Ganz andere Regeln im Homeschooling

Für viele Kinder wird es ab Montag wieder schlimm. Die Sommerferien sind vielerorts vorbei. Aber es gibt immer mehr Schüler, die nicht zur Schule gehen, sondern zu Hause von ihren Eltern unterrichtet werden. Homeschooling hat in der Schweiz in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Vor allem dort, wo Homeschooling problemlos genehmigt wird.

Jeder Kanton legt seine eigenen Regeln fest. Der Aargau und Bern gelten als sehr liberal. Dort brauchen Eltern keinen Bildungsabschluss, um ihre Kinder selbst zu unterrichten. Viele andere Kantone schreiben diese Ausbildung vor.

Ihre Mutter ist auch Lehrerin: Diese Kinder verbrachten die Grundschule zu Hause (02:25)

Bern ist eine Hochburg der häuslichen Bildung

Die Zunahme des privaten Heimunterrichts ist ein Zeichen für das wachsende Unbehagen mancher Eltern gegenüber öffentlichen Schulen. Die Zahl der zu Hause unterrichteten Kinder im Kanton Bern ist von 166 im Schuljahr 2012/13 auf über 934 gestiegen. In keinem anderen Kanton werden mehr Kinder und Jugendliche zu Hause unterrichtet.

Der markanteste Anstieg erfolgte mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2019. Gründe für den Anstieg seien «häufig Konzepte des individuellen Lebens von Familien, die zum Entscheid bestimmter Klassen führen», so die Erziehungsdirektion Bern. Eine Masterarbeit der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz aus dem Jahr 2018 nennt „fromme“ und „alternative“ Eltern als wichtigste Elterngruppen, die ihre Kinder zumindest vorübergehend aus dem öffentlichen Schulsystem zurückziehen.

3000 Kinder im Homeschooling

Im Aargau, Luzern und Zürich werden heute viel mehr Kinder privat unterrichtet als noch vor wenigen Jahren. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren schätzt, dass im vergangenen Schuljahr rund 3000 Kinder zu Hause unterrichtet wurden. Die genauen Daten fehlen.

Die Bildungsdirektion Bern hat kürzlich auf den Boom reagiert und kurzfristig zwei weitere Mitarbeitende eingestellt. Sie beschäftigen sich jetzt mit Home-Schooling-Genehmigungen, weil die Zahl der Anträge für einige Schulinspektoren aus dem Ruder lief.

Wenn Sie Ihr Kind im Kanton Bern selbst erziehen wollen, brauchen Sie eine ausgebildete Lehrperson, die Sie anleitet. Es ist wichtig, dass dieser Erzieher mit Lehrplan 21 vertraut ist. Außerdem müssen die Familien der Schulaufsichtsbehörde einen Plan vorlegen, was unterrichtet werden soll. «Ziel ist, dass die Kinder jederzeit wieder in die Primarschule integriert werden können», sagt der Leiter der Abteilung in Bern, Erwin Sommer.

Zug ist restriktiv

Im Kanton Zug ist es deutlich strenger. „Heimunterricht anzugehen ist politisch sehr restriktiv gewollt“, sagt Lukas Fürrer, Generalsekretär der Bildungsdirektion. Für das neue Schuljahr dürfen dort keine Familien Homeschooling besuchen. Nicht einmal letztes Jahr.

Privates Training zu Hause in der Familie sei mit «besonderen Risiken» verbunden, heisst es im entsprechenden Dokument des Kantons Zug. Genehmigungen werden nur in begründeten Ausnahmefällen erteilt.

Im Tessin verboten

«Durch den Besuch einer öffentlichen oder privaten Schule sammeln Kinder auch ausserhalb von Familie und familiären Bindungen eine wichtige Erfahrung für die soziale Entwicklung», so der Kanton weiter. Homeschooling kann Kinder „isolieren und die Ausbildung von Gemeinschaftskompetenzen gefährden“. Mit Homeschooling sollen Eltern dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche “nicht psychisch oder religiös abhängig werden”.

Homeschooling ist im Tessin nicht einmal erlaubt. „Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort der Beziehung, des Zusammenlebens, der Interaktion und der Auseinandersetzung. Es ist schwer vorstellbar, dass das Weglassen dieser Elemente keine Auswirkungen auf die psychosoziale Entwicklung der Schüler und ihre spätere Integration in die nachobligatorische Bildung hat.

Der Antrag fordert eine Harmonisierung

Diese sehr unterschiedlichen Regeln führen zum sogenannten Homeschool-Tourismus. Familien ziehen explizit in Kantone, die Hausunterricht grosszügig befürworten. Auch deshalb gab es Versuche, die Regeln neu zu standardisieren. Dies beantragte vor drei Jahren der damalige Nationalrat der SP Adrian Wüthrich (42 Jahre). Der Bundesrat hielt dies jedoch für unnötig.

Im Kanton Aargau scheiterte die SP im vergangenen Sommer mit dieser Forderung. Er wollte durchsetzen, dass ein Elternteil, der Kinder unterrichtet, eine Lehrbefähigung haben muss. Die Petition fand keine Mehrheit.

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