Deshalb muss die Schweiz auf den angepassten Impfstoff warten

Die Bundesregierung empfiehlt eine vierte Impfung für alle Erwachsenen im Herbst

Die Bundesbehörden sehen von einer generellen Empfehlung einer zweiten Auffrischimpfung für alle bis zum Herbst ab. Erst ab 80 Jahren sollen in diesem Sommer zum vierten Mal geimpft werden.

07.05.2022

Die aktuelle Sommerwelle hat die Schweiz fest im Griff und ein herber Herbst könnte bevorstehen. Die zweite Auffrischungsimpfung sollte helfen. Fragen und Antworten zur aktuellen Corona-Situation.

In den Sommern der letzten beiden Jahre der Pandemie blieb die Bevölkerung der Schweiz weitgehend vom Corona-Virus verschont. Dieses Jahr ist anders.

Die Subtypen BA.4 und BA.5 sorgen dafür, dass sich die Infektionszahlen auch in der warmen Jahreszeit ausbreiten, zudem droht im Herbst eine weitere Welle.

Macht eine vierte Impfung Sinn und wann kommen Omikron-angepasste Impfstoffe heraus? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Ist der Höhepunkt der Sommerwelle schon erreicht?

In letzter Zeit haben die Neuerkrankungen in der Schweiz stetig zugenommen. Am vergangenen Dienstag verzeichnete das BAG in sieben Tagen 33.108 neue Coronavirus-Fälle, dazu 14 Todesfälle und 300 Spitaleinweisungen.

Eine Woche später steigt die Zahl der Infektionen weiter auf 46.025 laborbestätigte Fälle.

Für die Bundesregierung ist das erhöhte Infektionsgeschehen jedoch kein Grund zur Sorge. Die Lage in den Krankenhäusern und insbesondere auf den Intensivstationen sei ruhig, sagte er auf der Pressekonferenz.

Allerdings sind aktuelle Infektionszahlen ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Denn laut Biostatistikerin Tanja Stadler ist die Dunkelziffer hoch. Vor etwa zwei Wochen prognostizierte er, dass sich während der Sommerwelle 15 Prozent der Bevölkerung, etwa eine Million Menschen, mit dem Kronenvirus infizieren könnten.

Die meisten würden aber nicht getestet, sagte der ETH-Mathematiker gegenüber Blick. Aus Abwasserproben geht man davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist als im Winter.

Die Analyse dieser Proben hat sich als wirksames Instrument zur Überwachung des Infektionsverlaufs erwiesen. Und zumindest beim Wasserwerk Werdhölzli in Zürich ist eine Trendwende zu erkennen, wie «CH Media» berichtet. Infolgedessen ist die Viruslast auf Abwasserproben kürzlich erstmals seit Wochen wieder gesunken. Zuletzt waren die Abwasserkontrollzahlen schweizweit stark gestiegen.

Fahrgäste mit und ohne Maske sitzen in einer Straßenbahn. Die Bundesregierung hat die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgehoben.

Keystone / Peter Klaunzer

Die meisten Experten rechnen im Herbst mit einer weiteren großen Infektionswelle. Kantonsarzt Rudolf Hauri auch. Zwar ist bis Ende 2021 nicht mit einer solchen Krankheitslast zu rechnen, aber von Normalität kann auch keine Rede sein.

Die Schweiz ist jedoch nicht mehr in einem Stadium, in dem es darum geht, eine Welle zu vermeiden. Generell ist die Bevölkerung gut geschützt, was sich auch in Kliniken zeigt. Es gibt derzeit keinen Anlass, etwas am Normalzustand zu ändern oder vollumfänglich behördlich tätig zu werden.

Trotz Wegfalls der Pflicht empfehlen Experten das Tragen einer Maske beispielsweise in Innenräumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Virologin Isabella Eckerle vermutet, dass das Virus nur für Einschränkungen sorgen wird, weil zu viele Menschen gleichzeitig erkranken würden und mahnt wie viele ihrer Kollegen zum Tragen von Masken.

Entweder gibt es wieder behördliche Einschränkungen, oder das Virus sorgt für Einschränkungen, weil zu viele Menschen gleichzeitig erkrankt sind. Kosten für das Tragen einer Maske: Minimum. Kosten einer hohen Infektionsrate: enorm. I: Alle leiden unter #Maskstayopen

– Isabella Eckerle (@EckerleIsabella) 5. Juli 2022

Muss ich mich zum vierten Mal impfen lassen?

Anders als in den Nachbarländern gibt es in der Schweiz bisher nur eine Empfehlung für die zweite Auffrischungsimpfung für stark immungeschwächte Personen. Ab Dienstag empfiehlt die Bundesregierung jedoch allen Erwachsenen ab 16 Jahren eine vierte Herbstimpfung.

Die Empfehlung gilt aber weiterhin in erster Linie für besonders gefährdete Personen. Das sind Menschen über 65 Jahre und solche, die ein erhöhtes individuelles Gesundheitsrisiko haben, zum Beispiel aufgrund einer bestimmten Vorerkrankung oder Schwangerschaft.

Bis dahin empfehlen BAG und Ekif trotz der Verbreitung der omicron-Variante BA.5 und steigender Neuinfektionszahlen die zweite Auffrischimpfung erst ab 80 Jahren. Diese Personen hätten aufgrund ihres Alters das höchste Risiko, an einer schweren Covid-19-Erkrankung zu erkranken. Die Empfehlung einer vierten Impfung für stark immungeschwächte Personen gilt weiterhin.

Wie wirksam ist der aktuelle Impfstoff?

Laut Ekif-Chef Christoph Berger nützt eine vierte Impfung für gesunde Erwachsene derzeit wenig. Es schützt kaum vor einer Übertragung und nur kurzzeitig vor schweren Verläufen. Daher bleiben Hygienemaßnahmen unerlässlich.

Allen zu früh Verstärkung zu geben, ist problematisch, da die Schutzwirkung derzeit verfügbarer Impfstoffe nur relativ kurz anhält und die höchsten Fallzahlen im Winter zu erwarten sind. „Wenn wir uns im August impfen lassen müssten und dann kommt die Welle im Dezember, wäre das nicht gut“, sagt Berger.

Wann genau der richtige Zeitpunkt für die zweite Verstärkung sei, ließ er allerdings offen. Berger geht jedoch davon aus, dass dies das letzte Quartal des Jahres sein wird. Der genaue Zeitpunkt hängt einerseits von der Entwicklung der Pandemie und andererseits von der Verfügbarkeit eines angepassten bivalenten Impfstoffs ab.

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Wie der zweite Auffrischimpfstoff gegen Omikron wirkt, ist noch nicht abschließend geklärt. Daten einer israelischen Studie zeigen beispielsweise, dass die vierte Impfung für junge Erwachsene voraussichtlich nur einen geringen Effekt haben wird.

Insgesamt haben sie aber gute Erfahrungen mit der Auffrischimpfung gemacht. Laut einer Studie des israelischen Gesundheitsministeriums, die Daten von mehr als 1,1 Millionen Erwachsenen ab 60 Jahren auswertete, war die Infektionsrate nach einer zweiten Auffrischimpfung doppelt so niedrig und die Zahl schwerer Erkrankungen viermal geringer als bei Menschen, die habe nur eine Auffrischung bekommen.

Wann kommt der Omicron-Impfstoff?

Experten hoffen für den Herbst auf neue Impfstoffe, die an die dominanten Omicron-Varianten angepasst sind. Sie sollen im Herbst auf den Markt kommen, wann genau ist aber noch nicht bekannt.

Sowohl Biontech / Pfizer als auch Moderna haben vielversprechende Ergebnisse für ihr Impfstoff-Upgrade gemeldet, und die Wirksamkeit ist gut. Beim Biontech/Pfizer-Impfstoff beispielsweise ist die Zahl der Antikörper zwei- bis dreimal höher als beim Delta-Impfstoff. Bis heute basieren die Wirksamkeitsdaten jedoch ausschließlich auf Labortests.

Ein erster Zulassungsantrag des amerikanischen Herstellers Moderna sei bereits eingetroffen, sagte Philippe Girard, stellvertretender Direktor von Swissmedic.

Laut BAG kann es sich lohnen, auf angepasste Impfstoffe zu warten. Neben der epidemiologischen Entwicklung ist auch das zu erwartende Update ein Grund, mit der definitiven Impfempfehlung und der genauen Zeitdefinition für die zweite Auffrischimpfung zu warten.

Wer sich entgegen den offiziellen Impfempfehlungen zum vierten Mal vor dem Herbst impfen lassen will, muss laut BAG die Kosten tragen. Die zweite Auffrischung ist für Personen über 80 kostenlos.

Die Kantone bereiten derweil eine neue Impfkampagne vor. Ein Ansturm wie im Jahr 2021 ist jedoch nicht zu erwarten: Aufgrund der geringeren Nachfrage nach Impfstoffen gegen Covid-19 haben die Kantone ihre Impfkapazitäten seit Anfang Jahr reduziert.

Die Infrastruktur könne nicht über Nacht geschaffen werden, schreibt die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Vielerorts muss erst Personal neu eingestellt werden.

Die Schweiz hat bereits vorgesorgt, zumindest für nächstes Jahr. Die Bevölkerung verfügt über jeweils 3,5 Millionen Dosen Covid-19-Impfstoff der beiden Hersteller Pfizer/Biontech und Moderna. Gemäss den Verträgen gibt es immer den aktuellen Impfstoff, vorbehaltlich der Zulassung durch Swissmedic.

Wie groß ist das Risiko von Spätfolgen?

Erste Studien weisen zumindest darauf hin, dass die Omicron-Variante des Coronavirus seltener Spätfolgen verursacht als die Delta-Mutante. Laut einer in der renommierten Zeitschrift The Lancet veröffentlichten Analyse litten etwa 10,8 Prozent der mit Delta Infizierten an Long Covid, verglichen mit nur 4,4 Prozent der Patienten mit Omicrons, also weniger als der Hälfte von ihnen.

Im Rahmen der Analyse wurden Daten von rund 56.000 Omikron-Infizierten mit rund 41.000 Patienten verglichen, die sich mit der Delta-Variante infiziert hatten.

Impfungen schützen im Allgemeinen vor Langzeitfolgen. Auch nach einer sogenannten fortgeschrittenen Infektion besteht jedoch ein Risiko.

Wenn sich, wie aktuell, viele Menschen mit omicron infizieren, häufen sich auch lange Covid-Fälle.

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