Stand: 24.05.2022 17:29
Der Präsident der Medizinischen Hochschule warnt vor dem wachsenden Druck auf die Profitabilität des Gesundheitssektors durch Finanzinvestoren. Auch in anderer Hinsicht steht das System vor großen Herausforderungen: zu wenig Nachwuchs und ein Notfall in der Pflege.
Zum Auftakt des Deutschen Ärztetages warnte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, vor einer zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. „Es kann nicht sein, dass das Angebot immer mehr denen überlassen wird, deren primäres Ziel es ist, eine möglichst hohe Rendite für ihre Kapitalanleger zu erwirtschaften“, sagte Reinhardt. „Wir dürfen unser Gesundheitssystem nicht zu einem gewinnorientierten Franchisesystem werden lassen. Wir wollen auch keine industrieähnlichen Prozesse in der Krankenhausversorgung.“
Der Präsident der Ärztekammer, Klaus Reinhardt, warnt vor einer Kommerzialisierung des Gesundheitssystems. Bild: dpa
Die tägliche medizinische Praxis wird zunehmend von Preiswettbewerb, Kosteneffizienz und dem Streben nach Rendite bestimmt. Klinikbetreiber und Finanzinvestoren in Gesundheitszentren fordern Mediziner zunehmend auf, rein betriebswirtschaftlich zu denken und nach kaufmännischen Richtlinien zu handeln.
Reinhardt kritisierte auch das Krankenhausfinanzierungssystem in Deutschland, das auf starren Behandlungspauschalen basiere. Das System muss reformiert werden. Im ambulanten Bereich müsse der Einfluss von Finanzinvestoren gesetzlich begrenzt werden, forderte Reinhardt.
Zehntausende Ärzte stehen kurz vor dem Ruhestand
Ein weiteres Problem des Gesundheitswesens ist der Fachkräftemangel: Eine alternde Gesellschaft braucht mehr medizinisches Personal; Deshalb müssten mehr Ärzte ausgebildet werden, sagte Reinhardt. Im Jahr 2021 waren insgesamt etwas mehr als 416.000 Ärzte registriert, aber jeder fünfte steht kurz vor der Pensionierung, das entspricht mehr als 83.000 Ärzten. Auch bei den Ärzten steige laut Reinhardt der Wunsch nach Teilzeitarbeit und weniger Überstunden, weshalb mehr Personal benötigt werde.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, der die Bundesländer dafür kritisierte, dass sie über ihre Universitäten nicht genug medizinischen Nachwuchs bieten, äußerte sich ähnlich besorgt: „Ich halte es für einen großen Fehler, dass sich die Bundesländer hier nicht einmischen.“ Die Lösung kann nicht darin bestehen, die bestbezahlten Mediziner in anderen Ländern zu jagen: Das ist unethisch.
Kritik von Patientenfürsprechern: Mehr Pflege statt mehr Ärzte
Kritik an den Forderungen nach mehr Personal kommt von der Stiftung Patientenschutz. Sein Vorstandsmitglied Eugen Brysch erklärte, dass es in den Kliniken 50 Prozent mehr Ärzte gebe als vor 20 Jahren, die Patientenzahlen aber auf ähnlichem Niveau geblieben seien. Er nannte die Zahl von 17 Millionen Patienten, die jedes Jahr in Kliniken behandelt werden. Auch gibt es heute 30 Prozent mehr niedergelassene Ärzte. Die Zahl der Pflegekräfte wurde dagegen nicht erhöht: Brysch sagte, sogar viele Bereiche seien „radikal reduziert“ worden.
Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Pflegekräfte jedoch gestiegen: in zehn Jahren um 18 Prozent, in Kliniken, Pflegeheimen und im ambulanten Bereich um bis zu 40 Prozent. Allerdings arbeiten überdurchschnittlich viele Pflegekräfte in Teilzeit.
Das Bundesamt schätzte die Zahl der stationär in Kliniken versorgten Patienten im Jahr 2020 auf knapp 17,3 Millionen und damit deutlich weniger als in den Vorjahren mit rund 19,8 Millionen.
Polikliniken als Lösung?
Der Verband der Ersatzkrankenkassen setzt sich für modernere Versorgungsstrukturen und mehr Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Gewerken des Gesundheitswesens ein. Regionale Versorgungszentren, in denen Haus- und Fachärzte unter einem Dach arbeiten, könnten zur Versorgung ländlicher und strukturschwacher Gebiete beitragen, sagte Ulrike Elsner, Präsidentin des Vereins. Insbesondere junge Ärzte können Beruf und Familie besser vereinbaren als in einer Einzelberatung.
Auch Apotheken, Logopäden oder Physiotherapeuten könnten in der Umgebung und in den Zentren angesiedelt werden. In der DDR war dieses System als Poliklinik bekannt und etabliert.
Der Ärztepräsident warnt vor Personalstress
Tobias Hildebrandt, BR, 24.5.2022 18:28