Frankreich: Macron kann noch mit einer parlamentarischen Mehrheit rechnen

Die französischen Wähler haben Präsident Emmanuel Macron einen Riegel vorgeschoben. Mehr als die Hälfte der Wähler gingen nicht zur Wahl. Die historisch niedrige Wahlbeteiligung von rund 47 Prozent ist ein Weckruf für den Präsidenten, der sein Amt einst mit politischen Erneuerungsversprechen antrat. Mit einer Wahlbeteiligung von 25 Prozent im ganzen Land liegt das Regierungslager Macron nach ersten Hochrechnungen auf dem Höhepunkt des linken NUPES-Bündnisses aus LFI-Linkspartei, Grünen, Sozialisten und Kommunisten. Da aber nicht das nationale Ergebnis zählt, sondern die Wahlen in jedem der 577 Wahlkreise, kann Macron dennoch mit einer parlamentarischen Mehrheit für sein Regierungsprojekt rechnen. Doch die erwartete Arbeitspflicht für Bezieher von Grundsicherungsleistungen sowie die Anhebung des Rentenalters auf 65 Jahre lehnen viele Franzosen ab.

Allerdings kann Macron aufatmen: Das Linksbündnis kann Hochrechnungen zufolge maximal 190 Sitze im Parlament gewinnen und erreicht damit nicht die absolute Mehrheit von 289 Sitzen. Höchstwahrscheinlich wird es keine Koexistenz zwischen einem Präsidenten und einer Mehrheit der Oppositionsregierung geben, wie es zuletzt zwischen 1997 und 2002 der Fall war. In einem ersten Kommentar sagte der Sprecher des Linksbündnisses Jean-Luc Mélenchon: „ Die Präsidentenpartei ist besiegt, es ist vorbei.” Mélenchon sagte, die Prognosen zur Sitzverteilung seien “eine Illusion”. Zum ersten Mal seit der Umstellung des Wahlkalenders ist es dem Präsidenten nicht gelungen, seine Partei als stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen zu positionieren.

Klare Mahnung für Macron

Nach einer Verfassungsänderung im Jahr 2000 wurde die Amtszeit des Präsidenten von sieben auf fünf Jahre verkürzt. Seitdem finden Parlamentswahlen immer nach der Präsidentschaftswahl statt. Seit 2002 haben neu gewählte Präsidenten bei nachfolgenden Parlamentswahlen stets eine deutliche Mehrheit errungen. Mélenchons Bündnis kündigt eine Rückkehr in den Ruhestand mit 60, eine Politik des Ungehorsams gegenüber der EU und einen Austritt aus der Nato an. Das Linksbündnis hat gute Aussichten, die rechte Partei Les Républicains (LR) als stärkste Oppositionspartei in der Nationalversammlung zu verdrängen.

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Das Wahlergebnis ist eine klare Erinnerung der Wähler an den neu bestätigten Präsidenten. Anders als vor fünf Jahren wird die Regierungspartei der Renaissance (ehemals La République en marche) aus eigener Kraft wohl keine absolute Mehrheit mehr erreichen können. Ex-Premierminister Edouard Philippe mit seiner Horizons-Partei und Ex-Justizminister Francois Bayrou mit der Modem-Partei dürften einen größeren Einfluss auf die Regierungsarbeit haben, weil sie für eine Mehrheit benötigt werden.


Aber selbst für Macrons unterlegene Herausforderin Marine Le Pen kommt das Ergebnis einem Stimmenverlust gleich. Hochrechnungen zufolge erhielt der Reichsparteitag gut 18 Prozent der Stimmen. Vor sieben Wochen erhielt Le Pen im zweiten Wahlgang 41 Prozent der Stimmen. Hochrechnungen zufolge hat RN gute Chancen auf Fraktionsstärke (15 Sitze). Der rechtsextreme Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour, der sich auf Cogolin an der Côte d’Azur um einen Sitz beworben hatte, schied im ersten Wahlgang aus.

Zivilrecht LR hat sich mit landesweit gut 13 Prozent der Stimmen vom schlechten Abschneiden der Präsidentschaftswahl erholt. Mit zwischen 43 und 63 Abgeordneten in der nächsten Nationalversammlung könnte die Partei eine wichtige Rolle spielen, wenn Macrons Lager keine absolute Mehrheit erhält.


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