Die Ukraine wartet beim EU-Gipfel auf eine Einigung

“Der Europäische Rat hat beschlossen, der Ukraine und der Republik Moldau den Status von Kandidatenländern zu gewähren.” Dieser Satz findet sich in einem Entwurf der Abschlusserklärungen, die am Tag vor dem Gipfel in Brüssel verteilt wurden. Im Prinzip fehlt nur noch die Zustimmung der 27 Mitgliedsstaaten, und die Ukraine wäre zusammen mit Moldawien, das ebenfalls grünes Licht von der Kommission erhalten hat, ein großer symbolischer Schritt näher an die EU.

Dass diese Regelung in den Entwurf aufgenommen und höchstwahrscheinlich verabschiedet werden würde, war jedoch so gut wie sicher: Anfang der Woche gab es noch Widerstand aus EU-Staaten. Länder wie die Niederlande und Dänemark nahmen diese Woche jedoch das grüne Licht der Kommission zum Anlass, die dahinter stehende Entscheidung zu hinterfragen.

Das liegt wohl unter anderem daran, dass die weiteren Schritte im Prozess des Beitritts zur Ukraine an einen Berg von Bedingungen geknüpft sind. Diese Bedingungen und das, was besonders von den EU-Staaten betont wird, werden wohl eines der wichtigsten Themen des zweitägigen Gipfels sein.

Westbalkan sucht Perspektive

Aber das Ja der Ukraine wird auch die Debatte um den Beitritt der Länder des Westbalkans befeuern. Österreich, das immer vor einer “Zwei-Klassen-Gesellschaft” gewarnt hat, ist sehr um die Rücksichtnahme der dortigen Länder besorgt. „Wenn wir ein Zeichen nach Osten setzen, müssen wir auch unserer geopolitischen Verantwortung gegenüber Südosteuropa gerecht werden“, sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) kürzlich. “Wir können uns keinen geopolitischen Blick auf den Tunnel leisten.” Vor allem der Kandidatenstatus von Bosnien und Herzegowina dürfte Österreich große Sorgen bereiten.

EU-Gipfel zum Beitritt der Ukraine

Die EU-Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP), treffen sich am Donnerstag und Freitag in Brüssel, um über den Status als offizielle Kandidaten für die Ukraine und Moldawien zu entscheiden. Es wird erwartet, dass die Staats- und Regierungschefs der EU einer entsprechenden Empfehlung der EU-Kommission folgen. Der Beginn bestimmter Mitgliedschaftsgespräche ist noch nicht statusbezogen.

Dieses Thema dürfte im Mittelpunkt eines Treffens mit den Westbalkanländern vor dem Rat der EU-Staats- und Regierungschefs stehen. Konkret sind Serbien, Montenegro, Nordmazedonien, Albanien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo vertreten.

Staaten drohten, die Sitzung zu boykottieren

Ein Skandal steht bevor: Serbien, Nordmazedonien und Albanien hatten wegen der Blockade Bulgariens mit einem Boykott des Treffens gedroht, als sie die Beitrittsgespräche mit Skopje und später mit Tirana aufgenommen hatten. Am Ende kapitulierten sie.

„Wir werden am EU-Rat teilnehmen“, schrieb der albanische Ministerpräsident Edi Rama auf Twitter. Sie wollten in Brüssel gehört werden, fuhr Rama fort. Die Vertreter der drei Länder wollten das Podium nutzen, um ihre Überlegungen zum Thema “Die Förderung des europäischen Geistes und unsere Entführung durch Bulgarien, die ihn zerstört” vorzustellen. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic erklärte sich ebenfalls bereit, daran teilzunehmen, berichtete die Nachrichtenagentur Tanjug.

APA/AFP/Soeren Stache Der albanische Ministerpräsident Rama gibt am Mittwoch seine volle Zustimmung

Allerdings könnten die Gespräche durch den Sturz der Regierung in Bulgarien ins Stocken geraten: Denn Hintergrund des Misstrauensvotums gegen den dortigen Ministerpräsidenten Kiril Petkow war der Streit um die EU-Erweiterung. Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Blockade der Beitrittsverhandlungen Nordmazedoniens durch Sofia sind damit zerschlagen.

Neue Sanktionen liegen in der Luft

Neben Beitrittsanträgen diskutieren die EU-Staaten auch über finanzielle und militärische Hilfe für die Ukraine und die durch den Krieg stark bedrohte Ernährungssicherung. Auch weitere Sanktionen gegen Russland könnten zum Problem werden. Laut Diplomaten zielen die EU-Länder zum ersten Mal auf Gold ab, berichtet Reuters.

“Wir werden mit Sanktionen weitermachen”, heißt es im jüngsten Entwurf der Abschlusserklärung des EU-Gipfels. Dazu gehören die konsequente Anwendung bestehender Sanktionen und die Schließung von Lücken, heißt es in dem Dokument vom 20. Juni. Am Freitagvormittag steht unter anderem der Euro-Gipfel auf dem Programm, bei dem es um den rasanten Anstieg der Inflation und Energiepreise geht. EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Eurogruppenpräsident Paschal Donohoe werden eingeladen.

Der Kandidatenstatus ermöglicht den Zugang zu Fördermitteln

Bei einem Ja zum Beitritt der Ukraine sagt der Kandidatenstatus allein nichts aus: Auch die Türkei hat seit 1999 den Kandidatenstatus, könnte aber derzeit kaum weiter von einem EU-Beitritt entfernt sein. Allerdings wäre die Zustimmung der EU-27 – sie muss einstimmig erfolgen – mehr als ein symbolischer Schritt: Als Kandidat gibt es mehr Möglichkeiten für Staaten, Fördermittel zu erhalten – das könnte gerade für die Ukraine entscheidend sein.

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