Energieexperte im Interview: „Afrika kann Europas Energieproblem lösen“

Interview mit Energieexperte „Afrika kann Europas Energieproblem lösen“

26. Mai 2022, 17:38 Uhr

Die EU sucht nach Alternativen zu russischem Gas. Afrikanische Länder können einen Großteil der Nachfrage decken. Der Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz zeigt, dass auch in Deutschland ein Umdenken eingesetzt hat. Afrikanisches Gas ist attraktiv geworden. Der in Kamerun geborene Öl- und Gasanwalt NJ Ayuk sieht in der Afrikareise von Bundeskanzler Olaf Scholz derzeit ein wichtiges Zeichen. Deutschland muss sich aber beeilen, in afrikanisches Erdgas zu investieren, sonst geht es wieder an die Chinesen.

ntv.de: Olaf Scholz ist erstmals als Bundeskanzler nach Afrika gereist. Sie haben ihn im Senegal getroffen: Wie wurde Ihr Besuch dort aufgenommen?

NJ Ayuk: Der Besuch von Olaf Scholz war damals für den afrikanischen Kontinent enorm wichtig. Scholz hätte Anfang dieser Woche in Davos sein können, er hätte in den USA sein können, aber er ging nach Afrika. Das sendet das richtige Signal. Gerade in der aktuellen weltpolitischen Lage ist es für Scholz sehr sinnvoll, die Partnerschaft mit Afrika weiter ausbauen zu wollen. Der Besuch der Bundeskanzlerin wurde gut angenommen.

Welche Rolle kann Afrika für die deutsche und europäische Energiesicherheit spielen?

Eine riesige Rolle. Nehmen wir als Beispiel die westafrikanische Gaspipeline in Nigeria (Benin, Togo und Ghana versorgt mit Erdgas aus Nigeria, Anm. d. Red.): Diese Pipeline könnte als unterseeische Gaspipeline weitergeführt werden. Neben Senegal und Mauretanien gibt es umfangreiche Gasfelder, die derzeit von BP und Kosmos Energy verwaltet werden. Dieses Gas könnte sehr schnell nach Europa fließen. Das wäre billiger und besser als Nord Stream 2. Eine andere Möglichkeit wäre eine Gaspipeline durch Nigeria, Niger und Algerien nach Europa. Das kann auch schnell passieren.

Wie realistisch wäre die nigerianische Gaspipeline in Europa?

Es ist sehr realistisch. Es kann schneller gehen, als die Leute denken. Das australische Unternehmen WorleyParsons führt derzeit eine Machbarkeitsstudie durch, um zu sehen, ob die Pipeline durch Senegal oder Niger und Algerien verlaufen könnte. Die OPEC gab viel Geld aus, um diese Studie zu fördern. Die Pipeline könnte sogar vor Senegal und Mauretanien unter Wasser und von dort direkt nach Europa gebaut werden. Es ist sicher und schnell und dann ist da noch das Gas. Entscheidend ist aber, dass diese Pipelines zukunftssicher gebaut werden müssen, damit sie auch grünen Wasserstoff und grünes Ammoniakgas transportieren können. Großes Potenzial für grünen Wasserstoff haben beispielsweise Niger, Senegal und Mauretanien. Ein deutsches Unternehmen hat bereits einen Vertrag mit der nigrischen Regierung unterzeichnet. Damit ist Gas die Technologie des Übergangs, aber auch Zukunftstechnologien müssen auf der Agenda stehen. Wir müssen uns der Klimaschutzziele sehr bewusst sein.

Gibt es andere afrikanische Länder, mit denen Deutschland zusammenarbeiten könnte?

Mosambik zum Beispiel. Das Land wird vom Stillstand zu einem der größten Gasproduzenten der Welt werden. Sie müssen nur ihre Infrastruktur verbessern. Hier geht es um die nächsten Jahre. Italiener investieren bereits im Kongo und in Mosambik. Nun sollen die Deutschen nachziehen. Namibia, das eine historische Nähe zu Deutschland hat, hat gerade große Mengen an Erdgasfeldern entdeckt.

War es ein Fehler, dass Deutschland und andere Länder die Finanzierung und Erschließung neuer fossiler Vorkommen deutlich erschwert haben?

Ja, es war ein Fehler. Wir haben Deutschland deutlich dafür kritisiert, dass es darauf besteht, dass in Afrika kein Erdgas entwickelt und nur in grüne Technologien investiert werden soll. Denken Sie daran, dass 600 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zu Elektrizität haben. 900 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberen Kücheneinrichtungen, die meisten davon Frauen. Energiearmut ist hier sehr real. Eine deutsche Familie verbraucht in ihrem Kühlschrank mehr Strom als viele Afrikaner ein ganzes Jahr lang. Hier haben wir ein Problem mit dem Zugang zu Energie. Deutschland nutzt Gas und Kohle, um zu wachsen. Aber das wollte man Afrika mit dieser Weiterentwicklung nicht zugestehen, zumindest interpretierten sie es damals so. Die Tatsache, dass die Kanzlerin da war, hat diese Diskussion nun etwas abgeschwächt.

Kommt Deutschland in Sachen Flüssigerdgas (LNG) zu spät? Mit anderen Ländern wurden bereits Verträge unterzeichnet und China steht wie immer an vorderster Front …

Verträge wurden unterzeichnet, aber Deutschland ist noch nicht zu spät. Wieder einmal ist Mosambik ein gutes Beispiel. Ja, Asiaten haben langfristige Kaufverträge abgeschlossen. Aber jetzt hat Deutschland eine große Chance, mit Unternehmen und zum Beispiel mit der namibischen Regierung zu verhandeln, um LNG-Projekte zu beschleunigen.

Allerdings darf man auch nicht vergessen: Die eigentlichen „Gasmonster-Projekte“ stehen in Nigeria. Sie sind bereit und es gibt wirklich keine Hindernisse. Aber die Deutschen müssen die Finanzierung sichern. Japan hat gerade Geld investiert, ebenso Südkorea und China. Die Länder leisten eine Vorauszahlung von ein bis zwei Jahren und ernten schließlich die Vorteile von LPG. Was die Deutschen wissen sollten: LNG-Projekte sind heutzutage viel schneller. Anstatt Jahre in Anspruch zu nehmen, können sie in 16 bis 18 Monaten abgeschlossen werden. Die Deutschen müssen die Euro schnell bezahlen, aber die Chinesen werden es wirklich tun und dann müsste Deutschland afrikanisches Gas in Asien kaufen.

Zum Schluss die wichtigste Frage: Kann Afrika das Energieproblem Europas lösen?

Ja, afrikanische Länder können die Energieabhängigkeit Europas lösen, solange Investitionen getätigt werden. Dies ist der Status quo. Es gibt viele Ressourcen in Afrika. Deutschland baut zwei LNG-Terminals. Aber wo soll das Gas herkommen? Mit dem viermal teureren US-Gas kann man nicht langfristig planen. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Russisches Gas ist am billigsten, aber Gas aus Afrika liegt gleich dahinter. Und der Vorteil: Es kommt aus Ländern in der Nähe von Deutschland. Gleichzeitig gibt es langfristige Initiativen, die dem afrikanischen Kontinent helfen. Es ist jetzt eine Partnerschaft auf Augenhöhe und nicht nur „Entwicklungshilfe“, wie es in der Vergangenheit immer der Fall war.

Philipp Sandmann sprach mit NJ Ayuk

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