Die Proteste setzten Orban unter Druck

Wer in Österreich ein Unternehmen gründen möchte, steht zunächst vor einem bürokratischen Berg. Auch Kleinunternehmer klagen über die Steuerbelastung. Bisher hat Ungarn es den Gründern erleichtert, ein eigenes Unternehmen zu führen, hauptsächlich durch das Steuersystem „KATA“ (Kisadozo valllalkozasok teteles adoja, Ma .: Individualsteuer für kleine steuerpflichtige Unternehmen).

In den letzten 20 Jahren hat “KATA” einigen Gruppen wie Einzelunternehmen, Kleinunternehmen und Selbstständigen sehr niedrige Steuern beschert, je nach Einstufung mussten sie 50.000 Gulden (120 Euro) oder 25.000 Gulden zahlen Jahr. Monat, der die Zahlung der Steuer umfasste. Hinzu kamen die Gewerbesteuer und der Kammerbeitrag. Dadurch blieb auch die Dokumentation überschaubar und der Fehler war eingedämmt. „KATA“ ermutigte viele, sich für die Selbständigkeit zu entscheiden: Im vergangenen Jahr nutzten rund 450.000 Menschen die Option „KATA“.

APA/AFP/Ferenc Isza Demo in Budapest mit Oppositionsführer Peter Marki-Zay. Die Opposition nimmt die Barrikaden gegen das Steuerpaket.

Ab dem 1. September wird das System auf einen kleinen Kreis beschränkt. Anspruchsberechtigt sind nur einzelne Arbeitgeber, die Rechnungen ausschließlich an Einzelpersonen ausstellen. Einzige Ausnahme sind Taxifahrer. Arbeitet ein Installateur beispielsweise nicht für einen Privathaushalt, sondern für einen Haushalt oder ein Unternehmen, muss er höhere Steuern zahlen. Zudem werden in Zukunft die Mehrkosten für bisher günstiges Wohnen steigen.

Auf Wiedersehen mit hoher Geschwindigkeit

Die Neuerungen wurden am vergangenen Montag vorgestellt und am Dienstag im Parlament debattiert und mit großer Mehrheit angenommen. Präsidentin Katalin Novak hat das Paket bereits unterzeichnet. Seitdem gibt es in ganz Ungarn Proteste gegen das “brutale Steuerpaket”. Am Montag etwa blockierten Fahrradkuriere, die „KATA“ folgen wollten, die Margarida-Brücke in der Hauptstadt. Medienberichten zufolge wurden bei der Evakuierung der Polizei Elektroschockgeräte gegen zwei Demonstranten eingesetzt. Die Boten verfassten eine Petition, die Orbans rechtsnationaler FIDESZ im Parlament zugestellt wurde.

Es hagelte auch Kritik von der Opposition, die der Regierung Lügen vorwarf. Denn Orban hatte im April versprochen, die Wohnnebenkosten zu schützen und keine Steuererhöhungen vorzunehmen. Die rechtsextreme Jobbik-Partei, die Momentum-Partei und die Sozialisten (MSZP) hatten Novak gebeten, das Paket an das Parlament zu schicken.

AP / Manu Fernández Viktor Orban

Der Präsident rechtfertigte die Hetze jedoch: „Ich habe keinen Grund gefunden, beim Verfassungsgericht Berufung einzulegen. Die Absicht des Gesetzgebers und der Zweck der Änderung werden kaum diskutiert“, schrieb Novak auf Facebook. Er habe aber auch „den Aufschrei gehört, „dass es besser gewesen wäre“, wenn die Änderungen nach eingehender Beratung beschlossen worden wären.“ In Zeiten der Krise sei es aber richtig, “dass das Staatsoberhaupt der Entscheidung des Parlaments keine Steine ​​in den Weg legen sollte”.

Die Schattenwirtschaft wird wiederbelebt

Viele Kleinunternehmer könnten nun gezwungen sein, in den Sommermonaten für Finanzämter zu kandidieren oder sogar ihr Geschäft ganz aufzugeben, so die Befürchtung. “Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, wird die Zahl der Arbeitgeber minimiert”, sagte der Steuerrechtsexperte Miklos Pallfy dem ungarischen Nachrichtenportal Telex.hu Billing, was kontraproduktiv ist.

Mehrere Versuche, eine Verschiebung der neuen Regeln vorzuschlagen, schlugen fehl. Beispielsweise schlug die Budapester Industrie- und Handelskammer (BKIK) vor, dass es im Januar in Kraft treten soll. Dann wäre genug Zeit, „KATA“ so zu überarbeiten, dass die meisten Arbeitgeber noch davon profitieren. Aber die Regierung weigerte sich. Orban argumentierte, dass die neuen Regeln dringend erforderlich seien, um sicherzustellen, dass das staatliche Rentensystem tragfähig bleibe.

Kein Geld aus Brüssel

Aber nicht nur wegen der anhaltenden Proteste hat er Probleme, sondern auch, weil die Ungarn unter der Inflation leiden. Trotz staatlicher Preisbegrenzungen für lebensnotwendige Güter ist die Inflation erstmals seit 20 Jahren zweistellig, und der Gulden fällt. Auch das Geld aus Brüssel, mit dem Orban gerne Steuergeschenke verteilte, fließt nicht.

Der Grund liegt im Streit der Regierung mit der EU-Kommission über die Auszahlung der CoV-Wiederaufbaufondsmittel. Für Ungarn waren zunächst 7,2 Milliarden Euro budgetiert. Allerdings drosselt die EU die Hilfe wegen fehlender Antikorruptionsmaßnahmen und verfassungsrechtlicher Probleme in Ungarn. Und die Kommission hat den Druck zuletzt deutlich erhöht. Sie hat kürzlich beschlossen, den EU-Gerichtshof wegen des umstrittenen Gesetzes über LGBTQ-Personen zu verklagen. Das Gesetz diskriminiere Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, so die Kommission.

Eine zweite Klage vor einem EU-Gericht in Luxemburg richtet sich gegen die Weigerung Ungarns, eine Sendelizenz für den regierungsfeindlichen Sender Klubradio zu erteilen. Auch im Streit um unterschiedliche Kraftstoffpreise für in- und ausländische Fahrzeuge ging die Kommission gerichtlich vor.

Wenig Fortschritt

Für die ungarische Regierung laufen die Verhandlungen mit Brüssel über Zahlungen gut. Die Kommission reagiert auf die Vorschläge Ungarns, heißt es in der offiziellen Mitteilung von Orbans Stabschef Gergely Gulyas. Auf Nachfrage von ORF.at sieht die EU-Kommission vor allem bei der Korruptionsbekämpfung noch einige offene Punkte.

Wegen der angeblichen Missachtung europäischer Grundwerte wird zudem ein Verfahren nach Artikel 7 der EU-Verträge gegen das Land eingeleitet. Zudem hat die EU-Kommission den Rechtsstaatsmechanismus gegen Ungarn aktiviert, das mit Kürzungen von EU-Geldern droht. In ihrem neuen Rechtsstaatsbericht stellt die Behörde zudem neue gravierende Defizite bei Demokratie und Grundrechten fest. Die in der Krise erwarteten Milliarden aus Brüssel sind daher nicht in Sicht.

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