War es der Public-Relations-Coup des Jahrhunderts oder ein ungeheurer Bankrott für das Migros-Management? Du weißt es wirklich nicht. Klar ist nur das Ergebnis der Bier-Abstimmung: Die Basis will keinen Alkohol in den Regalen des Großhändlers. Die Ablehnung war überall hoch: In der Ostschweiz und in Basel etwa lag der Nein-Anteil bei 76 Prozent, das Tessin war mit 55 Prozent Nein am alkoholstärksten.
Bleibt dann alles beim Alten? Nicht, wenn es auf EVP-Präsidentin Lilian Studer (44) ankäme. Der Aargauer Nationalrat kämpfte an der Spitze für den Erhalt des Status quo. Nach dem klaren Urteil will er mehr: «Ich empfehle der Migros sehr, Bücher zu rezensieren, wenn es um den Online-Handel geht.»
Denn die Migros verkauft weiterhin Alkohol im Internet. Produkte werden einfach mit einem Denner- oder Partner-Logo versehen. Studer: “Natürlich ist er ein Buebetrickli.” Unterstützt wird er von SVP-Vorstandsmitglied Andrea Geissbühler (45). Der Berner fände es spannend, die Basis entscheiden zu lassen, Alkohol im Online-Shop zu verbieten.
“Es gibt keinen Grund, hier etwas zu ändern”
Doch von der Tragweite des Alkoholverbots im Internet will bei der Migros niemand etwas wissen. Die Abstimmung habe diese Frage nur für die Filialen geklärt, sagt Medienchef Marcel Schlatter, der Online-Verkauf sei von der Delegiertenversammlung klar abgesegnet worden. “Es gibt also keinen Grund, hier etwas zu ändern.”
Natürlich geht es um viel Geld. 2020 haben Schweizer Detailhändler 2,6 Milliarden Franken mit alkoholischen Getränken verdient. Denner, eine Tochtergesellschaft der Migros, ist nach Coop der zweitgrösste Weinhändler der Schweiz. Die meistverkauften alkoholischen Getränke im Migros Onlineshop waren 2021 ein 3.70 Franken Kochwein, ein günstiges deutsches Bier und ein Sekt. Auf seinem Blog schreibt die Migros: «Auf unseren Freund Prosecco sind wir besonders stolz.»
Als sich Leshop.ch vor zwei Jahren in Migros Online umbenannte, stellte sich die Zürcher Genossenschaftsrätin Renata Georg (60) die ketzerische Frage: Ist das Alkoholverbot in den Läden noch nachhaltig? In der SRF-“Arena” sagte der Betriebswirt und Initiator der Abstimmung Ende Mai, dass der Online-Alkoholhandel Druck auf die Statuten der Migros ausüben würde. Dort heißt es wörtlich: «Die Mitgliedsgenossenschaften sind verpflichtet, den Verkauf von alkoholischen Getränken und Tabakwaren an ihren Migros-Verkaufsstellen zu unterlassen.»
Es wurde noch nicht gegessen
Die Migros-Führung hat die Wahlniederlage in einen Sieg der Demokratie umgedeutet. Ähnlich äußert sich Initiant Georg nach dem verlorenen Kampf: «Die Schweizer finden es in Ordnung, dass die Migros online Alkohol verkauft, an Migrolino und seine Tochter Denner. Diesen Entscheid akzeptiere ich.»
Sucht Schweiz und das Blues Kreuz sind so glücklich über das Ergebnis der Umfragen: Für sie ist die Sache noch nicht vorbei. Sucht Schweiz-Sprecher Markus Meury sagt: «Nach dieser Abstimmung muss man sich fragen, ob der Verkauf von Alkohol im Internet noch vertretbar ist.» Und Philipp Hadorn, Präsident des Blauen Kreuzes, doppelt nach: „Das klare Urteil der Abstimmung legitimiert die Prüfung, ob Alkohol weiterhin unter der M-Orange verkauft werden soll.“
Keine Verbesserung bei Alkoholtestkäufen
Nächste Woche präsentiert Sucht Schweiz die Ergebnisse der Alkoholeinkäufe der Kinder. Vorab kann Sprecher Meury gegenüber SonntagsBlick keine Zahlen nennen. Eines ist sicher: Es hat sich nichts verbessert. Auch 2021 schnitten alle Geschäfte schlecht ab, auch im Internet. “Kinderschutz funktioniert überhaupt nicht.”
Bei der Migros kennt man das Problem. Und es verspricht Besserung. „Wir arbeiten an einem Altersverifikationssystem für unseren Online-Shop, das eine Identitätsprüfung beim Alkoholkauf ermöglicht“, sagt Medienchef Marcel Schlatter. Datenschutztechnisch ist dies jedoch eine Herausforderung, die noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. „Mit der neuen Lösung geht die Migros weit über den Standard in der Schweiz hinaus.“
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