Der Euro ist gegenüber dem Franken auf einem Allzeittief. (Symbolfoto)
Bild: Schlussstein
Für einen Schweizer Franken bekommt man heute 1,02 Euro. Und es scheint, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist. Was bedeutet das für Schweizer Konsumenten und Industrie?
Vor einem Jahr hatte man für einen Schweizer Franken nur 0,92 Euro. Der Euro liegt jetzt leicht unter der Parität. Experten erwarten zudem, dass der Wechselkurs noch weiter divergieren wird.
Was ist der Grund für die Trennung der Währungen?
Am 16. Juni hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins überraschend um 50 Basispunkte von -0,75 auf -0,25 Prozent angehoben, um die Inflation in der Schweiz zu bekämpfen. Mit der ersten Zinserhöhung in der Schweiz seit 2007 gewann der Franken auch gegenüber dem Euro an Attraktivität.
Monetary Policy Assessment 16. Juni 2022: Pressemitteilung und einführende Bemerkungen der Mitglieder des EZB-Rats auf der Pressekonferenz sind auf unserer Website verfügbar (auf Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch): pic.twitter.com/nJRqrtHkfY
– Schweizerische Nationalbank (@SNB_BNS) 16. Juni 2022
Die Stärke des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro dürfte noch mehr der anhaltenden Schwäche der europäischen Gemeinschaftswährung geschuldet sein: Rezessionsängste in Europa haben zu einem Absturz des Euro geführt, auch gegenüber dem Dollar, der gerade zulegt 15 Prozent Wert. gegenüber dem Euro im vergangenen Jahr.
Was bedeutet das für mich?
Konsumenten profitieren bei Auslandsreisen vom starken Schweizer Franken, wie Finanzexperte Martin Player kürzlich gegenüber Blue News sagte. Inzwischen hat sich dieser Effekt jedoch aufgrund der galoppierenden Inflation in vielen europäischen Ländern zu einem großen Teil umgekehrt. Angebote ins europäische Ausland sind daher nur eingeschränkt möglich. „Vor allem für Lebensmittel und Benzin, Waren, die die Schweizer in ihren Ferien im europäischen Ausland wohl lieber konsumieren werden“, seien die Preise hier zuletzt deutlich gestiegen, schreibt das Portal Finanzen.ch.
Mit dem aktuell starken Schweizer Franken werden aber auch die Preise von Importgütern mittel- und langfristig sinken. Zudem werden die durch den Ukrainekrieg stark gestiegenen Energiekosten etwas gedämpft, wie Finanzexpertin Christa Janjic-Marti vom Beratungsunternehmen WPuls gegenüber Blick sagte.
Was bedeutet das für die Branche?
Der starke Schweizer Franken ist für die stark exportorientierte Schweizer Industrie ein Wettbewerbsnachteil, weil diese Produkte im Vergleich zu den Produkten ausländischer Konkurrenten mittlerweile teurer sind. Allerdings hat die Schweizer Industrie den Vorteil, dass die Produktionspreise im Euroraum noch stärker gestiegen sind. Schließlich müssen die Unternehmen hier „mit deutlich höheren Strom-, Energie- und Rohstoffrechnungen rechnen“, wie Janjic-Marti erklärt.
Die Unternehmen werden den größten Teil der steigenden Kosten an die Verbraucher weitergeben und so die Inflation anheizen. Deshalb sei die «Situation der Schweizer Exporteure trotz des aktuellen Wechselkurses weiterhin gut», resümiert Janjic-Marti im «Blick». Der Wettbewerb im Euroraum habe “den eigentlichen Vorteil durch den schwachen Wechselkurs mit Preiserhöhungen zunichte gemacht”.
Was macht die Nationalbank?
Die Nationalbank SNB sieht den überbewerteten Franken nicht mehr, wie sie Mitte Juni mitteilte. Dagegen bekämpfte sie die Inflation in der Schweiz, indem sie die Zinsen um 0,5 Prozentpunkte auf -0,25 Prozent erhöhte. Im Juni lag sie auf Jahressicht bei 3,4 Prozent und damit deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel. Es ist davon auszugehen, dass dies auch nicht die jüngste Zinserhöhung der SNB sein wird: «Im September wird die Nationalbank die Zinsen sicherlich noch weiter anheben», sagte Finanzexperte Martin Player im Gespräch mit Blue News.
Da die Nachteile der Schweizer Exportwirtschaft gegenüber der Konkurrenz aufgrund der Frankenstärke derzeit als recht gering eingeschätzt werden, sei die Aufwertung des Frankens durch die SNB «nicht falsch», vermutet Gérard Piasko, Stratege an der Spitze der Anlagen in Zürich. der Privatbank Maerki Baumann, im Nachrichtenmagazin «Focus».
Währungsbeobachter gaben Mitte Juni bekannt, dass sie den Franken nicht mehr für überbewertet halten. Der Präsident der SNB, Thomas Jordan, erklärte jedoch auch, dass sie im Falle einer “übermässigen Aufwertung” am Devisenmarkt aktiv bleiben werde. Bei einer Frankenschwäche sind auch Devisenverkäufe möglich.
Ab welcher Schwelle die SNB eingreift, ist allerdings ein gut gehütetes Geheimnis. Die Valiant Bank sieht die rote Linie, bei der die SNB wieder eingreifen sollte, für den Eurokurs beispielsweise nur noch bei 0,95 Franken.
Was kommt als nächstes?
Nicht zuletzt muss die Entwicklung der Euro-Situation ausschlaggebend für die Entwicklung des Wechselkurses sein. Und hier stehen die Zeichen nicht besonders gut. Die Eurozone stellte im Juni aufgrund der hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise infolge des Ukrainekriegs einen neuen Inflationsrekord von 8,6 % gegenüber dem Vorjahr auf. Die Europäische Zentralbank (EZB) zögert jedoch, die Zinsen deutlich zu erhöhen und Staatsanleihen zu verkaufen, wie dies beispielsweise bei der US-Notenbank der Fall ist.
Der Grund dafür ist nicht einfach aufzuklären: Die EZB befürchtet, dass sich die Schuldenkrise in diesem Fall wiederholen könnte. Hoch verschuldete Länder im Süden konnten steigende Zinsen nicht mehr verkraften. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise nach dem Krieg in der Ukraine scheint es zudem wahrscheinlich, dass der Franken weiterhin als „sicherer Hafen“ gesucht wird.