppen wie ältere Menschen, kleine Kinder und Obdachlose. Es wird empfohlen, die Sonne zu meiden, viel zu trinken und Fenster und Türen zu schließen, um einen Hitzschlag und Austrocknung zu vermeiden.
Aufgrund der Hitze wird auch mit hohen Ozonwerten gerechnet. Das bedeutet, dass die Luftqualität schlechter als gewöhnlich ist. Dies kann zu Atembeschwerden oder Augenreizungen führen. Daher sollten sich die Belgier nicht zu sehr anstrengen. Bäckereien und Metzgereien wollen laut Medien vorsorglich früher schließen. Auch die Müllabfuhr sollte früher beginnen.
Von Nadia Aboulwafi, ARD Studio Brüssel
Frankreich: Informationen zum Hitzschlag
In Frankreich wird jeden Sommer der Canicule Plan, der nationale Hitzeplan, aktiviert, ein System mit vier verschiedenen Warnstufen von grün bis rot. Bereits in der vorletzten Stufe – orange – treten die ersten Sofortmaßnahmen in Kraft: In den betroffenen Regionen richten Städte und Gemeinden für alle Obdachlosen „Kälteräume“ wie klimatisierte Rathäuser ein. erträglicher. Die Medien und Websites der Regionen und der Regierung informieren unter anderem über die Symptome des Hitzschlags, und die Regierung verfügt über ein Notruftelefon. Rathäuser sollten alleinstehende ältere Menschen kontaktieren und ihnen bei Bedarf Hilfe bei großer Hitze anbieten.
Die höchste Warnstufe des Canicule-Plans tritt bei Temperaturen über 40 Grad in Kraft. Die Präfekten der betroffenen Regionen können dann beispielsweise Outdoor-Veranstaltungen absagen, öffentliche Einrichtungen wie Kitas und Kindergärten schließen, Feuerwehrleute in Waldbrandgebieten alarmieren und Krankenhäuser auf mehr Patienten vorbereiten. Seit 2004 gibt es in Frankreich den Canicule-Plan. Das Land hat aus der Hitzewelle 2003 gelernt: Damals starben mehr als 15.000 Menschen, meist ältere und alleinstehende Menschen, an den Folgen der extremen Hitze. Die Kühlkammern reichten nicht mehr aus, um die Toten unterzubringen, und der Großmarkt in Rungis bei Paris wurde zu einer Leichenhalle.
Von Sabine Wachs, ARD Studio Paris