Finanzskandal: Die „Müllner-Affäre“

Herbst 1966: Die ÖVP Niederösterreich erlebt die schwerste Krise ihres Bestehens. Hunderte Millionen sollen in der sogenannten Müllner-Affäre verschwunden sein. Protagonist des Skandals war der damalige Newag-Geschäftsführer Viktor Müllner. Als langjähriger Landesfinanzminister und Landeshauptmann-Stellvertreter, Landesvorsitzender der Landespartei und Landesvorsitzender der ÖAAB galt er als graue Eminenz der ÖVP.

Der Vorwurf: Müllner soll Staatsgelder zu niedrigen Zinsen bei der ihm gehörenden kleinen “Conti”-Bank hinterlegt haben. Sie soll Superzinsen in die Staatskassen der ÖVP gespült haben: insgesamt 46 Millionen Schilling. „Sein“ ÖAAB, den Müllner mit aufgebaut hat, soll wirtschaftlich profitiert haben: ein Parteispendenskandal, der die Volkspartei erschüttert.

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Ein Gouverneur im Schatten

Am 15. Dezember 1966 ließ die Staatsanwaltschaft Müllner verhaften. Es war der Beginn eines heute fast unbekannten tiefen Untergangs für den Menschen, doch damals war er einer der führenden Politiker der ÖVP, manchmal gefürchtet und beherrschte die Politik Niederösterreichs, auch weil der Alt-Landeshauptmann Johann Steinböck ( ÖVP) „er ließ ihm zum großen Teil freie Hand“, sagt der Historiker Franz Oswald, ehemaliger Landessprecher von Landeshauptmann Andreas Maurer (ÖVP).

Dabei hatte Müllner schon einmal alles verloren. Der Meister von St. Pölten hatte bereits in der Zwischenkriegszeit als Beamter an der „Heimatfront“ gedient. Von 1934 bis 1938 war er stellvertretender Bürgermeister von St. Pölten. Die Nazis rächten sich 1938 an ihm. Mit 35 Jahren kam er ins KZ Mauthausen, wo Tausende von Unglücklichen zu Tode gearbeitet wurden. Müller hatte großes Glück, zu überleben.

Ein Vater des Wirtschaftswunders

Nach dem Krieg leistete er jedoch als “Mann der Stunde” unschätzbare Beiträge zum Wiederaufbau des Landes, nachdem er zuvor auch Mitglied des O5-Widerstands gewesen war. Selbst politische Gegner urteilten später, dass ohne Müllners Engagement das Trümmerfeld in Niederösterreich nicht so schnell wieder aufgebaut worden wäre. Als die sowjetische Besatzungsmacht 1955 das Land verließ, gründete das Land die Niogas, die sofort die Gasversorgung Niederösterreichs übernahm.

EVN Archiv Viktor Müllner und Johann Steinböck anlässlich des Einsatzes des „Johann Viktor Stollen“ in den Kraftwerken Kamp im Jahr 1953

Außerdem trieb Müllner den Wiederaufbau der Newag voran. Seit 1952 ist er auch am Bau der Kraftwerke Kamp beteiligt. Landeshauptmann Steinböck war damals per Gesetz Vorsitzender des Newag-Aufsichtsrates, Müllner geschäftsführender Vorsitzender. „Steinböck hat immer gesagt, ‚Müllner macht das‘, und Mullner, der seine Finanzen jahrelang im Griff hatte, hat dort regiert und Gewalt angewendet“, sagt EVN Unternehmenshistoriker Georg Rigele.

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In dieser Zeit ließ er nicht nur die neue Konzernzentrale in Maria Enzersdorf (Bezirk Mödling) bauen, sondern beteiligte sich auch am Bau der Südstadt als Quartier, einem internationalen Vorzeigeprojekt moderner Stadtentwicklung. „Vieles wurde dann natürlich Landeshauptmann Steinböck übertragen, aber die Projekte wurden wesentlich von Müllner vorangetrieben“, erklärt Oswald.

Fiskalische Vorstellungskraft

Gleichzeitig brachte Müllners finanzpolitische Fantasie Mitte der 1950er-Jahre überraschend Geld ins Land. Nach dem Abzug der Sowjets habe „er einen Hinweis gefunden, dass der Bund dem Land wegen schwerer Verluste während der Besatzungszeit plötzlich 400 Millionen Schilling schuldete“, sagt Oswald, etwa wegen der Nutzung von Ölquellen. “Seine Fantasie hat dem Land immer wieder neue Geldquellen beschert.”

Viktor Müllner (links) EVN Archiv erhielt 1959 die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Krumau am Kamp. Begleitet wurde er von Landeshauptmann Johann Steinböck, Bundeskanzler Julius Raab, Landesrat August Kargl und NEWAG-Geschäftsführer Fritz Skacel.

In diesen Jahren wurde Müllner zu einem der ganz Großen der ÖVP. Diese habe allerdings erhebliche Schwierigkeiten gehabt, die Kassen der Partei zu füllen, sagt Stefan Eminger, Leiter der Abteilung Zeitgeschichte des Landesarichiv, während sich die Sozialisten “hauptsächlich über die von ihnen kontrollierte verstaatlichte Industrie und den Gewerkschaftsbund finanzierten”. Zu dieser Zeit gab es keine staatliche Finanzierung für die Parteien.

Abgewichenes Staatsgeld

Also begann er, verdeckt Gelder des Staates und seines „Imperiums“, der Strom- und Gasgesellschaft, abzuzweigen, um die ÖAAB und die ÖVP zu finanzieren. Er legte das Vermögen des Landes (Wohngeld) zu ungünstig niedrigen Zinsen in der kleinen Conti-Bank an, die ihm gehörte. Sie ließ die Differenz zum Marktzins in die Parteikasse fließen.

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Neben inländischem Vermögen erhielt Müllner von den Niogas auch “viel Geld zum Jonglieren”, wie Rigele betont. Zwischen 1957 und 1967 erhielt Niogas 50 Prozent OMV-Rabatt auf Erdgas. Ein Teil des Geldes floss in den Bau der Südstadt. Allerdings seien die Transaktionen laut Rigele sehr undurchsichtig: “Das Geld wurde über Sparkonten verwaltet, wo nur er Zugriff hatte.”

Wirtschaftsgeschenke an Mitarbeiter

„Ich habe immer geglaubt, dass Viktor Müllner der Kaiser der Südstadt ist“, sagt EVN-Pressesprecher Stefan Zach, als er in der Kirche inmitten roter Plastikstühle in der ersten Reihe saß. Holzthron.” Als Mensch musste der Politiker recht großzügig sein. So soll er Newag-Mitarbeitern, die dringend Geld brauchten, etwas geliehen und nicht immer darauf bestanden haben, dass es ihnen zurückgegeben werde, „obwohl nicht klar war, woher das Geld kam“, ergänzt Rigele.

EVN Bauarbeiten am neuen Verwaltungssitz der beiden staatlichen Energieversorger NEWAG und NIOGAS, NEWAG-CEO Viktor Müllner spricht am Pult.

Im Laufe der Jahre entstand ein Kartenschloss, das Anfang der 1960er Jahre einzustürzen drohte. Müllner versuchte dann, die Krise selbst zu bewältigen und wurde Vorstandsvorsitzender der Newag zwischen 1963 und 1966. „Denn sein Vorgänger war am kreativen Finanzbau beteiligt“, sagt der EVN-Historiker, „erst konnte er eingedämmt werden.“

Das Kartenschloss stürzt ein

Im Januar 1966 enthüllte ein Bericht des Rechnungshofs über Newag schwere Vorwürfe gegen ihn. Dem ÖVP-Funktionär wurde schwere Korruption vorgeworfen. Infolge dieses sogenannten Müllner-Skandals musste er zurücktreten. Er wurde jedoch am 18. Juni 1966 als Landespräsident des ÖAAB wiedergewählt. Am 15. Dezember 1966 ließ ihn die Staatsanwaltschaft verhaften. Erst nach viereinhalb Monaten Haft kam er gegen Kaution frei.

Müllner

Die Folgen waren schwerwiegend. Einerseits stand Niogas kurz vor der Pleite, „weil trotz der guten Rabatte der OMV zu viel Geld ausgegeben wurde“, gibt Rigele zu bedenken. „Müllner hatte keine Ahnung, wie man ein Unternehmen führt“, ergänzt EVN Sprecher Stefan Zach. Damals stand Niogas kurz vor dem Bankrott und drohte, Newag, das wie das Land die Hälfte besaß, wegzufegen. In einem ersten Schritt wurde das Sportzentrum, das Teil des Gartenstadtkonzepts Südstadt war, an den Bund verkauft.

Newag und Niogas am Rande

Nach Angaben der heutigen Nachfolgegesellschaft EVN standen staatliche Energieversorger zwei Jahre lang auf der Kippe. 1968 wurde ein neuer Vorstand unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Rudolf Gruber, 33, berufen, dem es mit finanzieller und politischer Unterstützung der Landesregierung gelang, Newag und Niogas zu sanieren.

1963 verlegte EVN Viktor Müllner den heutigen EVN Hauptsitz in Wien in die Südstadt.

Doch der Skandal hinterließ auch tiefe politische Wunden – vor allem innerhalb der Partei, sagt Historiker Oswald: „Es wurde nicht mehr über die Errungenschaften diskutiert, sondern über die Verbrechen oder Nicht-Verbrechen von Viktor Müllner.“ “.

„Vergiftetes Klima“ in der ÖVP

Stefan Eminger, Leiter der Abteilung Zeitgeschichte des Staatsarchivs, spricht sogar von einem “vergifteten Klima” unter den Gewerkschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg um die Vormachtstellung innerhalb der Partei kämpften. Trotz des Eklats unterstützten viele ÖAAB-Funktionäre Müllner weiter. „Man will es nicht glauben. Der Müllner hat so viel für das Land und den ÖAAB getan“, sagt Oswald.

Nun soll Landeshauptmann Eduard Hartmann (ÖVP) daran arbeiten. Die Krise traf den Nachfolger von Leopold Figl (ÖVP) sehr hart, so dass er gut ein Jahr nach seinem Amtsantritt starb. Hartmann hat die Affäre ruiniert, weil er dachte: „Das müssen wir parteiintern regeln“, schildert Oswald.

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