Gasversorgung: Habeck stellt den Vorrang privater Verbraucher infrage

Deutschland und Österreich wollen bei der Energieversorgung enger zusammenarbeiten. Eine entsprechende Vereinbarung, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit der österreichischen Umweltministerin Leonore Gewessler bei einem Wien-Besuch unterzeichnete, sieht vor, dass die jeweiligen Verkehrsrechte auch bei drastischer Gasknappheit gewährleistet bleiben. Die Bundesländer Tirol und Vorarlberg, die über das deutsche Netz versorgt werden, sollen auf jeden Fall weiter versorgt werden. Und der bisher nur an das deutsche Netz angeschlossene Gasspeicher in Haidach bei Salzburg muss schnellstmöglich befüllt, genutzt und an das österreichische Netz angeschlossen werden.

Zudem musste der Wirtschaftsminister eine Überlegung mitteilen, die für die deutschen Verbraucher von besonderem Interesse ist. Habeck wies darauf hin, dass die Priorisierung der Versorgung privater Verbraucher im Falle einer dramatischen Energieknappheit überdacht werden sollte. Die entsprechenden Regelungen sind für kurzfristige Unterbrechungen gedacht, es macht aber keinen Sinn, wenn die Gasversorgung monatelang unterbrochen ist. Die Branche lässt sich im Nachhinein nicht automatisch einordnen, man muss „daran denken“.

Auf Details der geplanten Kooperation beim Gaseinkauf gingen die beiden Grünen-Politiker ebenso wenig ein wie auf die noch in Planung befindliche gemeinsame Nutzung von Gasspeichern und eine mögliche Beteiligung Österreichs an den geplanten LNG-Terminals Deutschland. Bei der Bewertung der Krise, ihrer Entstehung und ihrer Bewältigung wurden sie jedoch schnell grundlegend.

Es sei vorhersehbar, sagte Habeck bei einer Pressekonferenz in Wien, dass “die einseitige Abhängigkeit eines düsteren Staatsoberhauptes nicht stimmen kann”. In der aktuellen Krise wird besonders deutlich, dass Menschen und Demokratie etwas bewirken können und dass die europäische Zusammenarbeit bei der Energieversorgung entscheidend ist. “Wir dürfen uns nicht erpressen lassen.” Gewessler kritisierte Österreich als erstes Land, das “Putin nach dem Einmarsch auf der Krim wieder vor Gericht gestellt hat”.

Die österreichischen Gasspeicher sind nur zu 48 Prozent gefüllt

Österreich ist noch stärker als Deutschland von russischen Gaslieferungen abhängig, bisher bezieht es mehr als 80 Prozent aus Russland. Seit Montag ist die Pipeline Nord Stream 1 in der Ostsee wegen der angekündigten Wartungsarbeiten nicht passiert, was auch die schwarz-grüne Regierung von Wien in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Denn ob Gazprom Gas zurück in den Westen pumpt, ist eine offene Frage. Bereits Mitte Juni hatte Gazprom nur die Hälfte des angeforderten Gases geliefert. Wirtschaftsminister Robert Habeck sprach am Sonntag im Deutschlandfunk von einem “Schreckensszenario”. Die Bundesregierung versucht, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

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Gemeinsames Gasthema: Bundeswirtschaftsminister und seine österreichische Kollegin Leonore Gewessler bei einer Kraftwerksbesichtigung in Wien.

(Foto: Christian Bruna / EPA)

Allerdings spielt Nord Stream 1 für Österreich nicht die gleiche Rolle wie für Deutschland. Denn über die Pipeline, die durch die Ukraine verläuft, wird das Land vor allem mit russischem Gas versorgt. Die schwarz-grüne Regierung hat bereits erste Konsequenzen für die ausbleibenden Lieferungen gezogen. Mitte Mai entschied es, dass die Gasspeicher zurückgegeben werden müssen, wenn der Betreiber sie nicht nutzt.

Die Wiener Energieregulierungsbehörde E-Control kann nun ungenutzte Speicherkapazität von Gazprom an einen Wettbewerber vergeben. Gazprom ist es kürzlich nicht gelungen, den zweitgrößten Gasspeicher Westeuropas in Haidach zu füllen. Der Füllstand des Speichers der Gazprom GSA liegt nach Angaben der Interessengemeinschaft Speicherunternehmen AGSI seit langem bei 0,0 Prozent.

Das Risiko, dass Österreich und Deutschland von Gazprom komplett boykottiert werden, ist hoch. Russische Gaslieferungen nach Bulgarien und Polen wurden bereits im April gestoppt. Ende Mai stellte Gazprom die Gaslieferungen nach Finnland und in die Niederlande ein. Auch nach Österreich strömt immer weniger russisches Gas. Nach Angaben des staatlichen Öl- und Gasunternehmens OMV vom Dienstag liefert es bereits 70 Prozent weniger als gefordert.

Anders als Deutschland hat Österreich trotz des politisch höchst umstrittenen Einbruchs der Liefermengen noch keine Gaswarnstufe aktiviert. Offenbar will Gewessler die wachsende Verunsicherung wegen der gefährdeten Versorgungssicherheit nicht erhöhen. Laut AGSI sind die deutschen Gasspeicher bereits zu 64 % gefüllt, während Österreich nur noch 48 % der maximalen Kapazität seiner Speicher hat. Allerdings hat Deutschland per Gesetz zugesagt, dass die Gasspeicher bis zum 1. November zu 90 Prozent gefüllt sein müssen. Österreich hingegen begnügt sich mit 80 Prozent. Die Wiener Regierung hat Großverbraucher aufgefordert, auf fossile Brennstoffe, insbesondere Öl, umzusteigen. Die Häuser werden ihr Bestes tun, um im nächsten Winter Energie zu sparen. Im Idealfall will Österreich bis 2027 vollständig unabhängig von russischem Gas werden.

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