Die Salzburger Festspiele, die gerne behaupten, als Friedensprojekt in Zeiten größerer Krisen 1920 geboren worden zu sein, werden erneut aufgefordert, sich politisch klar zu positionieren. Ein Krieg mitten in Europa stellt das Selbstverständnis eines Festivals in Frage, das sich mit Grundsatzfragen auseinandersetzen will, aber in Haltungsfragen keine „halbsilbernen“ Positionen (um die Worte des Regisseurs aus anderen Kontexten zu zitieren) beziehen kann. . Eher kämpft man heute mit Einladungspolitik – Teodor Currentzis ja, sein St. Petersburger Orchester nein.
eine Warnung
Der ORF überträgt die Verleihung ab 11 Uhr live auf ORF2, tvthek.ORF.at und hier.
Wie der von Intendant Markus Hinterhäuser vorgeschlagene Test „im Einzelfall“ zu bewerten ist, wird in den Medien diskutiert – und sorgt für viel Hype, wenn man an das aktuelle Cover von „Profil“ denkt. Salzburg, dieses in künstlerischer Hinsicht wohl mittlerweile europaweit einzigartige Festival, lässt sich fragen, inwieweit es im Blick auf die eigene Geschichte gerne auf allgemeine Formeln zurückgreift. Zum Friedensprojekt wurden die Festspiele erst wenig später, als die Welt auf Österreich blickte, weil das kleine Land von Hitlerdeutschland bedroht war (und Salzburg auch ein Hort nationalsozialistischer Aktivitäten war).
Hofmannsthal und die moralisch überlegenen Österreicher
Auch Hugo von Hofmannsthals Festbegründungspolitik kennt viele Ansätze und Umwege (die ja bekanntlich aus der Kaiserzeit stammen, also per se nichts mit einer Nachkriegs-Projektwelt zu tun haben). Das Festival ist einer der Eckpfeiler der österreichischen Identitätspolitik nach 1918 und wendet sich der Kultur als Alternative zur für Österreich so schwierigen nationalen Frage zu. Sie wollten also besser sein als Deutschland und maßen ihre eigene Menschlichkeit stets an einem Nachbarn, dem sie sich 1921 auf dem Boden der westlichen Bundesländer anschließen wollten.
Kurzum: Kulturpolitik in Österreich war schon immer Identitätspolitik und hatte mit kurzen Ausnahmen wie etwa in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre selten etwas mit Selbstkritik zu tun. Kultur diente und dient der Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung. Es wird auch erwartet, dass die großen Medieninstitutionen, der ORF und die Zeitungen, diese Tatsache stillschweigend bestätigen.
Hinterhäuser und Trojanow im Gespräch
Der künstlerische Leiter und Sprecher des Festivals zu Kunst und Macht.
Das anfängliche Paradoxon
Tatsächlich wird von einer Eröffnungsrede des Festivals ein Paradox verlangt: Bestätigung zu suchen und gleichzeitig Kritik zu bejahen. Dieses Experiment ist eine Gratwanderung. Im vergangenen Jahr wurde daraus ein Universitätsseminar des SPD-Politikers und Philosophen Julian Nida-Rümelin („Einzelstaaten sind keine Akteure mehr“), der den Verfassungspraktiker des Bundespräsidenten auf den Plan rief und Gegendarstellungen provozierte.
Es geht darum, wie wir diesen Gedanken und dieses Gefühl wiederfinden, dass der Krieg näher rückt“, sagte Trojanow am Montagabend im „KulturMontag“ des ORF auf die Frage, wie er seine Rede gestalten würde: „Es geht darum, was uns antreibt, auch im Kampf gegen den Krieg.“ Gerade deshalb ist das Festival für ihn kein „Eskapismus“.
Brigitte Friedrich / SZ-Photo / picturedesk.com Hauptredner 2022, Ilja Trojanow
Auf dieses Jahr darf man gespannt sein. Mit Kristina Hammer tritt erstmals eine neue Präsidentin in die Öffentlichkeit, nachdem ihre Vorgängerin in Salzburg, Helga Rabl-Stadler, im letzten Eröffnungsakt im Stile ihres Vaters zu Höchstform auflief. All dies verleitete auch den Gouverneur, der die Veranstaltung eigentlich organisiert, dazu, das Terrain der Weltphilosophie zu erklimmen.
“Trojanov, der ideale Redner”
Gegenüber dem Hauptredner Trojanow sagte Festival- und Intendant Hinterhäuser, dass es in der aktuellen Situation keinen besseren Redner gebe: „Ilija Trojanow ist ein Weltensammler im besten Sinne des Wortes. In ständiger Bewegung zwischen Sprachen, Kulturen und Epochen ist sie immer auf der Suche nach komplexen Wahrheiten und Visionen der Welt, nach Wegen, Freiheit zu erfahren und zu einer menschlichen Verständigung zu gelangen.“
ORF-Projekt „Die Doppelfrau“: Wie ist unser Selbstverständnis entstanden?
Eine mysteriöse Frau trifft in Salzburg ein und beauftragt einen Privatdetektiv mit einer Aufgabe: Er soll alles über das renommierte Fotoatelier Ellinger herausfinden, das von 1909 bis in die 1970er Jahre in Salzburg existierte.
Vom Festival, aber auch von der Politik, wird es zum Zeitpunkt der Einweihung im Jahr 2022 und mit einem Krieg vor den Toren nötig sein, mehr zu tun, als für humanitäre Ideale zu kämpfen, sprich: Konkretheit. Und natürlich auch, wie die Festivalleiterin kürzlich deutlich machte: den Mut zur Differenzierung, der allerdings einen nachhaltigen Willen zur Auseinandersetzung mit sich bringt.
1964 wurde bei den Salzburger Festspielen die Tradition der Festrede begründet, die nur während der Amtszeit von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) für zwei Jahre unterbrochen wurde. Frauen haben diese Rede nur dreimal gehalten. Weltphilosophie ist in Salzburg noch Männersache.