Energiekrise: Windräder statt Denkmalschutz und Abstandsregeln: Warum Söder den Kurs ändert

Es sind Sätze wie diese, die das paradoxe Unterfangen der bayerischen Landesregierung verdeutlichen: „Wir wollen die Windenergie in Bayern ausbauen und dem Fernschutz voll gerecht werden“, sagte Rainer Ludwig, energiepolitischer Sprecher der Freien Wähler, im Bayerischen Landtag. . Seine Partei bildet mit der CSU die Landesregierung, gemeinsam wollen sie Bayern bis 2040 klimaneutral machen, fünf Jahre schneller als von der Bundesregierung prognostiziert.

Windenergie fördern und gleichzeitig alle Interessen der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigen: Die letzten Jahre haben gezeigt, dass dies kaum möglich ist. Der Widerstand von Anwohnern und Naturschützern schleppte Windkraftpläne über alle Bundesländer oder ließ sie ganz scheitern.

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Die CSU hat sich bislang auf das Wohl der Anwohner konzentriert: Laut der sogenannten 10-H-Regel muss ein Windrad in Bayern mindestens zehnmal so hoch sein wie das nächste Dorf. Mit modernen Systemen sind das zwei Kilometer und mehr, weiter als in jedem anderen Bundesland. Seit Inkrafttreten der Norm im Jahr 2014 wurde die Windenergie schrittweise eingestellt. Kritiker und Experten sehen den Hauptgrund dafür in der 10-H-Regelung: Es gibt nur wenige ungenutzte Flächen in Bayern, die diese Anforderung erfüllen und auch für Windkraft geeignet sind.

Die Bundesregierung will die Abstandsregeln für Windkraftanlagen notfalls aufheben

Der Ausbau der Windenergie in Deutschland stagniert seit Jahren. Für einen schnelleren Bau von mehr Windrädern will die Bundesregierung die Bundesländer stärker in die Verantwortung nehmen und strenge Abstandsregeln zu Wohngebäuden außer Kraft setzen, wenn Flächenziele nicht erreicht werden.

Quelle: WELT / Sebastian Plantholt

2021 wurden in Bayern nur sechs Neuanlagen genehmigt, in den ersten drei Quartalen wurden keine Anträge für neue Windenergieanlagen gestellt. „In Bayern sind wir bei der Windenergie jetzt bei Null angelangt“, sagte Martin Stümpfig, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, vor einigen Monaten.

Doch jetzt soll die Windkraft in Bayern Fahrt aufnehmen. Vergangene Woche kündigte die Landesregierung wesentliche Änderungen an: Die 10-Stunden-Regelung soll gelockert werden; in bestimmten Gebieten soll der Mindestabstand nur 1000 Meter betragen. So müssen vor allem an Autobahnen, Wäldern oder Hauptbahngleisen neue Flächen ausgewiesen werden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von den 800 neuen Windrädern, die seine Regierung an den Start bringen will. Derzeit gibt es in Bayern etwa 1.200 Windenergieanlagen.

Söder wirft Scholz im Atomstreit “technischen Unsinn” vor

CSU-Chef Söder wirft Bundeskanzler Scholz vor, im Streit um den Atomausbau falsche Argumente zu verbreiten. Es ist “technischer Unsinn”, zu sagen, Brennstäbe für Atomkraftwerke seien nicht verfügbar. “Sie sind überall auf der Welt erhältlich, alle europäischen Nachbarn tun es.”

Auch einzelne Ministerien wagen Fortschritte. Bayerns Wissenschafts- und Kunstminister Markus Blume (CSU) kündigte an, den Denkmalschutz aufweichen zu wollen und sprach sogar von einer „Wende“. Er wolle „Denkmalschutz und Klimaschutz verbinden“, sagte Blume WELT.

Nun soll es vor allem im Bereich Photovoltaik sehr gut möglich sein, aber auch bei Wind: Bei den meisten der mehr als 100.000 Denkmäler – mit Ausnahme der 100 wichtigsten – soll eine Denkmalinspektion bei Wind nicht mehr nötig sein Turbinen sind in ihrer Nähe geplant. Neben Artenschutz und Nachbarschaftsbeschwerden hat auch der Denkmalschutz Windkraftprojekte in Einzelfällen verhindert.

Habeck gegen Bayern

Die CSU will in Berlin signalisieren, dass Erneuerbare Energien ernst genommen werden und Windenergieziele erreicht werden können, ohne sich von der 10-H-Regel zu verabschieden. Denn die CSU will sie nicht im Stich lassen.

In den vergangenen Monaten war ein Streit zwischen Bayern und der Bundesregierung entbrannt. Der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will die Bundesländer dazu zwingen, zwei Prozent ihrer Fläche für Windenergie zu nutzen: In Bayern liegt dieser Anteil bisher bei 0,5 Prozent. Notfalls könnte Habeck per Bundesgesetz das bayerische Abstandsgebot aushebeln, ein Facelift, das Ministerpräsident und CSU-Chef Söder laut Beobachtern vermeiden will.

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Die 10-H-Regelung wurde unter ihrem Vorgänger Horst Seehofer eingeführt, um die Bürger in Sachen Windkraft nicht vor den Kopf zu stoßen. „Dieses Gesetz ist kein Windenergie-Präventionsgesetz, sondern ein Bürgerbeteiligungsgesetz“, sagte Bundesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) bei der Verabschiedung im Landtag 2014. Seine Partei hat immer wieder deutlich gemacht, dass sie die Gründe dafür sieht langsamer Ausbau der Windenergie anderswo: in Umweltauflagen, komplizierten Genehmigungsverfahren und Beschwerden von Nachbarn. Alles Dinge, die deutschlandweit Probleme bereiten und für die Berlin verantwortlich ist.

Zudem sieht die bayerische Staatsregierung die Windenergie nicht als „die große Chance in Bayern“, wie Söder Habeck bei einem Treffen der beiden Anfang dieses Jahres erklärte. Tatsächlich ist Bayern das flächenmäßig größte Bundesland; Die meisten Gebiete sind jedoch aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte, vieler Berge und wenig Wind nicht für Windkraft geeignet. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wahl) hat zuletzt auf Erfolge in anderen Bereichen wie Solarenergie oder Biomasse verwiesen. Wirtschaftsminister Habeck sagte Söder im Januar, es sei wichtig, “das eine zu tun und das andere nicht auszulassen”.

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Diese Idee scheint sich die bayerische Staatsregierung zu Herzen nehmen zu wollen. Die Grünen im bayerischen Landtag sehen die jüngsten Zeichen der CSU als gutes Zeichen. „Wir sehen, dass es Bewegung in das Thema gibt“, sagte der energiepolitische Sprecher der Grünen Stümpfig. Er freut sich, dass Bayern endlich seine „Blockierhaltung“ aufgegeben hat und bedauert, dass es zunächst Druck aus Berlin brauchte.

Im jahrelangen Verharren bei 10-H sieht Stümpfig vor allem ein wahltaktisches Manöver. Es ist gar nicht gesagt, dass die Wende der CSU Stimmen kosten wird. 2023 stehen Landtagswahlen an. Seit den letzten Wahlen haben erneuerbare Energien neben dem Klimawandel neue Argumente bekommen: die Rohstoffkrise im Kontext des Ukrainekriegs und die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Ohne Windkraft sind diese Probleme nicht zu bewältigen; Das weiß die CSU und das wissen die meisten Wähler. Und notfalls könnte auch auf die Zwei-Prozent-Regel von Berlin und Habeck verwiesen werden.

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