Felix Klein: Muslimischer Antisemitismus? „Scheuen Sie sich nicht, Namen zu nennen“

WELT: Herr Klein, für die Documenta Kassel gab es zuletzt Begeisterung, weil die indonesische Künstlergruppe Ruangrupa keinen einzigen israelischen Künstler nach Deutschland eingeladen hat und der antiisraelischen BDS-Bewegung nahe steht. Die Documenta wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Wie passt das zusammen?

Felix Klein: Die Documenta hat das Problem unterschätzt. Nach erheblichen Antisemitismusvorwürfen bot der Zentralrat der Juden Deutschlands seine Hilfe bei der Überprüfung und konstruktiven Weiterentwicklung an und beteiligte sich dann nicht. Die Beauftragten sind unabhängig, aber wenn es um diese Beschwerden und Steuergelder geht, ist viel Fingerspitzengefühl gefragt.

auch lesen

Jüdische Kritik an der Documenta

auch lesen

WELT: Der Bundestag hat 2019 beschlossen, „kein Projekt zu fördern, das die BDS-Bewegung aktiv unterstützt“. Sehen Sie hier einen Widerspruch darin, die Documenta zu unterstützen?

Klein: Wenn kein israelischer Künstler eingeladen wird, wird klar, dass israelische Künstler boykottiert werden sollten. Aber ein abschließendes Urteil würde ich mir trotzdem nicht erlauben. Das Dokument hat noch eine Chance, die Vorwürfe zu zerstreuen.

Quelle: Marlene Gawrisch / WELT / MARLENE GAWRISCH

WELT: Mitglieder des Kunstteams verteufeln Israel als Apartheidregime und setzen deshalb den jüdischen und demokratischen Staat mit einem rassistischen Unrechtsregime gleich.

Klein: Wer Israel als Apartheidstaat bezeichnet, delegitimiert diesen Staat. Das ist ein antisemitisches Narrativ. Antizionismus wird als Ablenkungsmanöver für handfesten Judenhass immer beliebter.

WELT: Der israelische Soziologe Natan Sznaider weist darauf hin, dass Israel zunehmend als Kolonialstaat gesehen und deshalb abgelehnt wird. Ist es so?

Klein: Postcolonial Studies und die Stimmen des globalen Südens sind nicht ausgeschlossen, aber sie werden mehr denn je gehört. Aus Sicht einiger dieser Autoren ist Israel das letzte Kolonialprojekt im Westen. Aber Israel ist eine Rettungsleine für verfolgte Juden.

WELT: Grundlegend für den Streit scheint auch die Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Rassismus zu sein. Welche Unterschiede sind hier zentral?

Klein: Der Antisemit hat Angst vor einer angeblichen jüdischen Überlegenheit und bildet sich eine Abwehrhaltung ein. Antisemitismus gipfelt in der Vernichtung von Juden, während Ausbeutung neben Diskriminierung eine der Hauptursachen für Rassismus ist.

auch lesen

WELT: Genau dieses Argument wird regelmäßig kontert, begleitet von einer Hierarchie, die Rassismus als weniger gefährlich einstuft.

Klein: Eine Art Opferkonkurrenz zu eröffnen, ist völlig falsch. Wir dürfen den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus nicht gegeneinander spielen.

WELT: Der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg fordert ein „multidirektionales Gedächtnis“: Holocaust und Kolonialismus müssen „gegenseitig“ betrachtet werden.

Quelle: Martin UK Lengemann / WELT

Klein: Die Debatte hat einen gefährlichen Kern und öffnet Tür und Tor für Rechtspopulisten, die die Einzigartigkeit des Holocaust leugnen. Erinnerung ist kein Kuchen, den man aufgrund von Aufmerksamkeit teilen kann.

WELT: Bei einer repräsentativen Umfrage in Allensbach in diesem Jahr stimmen fast 46 Prozent der befragten Muslime antisemitischen Äußerungen zu. Warum fällt es Politikern so schwer, dieses Thema beleidigend zu nennen?

Klein: Leider führt der Kampf gegen den Antisemitismus unter Muslimen manchmal zu Vorwürfen des Hasses auf Muslime. Es sollte keine falsche Scheu sein, das Problem zu benennen. Der Innenminister hat das Problem eingeräumt.

Auch nach den antisemitischen Protesten gegen Israel im Mai 2021 gab es eine Bundestagsdebatte, in der alle deutlich sprachen. Die Justiz und die Strafverfolgung nutzen ihre Instrumente verstärkt.

auch lesen

Verbrechen aus politischer Motivation

WELT: Nach einer WELT-Recherche konnten viele der Täter der antisemitischen Verbrechen vom Mai 2021 nicht ermittelt werden, andere wurden nur leicht verurteilt.

Klein: Ab 2020 können Straftaten härter geahndet werden, wenn sie antisemitisch sind. Wir müssen das Bewusstsein für Antisemitismus schärfen. Der Umgang mit Antisemitismus ist mittlerweile fest in die juristische Ausbildung integriert. Hier setze ich große Hoffnungen in die Zukunft.

„Diese spezielle Studie zeigt, dass es unter Muslimen ein besonderes Problem gibt“

Fast ein Viertel der Deutschen stimmt antisemitischen Äußerungen zu. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Bei Muslimen ist die Zahl sogar noch höher. Frederik Schindler von der WELT-Innenpolitik hat klare Zahlen und Forderungen.

WELT: In der Kriminalstatistik wurden 84 % der antisemitischen Straftaten 2021 als politisch motivierte rechte Straftaten eingestuft. Das entspricht nicht der Wahrnehmung vieler Juden.

Klein: Wenn die Motivation nicht klar ist, wird sie automatisch rechts zugeordnet. Innenminister wollen den Auftrag neu diskutieren, auch wegen Äußerungen der jüdischen Gemeinde. Tatsächlich werden die meisten der aufgeklärten antisemitischen Verbrechen von der Rechten begangen.

WELT: Große Geldsummen fließen aus Deutschland an Institutionen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), obwohl die PA sogenannte Märtyrerrenten an die Familien von Terroristen zahlt. Sollen die Bundesregierung Zahlungen daran knüpfen, dass diese Renten nicht mehr gezahlt werden?

Klein: Wir müssen genauer hinschauen und dafür sorgen, dass das Geld der deutschen Steuerzahler nicht dafür verwendet wird, diesen Hass zu verstetigen.

auch lesen

antisemitische Straftaten

WELT: Auch wenn Bundesmittel nur zweckgebunden verwendet werden, setzen diese Zahlungen die entsprechenden Posten im palästinensischen Haushalt frei. Warum nicht klare Bedingungen verteidigen? Auch deutsche Juden interessieren sich dafür, was mit ihren Steuergeldern passiert.

Klein: Das finde ich problematisch. Das ist das Außenministerium, mit dem ich bereits über das Thema spreche.

auch lesen

WELT: In Deutschland gibt es aktive Organisationen, die palästinensischen Terrororganisationen nahe stehen, wie die Hamas oder die FPLP. Sollte Sport verboten werden?

Klein: Das Verbot von Aktivitäten der Hisbollah aus dem Jahr 2019 zeigt, dass der Staat in der Lage ist, solche Verbote rechtlich korrekt zu erlassen. Der FPLP und der Hamas sollte ein Tätigkeitsverbot erteilt werden, wenn sich systematisches verfassungswidriges Vorgehen in Deutschland als wahr herausstellt.

Junge Journalisten machen alltäglichen Antisemitismus öffentlich

FreeTech-Journalisten – Akademie für Journalistik und Technik – starten ein interaktives Videoprojekt zum Judenhass in Deutschland. „Einer von vier“ ist dagegen, wegzuschauen.

Quelle: WELT/jedervierte.com

Hier können Sie sich unsere WELT-Podcasts anhören

Die Anzeige eingebetteter Inhalte erfordert Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten, da die Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter eine solche Einwilligung benötigen. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „on“ stellen, akzeptieren Sie dies (jederzeit widerruflich). Dies umfasst auch Ihre Zustimmung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten an Drittländer, einschließlich der Vereinigten Staaten, gemäß Artikel 49 (1) (a) der RGPD. Sie können mehr darüber erfahren. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit widerrufen, indem Sie den Schalter und die Datenschutzhinweise am Ende der Seite verwenden.

„Kick-off Politics“ ist der tägliche News-Podcast der WELT. Das wichtigste Thema der WELT-Redaktion und Termine des Tages. Abonnieren Sie den Podcast unter anderem bei Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music oder direkt per RSS.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *