Flugzeugabsturz 1972: „Niemand kam, alle waren sofort tot“

Geschichte des Flugzeugabsturzes von 1972

„Niemand kam, alle waren sofort tot“

Am 14. August 1972 ereignete sich auf deutschem Boden der bisher schwerste Flugzeugabsturz. Südlich von Berlin stürzte ein sowjetischer Iljuschin der DDR-Interfluglinie mit 156 Menschen an Bord ab. Der technische Fehler blieb geheim.

Stand: 14.08.2022 | Lesezeit: 4 Minuten

Von Verena Schmitt-Roschmann

Rettungskräfte an der Absturzstelle bei Königs Wusterhausen in Brandenburg

Quelle: dpa

Die kleine Familie wollte unbedingt zum Baden an den See, als Ursula B., ihr Mann und ihre Kinder über der Garage einen lauten Knall hörten. “Wir fanden, dass es sehr seltsam klang, wie ein Hubschrauber”, sagt Ursula B. Dann waren Rauchwolken in ein, zwei Kilometern Entfernung zu sehen. Schnell war klar: Es war ein Flugzeug. abgestürzt

Der heute 80-Jährige erinnert sich gut an den 14. August 1972, als die Interflug Iljuschin IL-62 der DDR in seiner Heimatstadt Königs Wusterhausen südlich von Berlin beinahe abstürzte. Ursula B. war Krankenschwester, sie wollte helfen, ihr Mann fuhr sie sofort zum Unfallort. Aber dann war alles geschlossen. Die beiden gingen in die Klinik, in der Ursula B. arbeitete, dort warteten die Verletzten stundenlang. Alle sitzen, Ärzte, Schwestern, Assistenten. “Aber niemand kam”, sagt Ursula B. “Alle waren sofort tot.”

Eine Iljuschin 62 der ostdeutschen Fluggesellschaft Interflug

Quelle: picture-alliance / dpa

Der Absturz der DDR-Urlaubsmaschine von Schönefeld auf dem Weg nach Burgas in Bulgarien im August 1972 gilt bis heute als schwerste Flugzeugkatastrophe auf deutschem Boden. 148 Passagiere starben – die meisten davon aus Cottbus, Dresden oder Berlin – und acht Besatzungsmitglieder. Noch heute kursieren Gerüchte über die Ursache, weil die DDR-Behörden ihre Erkenntnisse aus politischen Gründen geheim hielten.

Wenige Tage später trauerte die DDR in einem Staatsakt und legte 60 nicht identifizierbare Opfer in einem Massengrab bei. Aber warum Iljuschin in der Luft explodierte, wussten die Angehörigen damals nicht, obwohl Experten es sehr schnell feststellten. “Da ist nie was rausgekommen”, sagt Ursula B. “Sie durften nichts sagen”.

Um 16:29 Uhr verließ die Maschine den Flughafen Schönefeld an diesem verrückten, warmen Montag. Es schaffte es nur bis Cottbus, bis die Besatzung Probleme mit dem Aufzug bemerkte und umkehrte. Die IL-62 vergoss Treibstoff, um leichter zu werden. Es hat nicht geholfen. Das Heck brach ab und das Flugzeug kippte um. Die Piloten funkten „Mayday“, aber die Menschen an Bord hatten keine Chance. Um 17:00 Uhr landete die Maschine auf dem Gelände des Wasserwerkes Königs Wusterhausen. Feuerwehrleute und Rettungskräfte fanden den Helm in Flammen, Trümmer, Koffer und Körperteile.

Angehörige nahmen am 21. August auf dem Waldfriedhof Wildau-Hoherlehne Abschied von den Särgen der Opfer

Quelle: picture-alliance / dpa

Der damals zwölfjährige Carsten Häusler radelte von seinen Großeltern in Zeesen zu ihrem Wohnort Königs Wusterhausen. Als er die Rauchwolke sah, fuhr der Junge in diese Richtung. “Alles war wahnsinnig schnell abgeschaltet”, sagt Häusler, der später Pilot in der Nationalen Volksarmee wurde und sich heute beim Zeitzeugenaustausch in Berlin engagiert. Er kam auf geheimen Wegen ziemlich nahe an die Absturzstelle heran. „Auf der Wiese konnte ich noch das Leitwerk der Maschine sehen“, sagt er. Die Opfer habe er nicht gesehen.

Er erinnerte sich besonders an zwei Dinge. Die ersten Besucher der Seite sollen aus den verstreuten Koffern Sachen gestohlen haben. „Das wurde schnell gestoppt und wer erwischt wurde, wurde zur Rechenschaft gezogen“, sagt Häusler. Wer es genau war, wurde nicht verraten. Das andere einschneidende Erlebnis für den Jungen: In den folgenden Tagen und Nächten hörte er ununterbrochen Lastwagen, die kontaminierte Erde von der Unfallstelle abtransportierten. Denn die Quellen für das Trinkwasser der Stadt waren in der Nähe.

Streit mit sowjetischen Kameraden: Jörn Lehweß-Litzmann, Interflug-Ingenieur und Mitglied des Untersuchungsausschusses

Quelle: dpa

Auch Jörn Lehweß-Litzmann war sehr schnell und ganz offiziell vor Ort. Vor der Katastrophe beteiligte sich der damals 28-jährige Interflug-Ingenieur an der Einstellung der Iljuschin, die erst 1970 in der DDR in Dienst gestellt worden war. Er wurde eines der 63 Mitglieder des Ausschusses zur Untersuchung der Unfallursache.

Ihm zufolge war von Anfang an klar, dass ein Feuer am Heck dem Flugzeug zum Verhängnis werden würde. Aber warum ist es explodiert? Ein Angriff oder Flug durch die eigene Kerosinwolke sei schnell ausgeschlossen, schreibt Lehweß-Litzmann in einem Artikel für den Königs Wusterhausener Heimatkalender 2019.

Stattdessen kam die DDR-Kommission nach wochenlangen Ermittlungen zu dem Schluss, dass eine undichte Heißluftleitung hinten dazu führte, dass 300 Grad heiße Luft in einen Kabelbaum strömte, bis die Isolierung verkohlte. Die Folgen: Kurzschluss, Funken, Zündung des im Flugzeug verbauten Magnesiums, das bei 2000 Grad brannte, das Höhenruder zerstörte und schließlich das gesamte Leitwerk „verschweißte“.

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Innerhalb von drei Monaten seien „alle aufgeworfenen Fragen bearbeitet worden“, schreibt Lehweß-Litzmann. Aber die sowjetischen Designer des Iljuschin bestätigten die Ergebnisse ihrer DDR-Kollegen nicht: Sie gingen von Konstruktionsfehlern aus. Der Leiter der Regierungskommission, Paul Wilpert, empfahl der Regierung, den Streit mit den sowjetischen Genossen einzustellen und nichts mehr zur Unfallursache zu sagen. Staats- und Parteichef Erich Honecker hat ihm Ende 1973 persönlich zugestimmt.

Die Schlussfolgerungen wurden hinter den Kulissen gezogen. Die Ilyushin-Konstrukteure übernahmen Änderungen an dem von ihren Kollegen in der DDR empfohlenen Modell und steuerten fortan das Heißluftsystem der sowjetischen Maschine mit besonderer Präzision. Die volle Wahrheit der Verschlusssachen kam jedoch erst nach der friedlichen Revolution in der DDR ans Licht.

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