Enttäuschte Umweltschützer: glückliche Landwirte

Der Bundesrat beschreibt den Weg von Landwirtschaft und Ernährung bis 2050

Vom Bauernhof über den Zwischenhandel und die Verarbeitung bis zum Gericht: In einem Bericht skizziert der Bundesrat den zukünftigen Weg der Land- und Ernährungswirtschaft. Sie soll nachhaltig sein und mehr als heute zur Ernährungssicherung beitragen können.

23.06.2022

Der Bundesrat erläutert, wo er die Landwirtschaft im Jahr 2050 sieht. Er reagiert auf eine Ablehnung des Parlaments: Die Reaktionen sind gemischt.

Werden wir in Zukunft genug zu essen haben? Und wie passiert das? Diese Fragen bewegen die Politik. Insbesondere der Aspekt der Nachhaltigkeit wurde in den letzten Jahren in den Fokus gerückt. Mit der durch den Ukrainekrieg drohenden Ernährungskrise stellt sich auch die Frage, woher die Lebensmittel in Zukunft kommen sollen.

Schweizer Bauern produzieren derzeit rund 56 Prozent der dort konsumierten Lebensmittel. Kann dieser Wert angesichts der für 2050 prognostizierten 10 Millionen Schweizer gehalten werden?

Der Bundesrat sagt ja: Mit besseren Technologien, mehr Effizienz und Innovation kann die Schweizer Landwirtschaft ihre Produktivität steigern.

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Der holprige Weg der Reform

Bereits 2021 legte der Bundesrat eine Strategie vor, die dieses Jahr hätte in Kraft treten sollen. Das Parlament lehnte dies jedoch ab. Die Reform sah vor, dass die Landwirte weniger Gesamtbeträge und mehr Geld für ökologisches Verhalten erhalten würden. Es hätten weniger Tiere pro Fläche gehalten werden sollen und mehr Land für die Biodiversität zur Verfügung stehen sollen.

Die Kritik am Parlament: Mit diesen Maßnahmen würden sowohl der Selbstversorgungsgrad als auch die Löhne sinken. Zudem gehe wertvolles Ackerland verloren, die Importe würden zunehmen und der Verwaltungsaufwand für die Landwirte steigen, hieß es damals. Eine „kohärente Strategie“ ist jedoch nicht erkennbar genug. Deshalb musste der Bundesrat die Bücher erneut prüfen.

In seinem lang erwarteten Bericht definiert der Bundesrat nun vier Hauptrichtungen für eine nachhaltige und sichere Landwirtschaft der Zukunft in der Schweiz.

Erstens soll die Versorgung mit Nahrungsmitteln sichergestellt und zweitens eine klima- und tiergerechte Lebensmittelproduktion durchgesetzt werden. Drittens muss die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft verbessert und viertens nachhaltiger Konsum gefördert werden.

Diese Ziele müssen bis 2050 in drei Stufen erreicht werden: Erstens durch bereits ergriffene Initiativen zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks und zweitens durch die Ausdünnung des Agrarpolitikberichts 22+. Damit sollen nun die wirtschaftlichen Bedingungen der Bauern verbessert und drittens Reformen zur Vertiefung des gesamten Ernährungssystems vorangetrieben werden. Dafür müssen die jeweiligen Sektoren in die Verantwortung genommen werden.

Beispielsweise soll Kostentransparenz möglich sein. Daher sollten die Verbraucher besser darüber informiert werden, wie Lebensmittelpreise zustande kommen. Die Schweizer Branchen sollen ihrerseits zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Diese Strategie geht nun an die Bundesräte, wo noch Anpassungen vorgenommen werden können.

Was sagen Naturschützer?

Die Richtung der neuen Bundesratsstrategie gehe in die richtige Richtung, schreibt Pro Natura in einer Mitteilung: «Aber es ist noch nicht klar», sagt er. Es ist ein Alibi-Umsetzungsplan, der die drängenden Probleme der Klimakrise und der Biodiversität nicht angehen kann.

Mit seinen Visionen von gesünderer Ernährung und mehr Innovation zeichnet der Bundesrat ein attraktives Bild, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen könnte. Nun müsse das Parlament eingreifen und die Agrarstrategie 22+ überprüfen: „Versprechen müssen eingehalten und Maßnahmen zum Schutz des Klimas und der Biodiversität umgesetzt werden.“

Staatsministerin Maya Graf (Grüne/BL) will die soziale Absicherung von Bäuerinnen sicherstellen.

KEYSTONE / PETER KLAUNZER

Grünen-Landesrätin Maya Graf (BL) ist optimistischer. Gegenüber Blue News sagt er, die Regierung zeige jetzt, was die Grünen schon lange predigen. Das heißt, Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit müssen Hand in Hand gehen.

«Der Bundesrat zeigt eine gute Basis, auf der aufgebaut werden kann.» Und sie weiß schon genau, wo sie anfangen soll. So sollten beispielsweise soziale Absicherungen für Bäuerinnen und wirksame Maßnahmen für Biodiversität und Tierschutz in die Belegschaft aufgenommen werden.

Graf ist jedoch skeptisch, was den Zeitplan angeht. Dass die nachhaltige Entwicklung des Ernährungssystems und die nächsten Reformschritte erst 2030 kommen, sei zu spät: „Wir müssen viel früher anfangen.“

Was sagen die Bauernvertreter?

Der Schweizerische Bauernverband reagiert sehr positiv auf die Strategie des Bundesrates. Nationalratspräsident Markus Ritter sagt gegenüber Blue News: «Der Bundesrat hat erkannt, dass die Landwirtschaft ohne Einbezug der gesamten Wertschöpfungskette nicht weiter reguliert werden kann.»

Bauernverbandspräsident Markus Ritter sieht großes Potenzial.

KEYSTONE / GAETAN BALLY

Dies bezieht sich auch auf das Konsumverhalten. „80 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir mit dem Verkauf unserer Produkte“, sagt Ritter. Deshalb ist die globale Vision, die der Bundesrat anbietet, sehr wichtig. Verbraucher haben mit ihren Einkäufen den größten Einfluss darauf, was die Landwirtschaft produziert und wie.

In seinem Bericht – Berichte dieser Art sind in der Regel nicht länger als 20 Seiten – nimmt der Bundesrat zu den Fragen des Ständeratspostulats sehr ausführlich Stellung. Ritter hat jedoch Verständnis dafür, dass er noch keine detaillierte Stellungnahme abgegeben hat, wie sie von Naturschützern gefordert wird. “Diese würden das Ergebnis der Diskussionen vorwegnehmen, die wir noch führen müssen.”

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