Die Austritte aus der katholischen Kirche erreichen Rekordhöhen

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche ist dramatisch gestiegen und hat ein neues Rekordniveau erreicht. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am Montag mitteilte, traten im Jahr 2021 insgesamt rund 360.000 Katholiken aus der Kirche aus. Das ist eine Steigerung von mehr als dreißig Prozent im Vergleich zum bisherigen Rekordjahr 2019, als knapp 273.000 Menschen der katholischen Kirche den Rücken gekehrt hatten . Bis 2020 sei die Zahl der Kirchenaustritte wegen des Coronavirus um rund 221.000 gesunken, weil Amtsgerichte und Standesämter, die die Verzichtserklärung entgegennahmen, nur eingeschränkt geöffnet seien.

Der Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sagte, er sei “zutiefst erschüttert über die extrem hohe Zahl von Kirchenaustritten”. Die Zahlen zeigen die „tiefe Krise“, in der sich die katholische Kirche in Deutschland befindet. „Es gibt nichts Angenehmes zu reden“, sagte Bätzing in einer Pressemitteilung auf der Bischofskonferenz. Mittlerweile gehen aber nicht nur diejenigen weg, die lange Zeit wenig oder gar keinen Kontakt mehr zu ihrer Gemeinde hatten, sagte Bätzing. Es gab immer mehr Kommentare, als Menschen, die sich zuvor sehr in den Kirchengemeinden engagiert hatten, diesen Schritt taten. Der Aufbruch, den die Kirche mit dem Reformprojekt des “Synodalen Weges” mache, “scheint hier noch nicht in Kontakt mit den Gläubigen gekommen zu sein”.

Die mit Abstand stärkste Zunahme an Kirchenausflügen gab es im Erzbistum Köln, das in den vergangenen anderthalb Jahren von einer tiefen Vertrauenskrise erschüttert wurde, mit Kardinal Rainer Maria Woelki im Zentrum. Im Vergleich zum bisherigen Rekordjahr 2019 stieg die Zahl der Kündigungen hier um mehr als 60 Prozent von rund 24.000 Anleihen auf knapp 41.000. In den anderen Diözesen ist das Bild uneinheitlich. In einigen Diözesen ist die Zahl der Kirchenaustritte im Vergleich zu 2019 nur moderat gestiegen.

2010 Beginn des Missbrauchsskandals

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die jährliche Zahl der Kirchenaustritte verdreifacht. Bis 2002 hatten nur etwa 120.000 Katholiken die Kirche verlassen. 2006 erreichte die Zahl der Austritte mit 86.000 einen vorläufigen Tiefstand. Seitdem ist sie in drei großen Wellen 2010, 2014 und 2019 stark gestiegen und in den Folgejahren wieder gesunken, blieb aber auf hohem Niveau.

Das Jahr 2010 markiert den Beginn des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in Deutschland. Im Januar desselben Jahres machte der Jesuitenpater Klaus Mertes am Canisius-Kolleg Berlin sexuellen Missbrauch öffentlich und löste damit einen Dominoeffekt aus. Vier Jahre später war es vor allem ein neues Verfahren zur Erhebung der kirchlichen Kapitalertragsteuer, das die Kirchenentnahmen in die Höhe schnellen ließ. Ursprünglich wurde die Kirchensteuer nur auf Antrag des Steuerpflichtigen zusammen mit der Quellensteuer abgeführt, ab dem 1. Januar 2015 erfolgte dies automatisch. Das rief großen Unmut hervor, weil viele den Eindruck hatten, es handele sich um eine zusätzliche Steuer. Hinzu kam der Skandal um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.


Oft kommen mehrere Gründe zusammen

Der dritte Höhepunkt der Kirchenaustrittsstatistik seit 2002 liegt im Jahr 2019. Im September 2018 wurde die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht, die den massenhaften Missbrauch Minderjähriger und seine systematische Verschleierung erstmals erschöpfend dokumentiert.

Laut vielen Studien gibt es keinen einzigen Grund, die katholische Kirche zu verlassen, in den meisten Fällen sind es mehrere Gründe. Eine im März vorgestellte Studie des Instituts für Sozialwissenschaften der Evangelischen Kirche Deutschlands kommt zu dem Schluss, dass die Gründe für ein Kirchenversagen bei Katholiken eine größere Rolle spielen als bei Protestanten.


Demnach nannten 79 Prozent der befragten Ex-Katholiken die mangelnde Gleichberechtigung von Frauen als Grund für ihre Entscheidung. 85 Prozent der Katholiken, die seit 2018 aus der Kirche ausgetreten sind, stimmen auch der Aussage zu: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich die Kirche toll finde.“ Unter den ausgetretenen Protestanten gaben 69 Prozent dies als Grund an. Deutlich mehr Katholiken als Protestanten geben auch an, dass „die Kirche nicht das lebt, was Jesus wirklich wollte“ oder dass sie „andere Werte“ als die von der Kirche vertretenen als Austrittsgrund haben.

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Laut der Studie hatten nur 37 % der Katholiken einen konkreten Austrittsgrund, im Vergleich zu nur 24 % der Protestanten. Der Missbrauchsskandal (79 %) und die „Verschwendung finanzieller Mittel“ (61 %) stehen im Vordergrund und wurden deutlich häufiger genannt als Protestanten. Ein weiterer Grund ist der Umgang seiner Kirche mit Homosexuellen.

Laut der Studie gibt es aber auch eine beträchtliche Minderheit von Katholiken, fast 30 Prozent, die angibt, dass einer der Gründe für den Austritt darin liege, dass die Kirche dem Zeitgeist zu gut gelaunt sei; bei den Protestanten ist die Zahl weit überschritten. Dreißig Prozent.

Die Studie zeigt aber auch, dass die aktuelle Gesellschaftsform der katholischen Kirche nicht der einzige Grund für die Klausurwelle ist; sie ist von der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft nicht weniger betroffen als die evangelische. Etwa die Hälfte derjenigen, die die beiden Konfessionen verlassen haben, erklärten sich gegenüber der Kirche gleichgültig. Knapp über fünfzig Prozent aller Befragten gaben an, dass sie keine Religion in ihrem Leben brauchen und dass viele mit dem Glauben nichts mehr anfangen können.

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