Die Grünen und das Dilemma der Atomkraftwerke

Grüne Politiker sind dieser Tage gestresst. Einerseits regieren sie das Land in einer unvorstellbaren Ausnahmesituation, die Maßnahmen erfordert, die ebenfalls lange Zeit undenkbar waren. Andererseits wollen sie aber auch nicht als die Partei in die Geschichte eingehen, die die Lebensdauer von Atomkraftwerken verlängert hat. Aus Sicht der Grünen wäre das der GAU.

Wer diese Abneigung verstehen will, muss mehr als vierzig Jahre zurückblicken. Denn der Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima ließ hierzulande zwar das öffentliche Bewusstsein für die Atomkraft schwinden, aber die Bemühungen, auch der Grünen, konzentrierten sich fortan auf die Energiewende und den Kampf gegen die Erderwärmung. Aber ohne die Anti-Atom-Bewegung gäbe es die Grünen nicht. Die Partei entstand aus dem Widerstand gegen Atomwaffen und die Nutzung der Atomenergie. Keine Grüns ohne Gorleben. „Wir lehnen den Bau und Betrieb von Kernkraftwerken ab“, heißt es im ersten Grundsatzprogramm von 1980. Und: „Die Kernenergie bedroht die Zukunft allen Lebens“.

Die Zuschreibung, nicht nur Ihre, als Anti-Atom-Partei war und ist so massiv, dass Fukushima zu ungeahnten Wahlerfolgen führte und Winfried Kretschmann als erster grüner Partei den Aufstieg in ein badisches Ministerpräsidentenamt verhalf. -Württemberg. Als der Bundestag im Frühsommer 2011 den Atomausstieg beschloss, feierten die Grünen einen historischen Sieg: ihren Sieg. Während die jüngeren Klimaschützer in Sachen Atomkraft inzwischen flexibler sind, sind die älteren in diesem Punkt unerbittlich und kompromisslos.

Jahrzehntelange Ablehnung der Identität der Atomkraft

Und doch ist es mehr als eine Generationenfrage und auch mehr als ein erster grüner Abwehrreflex: Jahrzehntelang war die Ablehnung der Atomkraft für die Grünen eine Identität: ihre Basis, ihre Funktionäre und ihre Wähler. Es ist ein Grundwert, das Fundament der Partei. Sinkt die Basis ein, wird es oben ungemütlich.


Andere Parteien haben es bereits erlebt. Die Agenda 2010 stürzte die SPD in eine Identitätskrise. Unbestreitbar notwendige Arbeitsmarktreformen waren für viele, darunter führende Sozialdemokraten, ein Verrat an den eigenen Werten. Am Ende stand eine Spaltung der Partei, von der sich die SPD bis heute nicht vollständig erholt hat. Der Union war es auch nicht gut, dass ausgerechnet ihr Kanzler die Wehrpflicht aussetzte, den Atomausstieg beendete (eine Ironie der Geschichte) und die Ehe auf die Wahlliste aller setzte. Die Abkehr von Merkel und CDU von konservativen Grundwerten ist einer der Gründe, warum sich die AfD im Parteigefüge etablieren konnte.

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“Atomenergie? Nein, danke!”: Die Grünen und die Atomenergie

Die Grünen kennen die Gefahr. Die Bundesregierung unterzieht das Futter derzeit einem Stresstest, dem zweiten nach dem ersten im Frühjahr. Damit hat sich Wirtschaftsminister Robert Habeck Zeit erkauft. Er bereitet seine Partei sorgfältig darauf vor, dass die drei verbleibenden Atomkraftwerke bis Ende des Jahres am Netz bleiben können, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Stehen die Grünen im Ernstfall vor einem Agenda-2010-Moment?


Zwei Gründe sprechen dagegen. Einerseits haben die Grünen in den vergangenen Jahren versucht, sich als Partei des Pragmatismus zu präsentieren. Denn fast so sehr wie sie Atomkraft hassen, wird ihnen Dogmatismus vorgeworfen. Und sie haben tatsächlich gezeigt, dass sie über ihren Schatten springen können. Die Partei unterstützt westliche Waffenlieferungen in die Ukraine klaglos, selbst die linken Grünen fordern schweres Gerät.

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Und vor mehr als 20 Jahren, in ihrer ersten Amtszeit, akzeptierten die pazifistischen Grünen eine deutsche Beteiligung am Nato-Einsatz im Kosovo. Von der Reichweite her entspricht dies einer Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken. Neben „Atomkraft, nein danke!“ ist die Friedensbewegung die zweite historisch wichtige Säule der Grünen, die beiden gehören sehr eng zusammen. Klar: Wegen des Kosovo-Einsatzes gab es einen Sonderparteitag, Parteiaustritte und einen Farbbeutelwurf gegen den Außenminister. Das Streichholz bricht es fast. Aber nur fast.

Andererseits: Anders als die SPD in den Nach-Agenda-2010-Jahren, als selbst wohlmeinende Beobachter hinterfragten, wofür die Partei noch stehe, fallen die Grünen nicht ins inhaltliche Nichts. Die Themen, bei denen ihnen die Wähler die meiste Kompetenz einräumen, bleiben – und werden von Jahr zu Jahr drängender: Klima- und Umweltschutz, Biodiversität, Ausbau erneuerbarer Energien. Hier müssen die Grünen liefern. Andernfalls könnte die von dieser Seite drohende Spaltung noch viel gefährlicher werden.

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