11.06.2022 17:07 (Akt. 11.06.2022 20:41)
Die Polizei bittet um Hinweise zum Aufenthaltsort von Martin S. © APA/BKA
Zwei Jahre lang soll Martin S. über die Plattform “MrBlow” kiloweise Kokain und andere Drogen im Darknet verkauft haben. Im Rahmen der Operation Deflate wurde die Tätergruppe um den 50-Jährigen gefasst, ihm gelang jedoch die Flucht. Nun wird der Wiener, der sich für bewaffnet und gefährlich hält, weltweit gesucht.
Ein 50-jähriger Wiener wird weltweit als mutmaßlicher Pate der Drogen gesucht. Martin Schabel soll zwei Jahre lang kiloweise Kokain an Darknet verkauft haben.
11.500 Bestellungen wurden über die Plattform „MrBlow“ abgewickelt. Dem Bundeskriminalamt gelang im April 2021 im Rahmen der Operation „Deflate“ die Festnahme der Tätergruppe um Schabel. Kurz zuvor setzte sich der 50-Jährige hin.
Martin S. postete Fotos: auffällige Tattoos
Am Samstag wurden Fotos des gewalttätigen und bewaffneten Mannes als “Most Wanted” sowohl auf der Website des Bundeskriminalamts als auch von Europol veröffentlicht. Es ist möglich, dass der Verdächtige sein Aussehen verändert und eine neue Identität angenommen hat. Aber seine Tattoos sind auffällig: Auf seiner linken Brust prangen die „Hände des Gebets“, auf seinem rechten Rücken ein Männerkopf und auf seinem linken Bein ein Hundekopf. Die Polizei vermutet nun, dass er sich in Gesellschaft einer jungen Frau in Spanien befindet. Zusammen mit Tibor Foco ist er heute einer der meistgesuchten Österreicher. Angaben zu Ihrem Aufenthaltsort werden auf jeder Polizeidienststelle entgegengenommen.
Foto: APA/BKA
Der Wiener Pate der Droge verkaufte kiloweise Kokain im Darknet
Der Mann soll jahrzehntelang Drogen ins Rotlichtmilieu geliefert haben. Laut Ermittlern wurde er als “Generalimporteur von Kokain” bezeichnet. Er soll auch eng mit den Köpfen der “Nokia Club”-Ära verbunden gewesen sein, die Anfang der 2000er Jahre auf die Erpressung von Schutzgeldern ausgelegt war. Er wurde zwar nie wegen Drogenhandels verurteilt, stand aber mehrfach vor Gericht, teils wegen Gewaltverbrechen .
Zwei Jahre lang soll die Bande etwa 60 Pfund Betäubungsmittel, 40 Pfund Kokain, den Rest Cannabis, Amphetamine und Ecstasy verkauft haben. Bezahlt wurde mit der virtuellen Währung Bitcoin. Im Laufe der Zeit soll ein Gewinn von 2,5 Millionen Euro erzielt worden sein. „In der Mitte stand eine gewaltige Preiserhöhung. Da wären auch 5,5 Millionen Euro drin“, sagte ein Rechercheur der APA – Austria Presse Agentur, der aus taktischen Gründen anonym bleiben wollte. Mittlerweile gibt es neun Festnahmen, acht Männer und eine Frau.
Ein 50-Jähriger aus dem Wiener Gürtel „ist ein echtes Gespenst“
Die Aggressorengruppe agierte sehr professionell. Die Verfolgung von Verdächtigen war aufgrund der Art und Weise, wie sie vorgingen, schwierig zu handhaben, beispielsweise wurden Störtechniken verwendet, um die Ermittlungsmethoden der Polizei außer Kraft zu setzen. Alle Puzzleteile, so der Hauptinspektor, seien in akribischer Kleinarbeit zusammengesetzt worden. Zudem haben die zum Teil bereits zu mehrjährigen Haftstrafen rechtskräftig verurteilten Komplizen große Angst vor dem 50-jährigen gelernten Metzger. “Sie sagten zum Beispiel, wenn sie nicht tun, was er sagt, gehen sie im Koffer spazieren”, sagte der Forscher. “Sie haben große Angst vor ihm, er ist eine entzündliche Gefahr.” Der 50-Jährige, der seit seiner Jugend dem Wiener Gürtel angehört haben soll, agierte im Hintergrund und mied öffentliche Plätze. »Das ist ein echtes Gespenst«, sagte der Chief Inspector.
Die Polizei lokalisierte die zehnköpfige Gruppe im Jahr 2018. Vor vier Jahren wurden sporadische Gegenstände mit Betäubungsmitteln in der Post entdeckt, unter anderem weil die dicken Umschläge geöffnet wurden. Die Empfänger wurden untersucht und Ermittler brachten sie in den Darknet-Laden „MrBlow“, wo sie schamlos ganze Kokainblöcke präsentierten, um das Betäubungsmittel zum Verkauf anzubieten. Ein Gramm war für 75 Euro erhältlich. Laut dem Chief Inspector war die Droge zu 80 % rein.
Autorengruppe um Martin S. in die “Deflate”-Aktion verwickelt.
Bei einer Schlüsselaktion im Jahr 2018 mit dem österreichischen Zoll wurden innerhalb weniger Tage 250 Sendungen aus dem „MrBlow“-Store abgefangen und beschlagnahmt. “Das waren zwei gute Pfund”, sagte der Forscher. Spuren der Verpackung führten die Kriminellen zu der einzigen verdächtigen Frau. Die 69-Jährige arbeitete im Rotlichtviertel und verdiente sich mit dem Verpacken und Versenden des Medikaments ein Nebeneinkommen. Ihr Ex-Mann, der auch mal in einer Rotlichtkneipe arbeitete, tat es ihr gleich. Der 73-jährige Rentner versorgte seine Ex-Frau mit dem Medikament, das er schicken sollte.
„Solange sie die Medikamente nicht elektronisch versenden können, haben wir immer einen Ansatz“, sagt der Chefforscher. Also machten sie sich auf, herauszufinden, woher die Gruppe das ganze Verpackungsmaterial hatte. Schließlich fand die Polizei fiktive Firmen in der Steiermark und Niederösterreich, über die das Material beschafft wurde. Die Autos wurden auch über diese Firmen registriert, um ihren Besitz zu verschleiern. Ein 52-jähriger Mann aus der Steiermark war als Buchhalter und Logistiker für die Truppe tätig. Ein anderer Schabel-Bekannter startete die gesamte Computerarbeit. Er kümmerte sich um den Laden, plante ihn und wartete ihn. Der ehemalige Kellner hatte sogar einen eigenen Handydienst. Dafür hat er bei einem Mobilfunkanbieter einen Server gemietet, um das verschlüsselte System namens „Fog“ aufzubauen. Der 54-Jährige war bereits zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, starb aber kurz nach seinem Schuldspruch im Gefängnis.
Die verbleibenden vier Verdächtigen könnten als Träger des Betäubungsmittels gehandelt haben. So wurde beispielsweise im Burgenland eine Cannabisplantage mit 2.000 Pflanzen angelegt. Das Kokain stammt möglicherweise aus Südamerika, wahrscheinlich aus Ecuador. Mit Ausnahme von zweien, einem Kroaten und einem Serben, waren alle Verdächtigen österreichische Österreicher.
Jeden Tag zahlreiche Bestellungen über den “MrBlow”-Store.
Durchschnittlich zwölf Bestellungen bearbeitete der Konzern täglich, bevor der Laden im September 2020 abrupt schloss. Der 50-Jährige hatte wohl mitbekommen, dass gegen ihn ermittelt wurde. Die anderen ließen die Droge verschwinden und ein Komplize soll Schabel bei der Flucht aus Lignano Sabbiadoro geholfen haben. Am 20. April 2021 erfolgte ein koordinierter Zugriff des Bundeskriminalamts auf elf Standorte in Wien und der Steiermark. Unterstützt wurde er dabei von den Arbeitskreisen Cobra und Wega sowie von Agenten der Landespolizeidirektionen Wien, Steiermark und Burgenland. Bei 23 Hausdurchsuchungen wurden Geld, Waffen, Verpackungsmaterial und mehr als 250 Computergeräte beschlagnahmt.
S. gelang die Flucht – gilt als gewalttätig und bewaffnet
Die große Herausforderung bestand darin, sie zu sichten. „Es waren wirklich Terabytes an Daten, nach denen wir gesucht haben“, sagte der Polizist. Die Daten seien verschlüsselt, es seien „nur wenige Stücke gefunden worden“, etwa das „MrBlow“-Firmenlogo oder ein Foto des 69-Jährigen, das er als Beweis für den Drogenversand mitnehmen musste. „Darüber könnte man eine Netflix-Serie machen“, sagte der Chief Inspector. Nachdem der 50-Jährige von den Festnahmen erfuhr, verlor sich seine Spur laut Ermittlern im April 2021.
„Die Online-Kriminalität ist sehr stark“, sagte Brigadier Daniel Lichtenegger, Leiter der Dienststelle Drogenkriminalität des Bundeskriminalamts. „Jedes Jahr fangen wir in Zusammenarbeit mit der Zollverwaltung etwa 3.000 Postsendungen ab und führen dann die entsprechenden Ermittlungen durch.“ Rund zehn Prozent der Drogendelikte stehen im Zusammenhang mit Online-Handel und E-Mail.
Der Drogenhandel hat wegen Corona online zugenommen
„Der Drogenhandel hat sich in den letzten Jahren immer mehr in den virtuellen Raum verlagert. Die Pandemie der Krone hat diese Entwicklung verschärft und beschleunigt“, sagte Innenminister Gerhard Karner (ÖVP). „Das Bundeskriminalamt befasst sich mit dieser besonderen Kriminalitätsform und ihren …