Der türkische Präsident Erdogan zieht internationale Aufmerksamkeit auf sich, weil er mit einem Veto gegen den NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens gedroht hat. Mit ihrer Kritik an Nordeuropäern und anderen westlichen Staaten zwingt sie ihre Verbündeten, im Konflikt mit der PKK über türkische Sicherheitsinteressen nachzudenken – und vielleicht auch in Ankara Zugeständnisse zu machen. Es wäre ein Erfolg, den Erdogan in Stimmen umsetzen könnte.
Dass andere Länder zu lasch mit der PKK umgehen, wird der türkische Staatschef wohl nicht mehr mittragen. In den letzten Jahren hatte es keine Probleme, seine Beziehungen zu Russland zu vertiefen, einschließlich des Kaufs von milliardenschweren Waffen, obwohl Moskau – anders als Europa – die PKK nicht einmal als terroristische Gruppierung einstuft, geschweige denn bekämpft.
Er will David sein, der gegen Goliath kämpft
Erdoğan sieht den Nato-Streit eher als Chance, die Wähler im Inland vor den Wahlen in einem Jahr zum Ausstieg aus den Urnen zu bewegen. Erdogan wolle sich im Kampf gegen den westlichen Goliath als David präsentieren, schrieb der kritische Journalist Erdogan Mehmet Yilmaz am Mittwoch. Das Vereinigte Königreich hat bereits alle Beschränkungen für Waffenexporte nach Ankara aufgehoben.
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Die Erdogan-Regierung fordert schriftliche Garantien von Finnland und Schweden, deren Verhandlungsführer am Mittwoch erste Gespräche mit der türkischen Seite in Ankara geführt haben, die künftig weiter von der PKK und ihrem syrischen YPG-Ableger Abstand halten werden. Diese Aussage würde in der Türkei als Eingeständnis verstanden werden, dass die nordischen Staaten zuvor den Feinden des türkischen Staates geholfen haben. Auch das wäre eine Prestigequelle für Erdogan.
Auch Syrien bleibt eine Bedrohung
Auch mit der Ankündigung eines weiteren Militäreinsatzes gegen die YPG in Syrien hat das Staatsoberhaupt einen neuen Streit mit den USA begonnen: Die YPG ist Washingtons Partner im Kampf gegen den Islamischen Staat in Syrien. Die Drohung einer neuen Invasion Syriens verstärkt Erdogans Beteiligung am außenpolitischen Wahlkampfspiel der Kapitalisten.
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Allerdings bewegt sich der türkische Staatschef auf einem schmalen Grat: Er führt den Streit öffentlich, um bei der lokalen Bevölkerung zu punkten, weist dabei aber seine Verbündeten zurück. Erdogan ist es egal, dass es in Europa und den Vereinigten Staaten nicht populär wird. Findet man jedoch keine passende Lösung für den eingeleiteten Streit, riskiert man mehr als einen vorübergehenden Ärger.
Wenn der türkische Präsident den richtigen Moment zum Nachgeben verpasst, wird die Türkei ihren Ruf als Verbündeter verlieren. Es wird dann als unzuverlässiger und opportunistischer Staat dargestellt, dem man überhaupt nicht vertrauen kann. Im Falle einer echten Krise könnte die Türkei allein sein.