Die Neonazis in Sachsen Krone als Werbehilfe

Exklusiv

Stand: 19.07.2022 17:11

Die Corona-Pandemie war ein feuriger Beschleuniger für die Radikalisierung junger Menschen in der rechtsextremen Szene, wie Recherchen des Magazins MDR Fakt zeigen. In Brennpunkten wie Zwickau tun sich Jugendklubs und Streetworker schwer.

Per B. Arnold, M. Pöls, T. Schulz, M. Siepmann, MDR

An der Wand des Zwickauer „Lutherkellers“ hängt ein Schild, das rechtsextreme Symbole erklärt, die hier verboten sind. Sozialarbeiter Chris Schlüter versucht alles andere durch Gespräche nachzuholen. Immer wieder sieht er sich mit menschenverachtenden Äußerungen konfrontiert. Hinterfragt geduldig die gemachten Aussagen, vertraut auf das gute Verhältnis zu den Jugendlichen und versucht sie durch die Gespräche zum Nachdenken anzuregen. Während Schulen und Jugendclubs lange schließen mussten, hatten rechtsextreme Organisationen ihr Angebot ausgeweitet. Er konnte es auch bei seinen Kindern spüren.

Jugendliche trainieren für Tag X

Ob Networking bei sogenannten Montagsspaziergängen oder gezielte Angebote für Jugendliche von Neonazi-Organisationen wie der Mikroparty „Der Dritte Weg“: Die Corona-Pandemie hat die Rekrutierung organisierter Rechtsextremisten erleichtert. „Der Dritte Weg“ ist auch in Zwickau und Plauen aktiv. Die von ehemaligen NPD-Funktionären und Aktivisten des seit 2014 verbotenen „Freien Netz Süd“ mitgegründete Partei unterbreitet Jugendlichen regelmäßig Angebote.

“Ja, es ist wie eine kleine Familie. Nur Kameradschaft. Einfach selbst bedienen”, sagt ein 16-Jähriger, der mit dem “Dritten Weg” sympathisiert. Es gibt kostenlose Tutorials für Kinder und kostenlose Kampfsport-Workouts. Er selbst auch: “Sie sagen immer: ‘Für den politischen Kampf auf der Straße. Für den Tag X., den Sturz der Regierung.'”

„An Tag X geht es um explizite Gewaltanwendung“, sagt Theresa Richter vom Sächsischen Kulturamt. Die Neonazi-Partei wirbt gezielt um junge Talente und versteht sich als „Elite“. Um junge Leute bei sich zu behalten, fungiert sie als Hausmeisterin und bekommt einen sozialen Anstrich.

Die Fehler der Jugendlichen wirken nach der Schicht

Zwickau ist seit langem ein Hotspot der richtigen Szene. Bis 2011 lebte hier versteckt das sogenannte NSU-Trio: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Kennengelernt haben sich die drei Anfang der 1990er Jahre in Thüringen.

Eine zentrale Rolle spielte damals ein Jenaer Jugendclub: Er war der zentrale Treffpunkt späterer Rechtsterroristen. „Für den NSU und die Kerngruppe um den späteren NSU war der von der Stadt finanzierte Jugendclub, der Weinclub, das Herzstück der Radikalisierung“, sagt Matthias Quent, Extremistenforscher an der Hochschule Magdeburg-Stendal. .

Dort tauschte man sich aus, hörte Konzerte, etablierte eine Form politischer Subkultur, und so wurden immer mehr junge Menschen vom Neonazismus aufgesogen. Die Dissidenten hatten Angst. „Damit es kein Ort für alle, sondern letztlich ein rechtsextremes, ein national befreites Gebiet und dann auch noch der Ausgangspunkt von Gewalt und Terror wäre.“

Die Jugendarbeit von heute will nicht den Fehler der Vergangenheit wiederholen, ganze Jugendvereine auf dem richtigen Bild stehen zu lassen. Schlüters Herausforderung: rechte Jugend am Lutherkeller teilhaben lassen und trotzdem klare Grenzen setzen. Das ist schwierig, wenn zum Beispiel Gino, 16, sagt, er habe kein Problem damit, dass Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben angegriffen werden.

Der Erzieher erkennt, dass er sich in einem Spannungsfeld bewegt und erkennt die Grenzen seiner Arbeit. Es ist unwahrscheinlich, dass Gino davon überzeugt wird, eine offene Gesellschaft zu verteidigen. “Dann ist es unsere Aufgabe zu sagen: ‘Okay, wie können wir gemeinsam einen Weg finden, damit Sie die offene Gesellschaft zumindest akzeptieren.'”

Gewalt und Vernetzung bei den „Montagsspaziergängen“

Wie aus Ideologie Gewalt wird, zeigte sich Zwickau bei Protestmärschen gegen Corona-Maßnahmen, für die er unter anderem die „Deutsche Zwickauer Jugend“ mobilisierte, einen Instagram-Kanal des mittlerweile ausgelöschten Neonazi-Umfelds.

Insbesondere die Jugendlichen riefen bei den Demonstrationen Parolen wie „Bambule, Krawalle, Rechtsextremisten“. Bei einer “Montagsdemonstration” im November vergangenen Jahres war ein MDR-Team Ziel eines Anschlags. Die beiden Angreifer waren erst 17 Jahre alt. Nur eine Woche nach dem Angriff nahm der sogenannte Walk am Montag wieder zu. Die Polizei wurde umzingelt und es gab Anklagen wegen gezündeter Pyrotechnik und lautem “Sieg Heil!” Einer der minderjährigen Täter ist inzwischen festgenommen. Unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung hätte er beinahe einen Gleichaltrigen getötet.

“Sie sind gewaltbereit, sie sind gut vernetzt. Und das sind Entwicklungslinien, die unbedingt sehr genau beobachtet werden müssen”, sagt Richter, der die rechtsextreme Szene im Raum Zwickau beobachtet. Denn das Beispiel NSU und Zwickau habe gezeigt, dass “rechter Terror immer dort stattfindet, wo man nicht hinschaut. Wo die Sicherheitsbehörden auch nicht handeln.”

Desradikalisierung als Ziel

Laut Deradikalisierungsexperte Peter Anhalt wirkt bei radikalisierten Straftätern oft nur eine Haftstrafe. Neonazis, die Straftaten begangen haben, werden von ihrem bisherigen sozialen Umfeld isoliert und suchen zwischenmenschliche Beziehungen. „Bei den meisten Klienten, mit denen wir arbeiten, gibt es eine Art Ambivalenz zwischen dem destruktiven Anteil und dem Wunsch nach einem komplett anderen Leben. Und um dieser Ambivalenz näher zu kommen und okay zu sagen, gibt es auch die Seite: Wer etwas hat, will auch etwas .. ein anderer und der auch sieht, dass das, was er tut, nicht richtig ist“.

Nicht so weit gehen …

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