Finanzen versus Verteidigung: Lindner lehnt Lambrecht ab

Ein Belehrungsschreiben von Finanzminister Christian Lindner (FDP) an Bundeskanzler Olaf Scholz und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (beide SPD) sorgt für schlechte Stimmung in der Ampelkoalition. In dem Schreiben an den Kabinettskollegen hatte Lindner mehr Anstrengungen zur Reform des Rekrutierungssystems in der Bundeswehr gefordert. Hintergrund des Schreibens ist der kürzlich beschlossene Sonderfonds von weiteren 100 Milliarden Euro für die Modernisierung der Truppe. Bürokratie beim Einkaufen wird als Engpass für zusätzliche Investitionen gesehen.

Lambrecht hat angekündigt, Prozesse zu vereinfachen und hat dazu bereits erste Schritte unternommen. Seine Vorgänger an der Spitze des Verteidigungsressorts, die CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen, hatten versucht, Rüstungsprojekte zu beschleunigen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Lindner befürchtet nun, dass die zusätzlichen Milliarden nicht schnell genug bei der Truppe ankommen. Die Überwachung des Verbleibs von Geldern gehört zu seinen Aufgaben als Finanzminister. Ungewöhnlich ist aber, wie er jetzt interveniert: Er wählte einen Brandbrief, der auch an die Kanzlerin geschickt wurde.

In dem Brief, dass die Süddeutsche Zeitung vorhanden ist, heißt es, die außerordentlichen wirtschaftlichen Anstrengungen müssten von „mindestens ebenso kraftvollen wie mutigen Reformen“ begleitet werden. Der aktuelle schlechte Zustand der Bundeswehr sei nicht nur auf Geldmangel in der Vergangenheit zurückzuführen, sondern auch auf “strukturelle Defizite und eine unzureichende zivile und militärische Führung”. Was Lambrecht bisher begonnen hat, kann nur ein erster Schritt sein. Zuerst hatte er Spiegel über dieses Schreiben informiert.

Wolfgang Hellmich, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, reagierte am Dienstag verärgert. Er erwarte, dass Lindner “mit seinem Kabinettskollegen redet, statt Briefe zu schreiben”, sagte Hellmich. Hellmich hält sogar eine große und gewagte Reform des Einstellungssystems, wie Lindner sich das vorzustellen scheint, für den falschen Weg. Damit wäre eine zentrale Säule der Bundeswehr auf Jahre hinaus nur noch „mit sich selbst besetzt“. Die Bundeswehr muss unverzüglich befähigt werden, ihre Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung wieder aufnehmen zu können. Daher müssen im laufenden Betrieb Verbesserungen vorgenommen werden.

Auch die Opposition erhöht den Druck auf Lambrecht

Einerseits ist Lambrecht zuversichtlich, die Mitarbeiter der öffentlichen Auftraggeber von der Arbeit zu entlasten. Aufträge im Wert von bis zu 5.000 Euro sollen künftig direkt vergeben werden können, zuvor lag die Grenze bei 1000 Euro. Davon ist laut Lambrecht jeder fünfte Auftrag betroffen: „Dadurch brauche ich bei mehr als 20 Prozent dieser Aufträge kein sehr bürokratisches Vergabeverfahren mehr.“ Dadurch können sich die Mitarbeiter auf große Projekte konzentrieren. Für alle Beschaffungsprojekte gilt: Es gibt keine „Golden Tip Solutions“. Anstatt immer alle Wünsche zu erfüllen, sollte man auf erprobte und am Markt erhältliche Produkte zurückgreifen.

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Artilleriemunition in einem Lager des Munitionsversorgungszentrums West in Friedrichsdorf.

(Foto: Michael Schick / Imago)

Gleichzeitig will Lambrecht Verfahren verkürzen: Deutschland soll bei Bedarf Ausnahmen nutzen, vom europäischen Vergaberecht abweichen und Aufträge auf nationaler Ebene vergeben. Bei Einwänden minderwertiger Lieferanten sollen die Gerichte schneller entscheiden. Rechtsstreitigkeiten etwa um den Nachfolger des Sturmgewehrs G-36 verzögerten die Anschaffung um mindestens zwei Jahre. Noch vor den Sommerferien hat der Bundestag ein entsprechendes Gesetz eingebracht.

Auch die Opposition erhöht den Druck auf Lambrecht. Henning Otte, CDU-Verteidigungsexperte, erklärte: „Die SPD hat in der Vergangenheit immer wieder die Reform des Einstellungssystems blockiert, jetzt muss sie endlich nachgeben. Jetzt muss der Bundesminister den Worten Fakten folgen lassen.“

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