Ende verstärkter EU-Überwachung „Historischer Tag für Griechenland“

Stand: 20.08.2022 15:15

Es ist ein sehr technischer Begriff, aber ein echter Meilenstein für Griechenland: Das Land tritt aus dem sogenannten verstärkten Überwachungsrahmen der EU aus. Für viele Griechen ist die Krise aber noch lange nicht vorbei.

Von Verena Schälter, ARD Studio Athen

Achielleas Oikonomou weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Hilfe von anderen braucht: „Ich habe 2014 meinen Job verloren. Da habe ich von der Suppenküche ‚O allos anthropos‘ erfahren. Sie haben mir geholfen und ich helfe ihnen seitdem.“

„O allos anthropos“, zu Deutsch „Die andere Person“, ist gemeinschaftliches Esszimmer und Tisch in einem. Es wird von Freiwilligen wie Oikonomou betrieben, die oft selbst von den Folgen der Finanzkrise betroffen waren, wie extrem hoher Arbeitslosigkeit und massiven Kürzungen von Renten und Sozialleistungen. Hilfsorganisationen, aber auch viele Freiwillige versuchten aufzufangen, was der griechische Staat nicht mehr leisten konnte.

Inflation und Energiepreise treffen die Griechen

Obwohl sich die Situation in den letzten Jahren etwas entspannt hat, lebt immer noch jeder Dritte in Griechenland am Rande der Armut. Gerade jetzt, bei einer Inflation von über 11 Prozent und steigenden Energiepreisen, führt dies dazu, dass die Schlangen vor den Suppenküchen länger werden.

„Alle Preise sind gestiegen, aber die Renten sind gleich geblieben und wir werden im Winter mehr Probleme haben“, sagt Oikonomou. „Ständig kommen neue Leute. Wir sehen jeden Tag ein neues Gesicht. Hier werden täglich zwischen 200 und 250 Portionen gekocht. Aber das reicht leider nicht.“

Auch das Rentnerehepaar Stella und Panagiotis kommen regelmäßig hierher: „Nichts ist gleich geblieben. Die Preise in den Gemüsemärkten und Supermärkten haben sich überall geändert. Das Wort ‚Sparen‘ war schon immer sehr wichtig und jetzt noch mehr.“

Griechenland stand kurz vor dem Bankrott

Das Sparen und Knappheitsmanagement ist vielen Griechen spätestens seit der Finanzkrise vertraut. Im Oktober 2009 räumte die griechische Regierung ein, dass das Haushaltsdefizit tatsächlich viermal höher war als zuvor gemeldet. Das Land stand kurz vor dem Bankrott.

Andere EU-Staaten und der Internationale Währungsfonds gewährten Griechenland Erste-Hilfe-Darlehen. Damals gab es noch kein europäisches Rettungspaket oder einen Krisenfonds, um den angeschlagenen EU-Staaten Geld zu leihen. 2010 wurde der erste Rettungsfonds für den Euro mit dem sperrigen Namen „European Financial Stability Mechanism“ geschaffen, aus dem zwei Jahre später der European Stability Mechanism, kurz ESM – hervorging

“Dann wollte die Kommission genauer hinsehen”

Insgesamt hat Griechenland fast 290 Milliarden Euro an Krediten aufgenommen. Doch um an das Geld zu kommen, musste sich der griechische Staat zu strengen Sparmaßnahmen verpflichten. I: Seit 2018, nach dem offiziellen Ende des dritten und letzten Rettungsprogramms, steht Griechenland unter verstärkter Überwachung durch die EU.

„Daher wollte die Kommission genauer hinschauen“, sagt Ökonom Jens Bastian. Er lebt seit fast 25 Jahren in Griechenland und war Mitglied der „Task Force for Greece“ der Europäischen Kommission. Derzeit macht er einen Forschungsaufenthalt bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Die EU-Kommission wollte sicherstellen, dass Griechenland die Auflagen auch nach Ende eines Programms erfüllt, Griechenland aber auch deutlich machen kann: Wir haben unsere Schlüsse aus den Erfahrungen der Vergangenheit gezogen. Wir wollen jetzt ein verlässlicher Partner sein.“

Die Arbeitslosigkeit sinkt von 30 auf 13 Prozent

Es geht also wieder aufwärts in Griechenland: Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um mehr als acht Prozent, in diesem Jahr soll sie noch um 3,5 Prozent wachsen. Auch die Arbeitslosenquote ist von zeitweise fast 30 % auf 13 % gesunken. Reformbemühungen zeigen Wirkung, das ist auch EU-weit zu sehen.

„Am 20. August verlässt das Land die verstärkte Überwachung durch die EU“, sagte der griechische Finanzminister Christos Staikouras im griechischen Fernsehen. “Was bedeutet das? Zusammen mit der vorzeitigen Rückzahlung aller Kredite des Internationalen Währungsfonds und der vollständigen Aufhebung der Kapitalbeschränkungen kehrt das Land zur europäischen Normalität zurück.” Und Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sagte: Der 20. August 2022 sei ein “historischer Tag für Griechenland und alle Griechen”.

Griechenland zahlt Kredite vorzeitig zurück

Griechenland hatte bereits im April die letzten ausstehenden Kredite des Internationalen Währungsfonds in Höhe von knapp 1,9 Milliarden Euro zurückgezahlt, zwei Jahre früher als geplant. Da das Land jedoch den größten Teil seiner Schulden anderen europäischen Ländern und dem Europäischen Stabilitätsmechanismus schuldet, bleibt die Staatsverschuldung hoch und wird zum Jahresende immer noch auf fast 190 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt

Dass Griechenland nun den erweiterten Überwachungsrahmen der EU verlässt, ist jedoch eine gute Nachricht, sagt Ökonom Bastian:

Griechenland ist nicht mehr das schwarze Schaf der Eurozone. Andere Länder stehen jetzt womöglich am Pranger, etwa Italien. Und gleichzeitig ist es auch ein Gefühl der Erleichterung…

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