Der Widerstand gegen den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke bricht zusammen

Aktualisiert am 26.07.2022 um 16:43 Uhr

  • Kann Atomkraft helfen, wenn Deutschland das Gas ausgeht?
  • Auch bei den Grünen ist das gerade in einer besonders stark betroffenen Region nicht mehr pauschal ausgeschlossen.

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Deutsche Atomkraftwerksbetreiber bereiten sich seit Jahren auf das Ende vor. Doch die erneute Begrenzung der Gaslieferungen aus Russland stellt dies nun in Frage. Sollen und können die letzten drei deutschen Stacks weiterlaufen?

Deutschlands Nachbar Belgien hat wegen des russischen Krieges in der Ukraine den Atomausstieg bereits um zehn Jahre hinausgezögert. In der Bundesregierung ist dafür vor allem die FDP offen. Aber auch die Grünen schließen eine vorübergehende Betriebskontinuität nicht mehr aus.

In einer echten Notsituation, etwa wenn Krankenhäuser nicht mehr funktionieren, müsse darüber gesprochen werden, sagte Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt gegenüber „Anne Will“. Das grün geführte Wirtschaftsministerium unterzieht die Stromversorgung einem verschärften Stresstest. Es wird auch nach Frankreich geschaut, wo etwa die Hälfte der Kernkraftwerke wegen Störungen oder Wartungsarbeiten vom Netz waren, sodass die Reaktoren weniger Strom lieferten als sonst. Aus Bayern gibt es sogar einen Vorschlag, die bereits laufenden Atomkraftwerke wieder hochzufahren, weil das Land unter besonderem Druck steht.

Wie viele Kernkraftwerke gibt es in Deutschland und wie viel Strom produzieren sie?

Derzeit sind drei Kernkraftwerke am Netz: Emsland in Niedersachsen, Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Nach geltendem Recht müssen die drei Reaktoren bis spätestens 31.12.2022 abgeschaltet werden.

Zusammen erzeugten sie in diesem Jahr (Stand: 26. Juli, 10.04 Uhr) rund 6,4 Prozent des deutschen Stroms, so das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Erdgas trug im gleichen Zeitraum 10,1 Prozent zum Strommix bei, während Erneuerbare mit 51,6 Prozent den größten Anteil hatten. Der in diesem Jahr aus Kernkraft erzeugte Strom könnte bei durchschnittlichem Verbrauch fast 4,5 Millionen Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang versorgen.

Übersicht über Kernkraftwerke in Deutschland.

© dpa/dpa-infografik GmbH

Was nützt der Ausbau von Atomkraftwerken zur Stromerzeugung, wenn wir wirklich Wärme zum Heizen brauchen?

Erdgas, das knapp zu werden droht, wird hauptsächlich zum Heizen verwendet. Es trägt aber auch rund 10 Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei. Wer länger auf Kernkraft setzen würde, könnte mehr Gas zum Heizen verwenden. Nuklearingenieur Thomas Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) schätzt, dass der seit Anfang des Jahres erzeugte Atomstrom genug Erdgas ersetzen kann, um jährlich etwa drei Millionen Einfamilienhäuser zu heizen. Allerdings ist umstritten, wie viel Strom Kernkraftwerke mit ihren älteren Brennstäben noch liefern könnten.

Ist eine Verlängerung technisch und rechtlich möglich?

Rein technisch ist dies aus Expertensicht nur möglich, wenn im nächsten Sommer neue Brennelemente zur Verfügung stehen. Bis dahin konnte die sogenannte Streckoperation durchgeführt werden. Die Kernkraftwerke würden dann für einige Monate mit reduzierter Leistung betrieben, um die Brennstäbe länger zu halten. Mehr Power bekommt er dadurch aber nicht, die Produktion verlängert sich nur über einen längeren Zeitraum.

Die Wirtschafts- und Umweltministerien gehen davon aus, dass die neuen Brennelemente frühestens in einem Jahr verfügbar sein werden. Laut einem Prüfbericht der Ministerien vom März könnte zusätzlicher Strom erst ab Herbst 2023 produziert werden. Fraglich ist auch, ob genügend Ersatzteile für Betrieb und Sicherheitssysteme vorhanden sind.

Um eine Verlängerung rechtlich möglich zu machen, müsste der Bundestag das Atomgesetz ändern. Denn Ende des Jahres laufen alle Betriebsgenehmigungen für Deutschlands Kernkraftwerke aus. Nach der Rechtsprechung des EuGH kann bei Verlängerung der Nutzungsdauer eine erneute Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich sein und auch das Risiko neu bewertet werden.

wie sieht es mit der sicherheit aus

Die Sicherheit von Kernkraftwerken in Deutschland muss alle zehn Jahre gründlich überprüft werden. Allerdings wurde der letzte Termin 2019 gestrichen, weil die Reaktoren ohnehin 2022 abgeschaltet werden sollten. „Sollte der Betrieb nach dem 1. Januar 2023 fortgesetzt werden, wäre die letzte Sicherheitsüberprüfung 13 Jahre alt und eine neue zwingend erforderlich“, schreiben die Ministerien. Ein solcher Test kann Jahre dauern. Alle drei Systeme weisen jedoch ein hohes Sicherheitsniveau auf. Auch der TÜV Süd hat das Kraftwerk Isar 2 begutachtet und keine Bedenken geäußert.

Kannst du dafür genügend Arbeiter finden?

Auch personell haben sich die Betreiber der Anlagen auf Ende 2022 eingestellt. Sollen die Batterien länger halten, bräuchten sie zusätzliche und gut ausgebildete Mitarbeiter. Ministerien gehen davon aus, dass sie nur mit finanziellen Anreizen zu erreichen sind. Andere Experten gehen hingegen davon aus, dass die Anlagen mit dem für die Stilllegung vorgesehenen Personal wohl weiter betrieben werden könnten. Die Betreiber haben ein weiteres Problem: Sie erhielten eine Entschädigung für den Atomausstieg. Es ist nicht klar, ob sie es intakt lassen dürfen, wenn die Batterien noch monatelang funktionieren.

Welche Alternative gibt es und was würde das für das Klima bedeuten?

Statt Atomkraftwerke länger zu betreiben, könnte man auch wieder stärker auf Kohle setzen. Befürworter der Kernenergie argumentieren daher unter anderem mit dem Klimaschutz: Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet sind Kernkraftwerke für deutlich weniger Treibhausgasemissionen verantwortlich als beispielsweise Gas- oder Kohlekraftwerke. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass es noch immer keine Lösung gibt, hochradioaktiven und gefährlichen Atommüll in Deutschland für Hunderte oder Tausende von Jahren sicher zu lagern.

Warum macht man sich gerade in Bayern für den Weiterbetrieb stark?

In Süddeutschland gibt es so gut wie keine Windparks und der Bau geht nur schleppend voran. Gleichzeitig gibt es keine Hochspannungsleitungen, die Strom aus dem Norden effizient transportieren können. Gleichzeitig gibt es in Bayern nur wenige Kohlekraftwerke, die die Stromerzeugung übernehmen könnten. Allein das Kernkraftwerk Isar 2 deckt laut bayerischem Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bereits 15 Prozent des bayerischen Strombedarfs.

Die Gefahr von Versorgungsengpässen im Winter sei in Bayern daher größer als in anderen Bundesländern, argumentiert der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ludwig Hartmann. Im Extremfall müsse über den Weiterbetrieb einzelner Kernkraftwerke nachgedacht werden: Wenn die Energieversorgung und die Netzstabilität gefährdet seien, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“.

Aiwanger möchte auch bereits abgeschaltete Reaktoren wieder hochfahren. Sie müssten dann laut Wirtschaftsministerium den gesamten Homologationsprozess mit zahlreichen Tests durchlaufen und teilweise auch umgerüstet werden. „Eine Wiederinbetriebnahme der drei zum 31.12.2021 stillgelegten Kernkraftwerke kommt schon aufgrund der rechtlich nicht rechtssicher zu ändernden Genehmigungssituation (ausgelaufene Betriebsgenehmigung) nicht in Frage“, heißt es im Prüfbericht. ©dpa

Aktualisiert am 07.06.2022 um 14:09 Uhr

Eine Initiative des EU-Parlaments, die sich gegen den Vorschlag der EU-Kommission aussprach, Gas und Atomkraft als nachhaltig einzustufen, ist gescheitert. Vor allem Frankreich und Deutschland hatten sich für die sogenannte Regulierung der Taxonomie eingesetzt.

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