Einen Zeugen im Mordprozess Tiergarten ausspionieren?

Stand: 05.07.2022 19:00 Uhr

Ein Mitarbeiter der Forschungsorganisation Bellingcat war der wichtigste Zeuge im Mordprozess Tiergarten. Offenbar war Russland an ihm interessiert, wie die „Washington Post“ bei Ermittlungen gegen einen österreichischen Geheimdienstagenten herausfand.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Der ehemalige Beauftragte des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) in Österreich ist bereits im Zusammenhang mit dem Skandal um Wirecard und dessen Manager Jan Marsalek aufgefallen. Die Staatsanwaltschaft Wien wirft Egisto O. vor, Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Er soll ohne offiziellen Anlass Daten über eine Vielzahl von Personen angefordert haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Von einer besonders brisanten Konsultation berichtet nun die „Washington Post“ unter Berufung auf Dokumente, die der amerikanischen Zeitung vorliegen. Egisto O. soll die Konsultation im Dezember 2020 gemacht haben, als er bereits an die Polizeiakademie versetzt worden war.

Das ist Christo Grozev, der maßgeblich an der Aufklärung des Mordes im Kleinen Tiergarten in Berlin beteiligt war. Grozev arbeitet für die Ermittlungsorganisation Bellingcat und klärte die wahre Identität eines festgenommenen Russen auf, der kurz nach dem Mord in der Nähe des Tatorts festgenommen wurde. Anhand von Informationen aus russischen Datenbanken entdeckte Grozev den Namen von Vadim Krasikov und konnte Bewegungsprofile erstellen. Aufgrund dieser Beweise und der Ergebnisse der Ermittlungen der Behörden wurde der Angeklagte als Vadim Krasikov zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Vorsitzende Richter Olaf Arnoldi sprach von einer von den russischen Staatsbehörden in Auftrag gegebenen Tat und bezeichnete sie als Staatsterrorismus.

Auf Anfrage von tagesschau.de bestätigte Grozev, dass die österreichischen Behörden ihn darüber informiert hätten, dass seine Daten, einschließlich seiner Wohnadresse, abgefragt worden seien. Sie geht davon aus, dass die Datenabfrage im Auftrag Russlands durchgeführt wurde. Denn Egisto O. sprach mit einem anderen Agenten über „unsere Freunde“ und über eine „Sache“, in die sich Grozev offenbar eingemischt hat. „Ich weiß nicht, in welche andere Sache ich mich hätte einmischen sollen“, sagte Grozev. Das Ziel könnte Einschüchterung, Beschattung oder Vorbereitung eines Mordes gewesen sein.

Fehleranalyse des Betriebs in Berlin

Auch die „Washington Post“ berichtet, dass auf dem Handy von Egisto O. eine Analyse des Zoo-Mordes gefunden wurde, in der offenbar die Mängel des Berliner Einsatzes bewertet und Empfehlungen ausgesprochen wurden, wie der russische Geheimdienst vorgehen könnte in der Zukunft. Daher deutet die Analyse darauf hin, dass ein Maulwurf oder Deserteur möglicherweise Informationen geliefert hat, die den Plan hätten gefährden können, da Krasikov bei einem Fluchtversuch festgenommen wurde.

Nach Angaben eines Polizeibeamten brauchte der Angreifer wenige Sekunden, um als Tourist verkleidet auf einem Elektroroller zu entkommen. Seine Niederlage bestand darin, dass zwei Zeugen sahen, wie er sich in einem Busch umzog und Verbrechen an der Spree bewarf. Da die herbeigerufenen Polizisten innerhalb weniger Minuten eintrafen, konnten sie den Täter rechtzeitig fassen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt noch gegen einen oder mehrere mögliche Komplizen, die das Opfer ausfindig gemacht, die Tatgegenstände beschafft und den Fluchtweg organisiert haben könnten. Ein Russe mit einer ähnlichen Pseudoidentität wie Krasikov gilt als verdächtig. Er soll vor der Tat in der EU gewesen sein und mit einem weiteren Mord in Istanbul in Verbindung gebracht worden sein.

Der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Staatsanwalt Lars Malskies, erwähnte in seiner Stellungnahme den Fall eines russischen Diplomaten. Wenige Wochen vor der Urteilsverkündung wurde er tot auf der Straße vor dem russischen Botschaftskomplex in Berlin aufgefunden. Die deutschen Behörden konnten die Ursache des Sturzes aus einem Fenster nicht feststellen, da der Mann Diplomatenstatus hatte. Sein Name wurde jedoch bekannt. Bellingcat entdeckte bei ihm Verbindungen zum russischen Geheimdienst FSB, mit dem Krasikov in Kontakt gestanden haben soll.

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