Gregor Gysi: Die Linke steckt in einer Existenzkrise

Der langjährige Fraktionsvorsitzende der Linken, Gregor Gysi, zeichnet ein düsteres Bild von der Lage seiner Partei. Auf dem Parteitag der Linken in Erfurt sagte Gysi am Samstag: „Mir fallen keine wirklichen Glückwünsche zu unserem 15-jährigen Jubiläum ein, weil wir in einer existenziellen Krise stecken.“ Die Linke muss ihren Zweck für die Gesellschaft überdenken und sich dann daran orientieren.

Gysi beschwerte sich über die Polyphonie der Party. Man könne nicht mehr erkennen, was die Mehrheit und was die Minderheitsmeinung sei, sagte der ehemalige Fraktionsvorsitzende. Er beklagt auch ein „Klima der Denunziation“ und öffentliche Grabenkämpfe. “Unser Argument ist in den Medien, bevor es passiert.” Er fügte hinzu: „Hör auf mit der kleinen Scheiße.“

“Dieses Land braucht demokratische Sozialisten”

Gleichzeitig warnte Gysi vor einer Spaltung der Linken. “Entweder wir retten unsere Partei oder wir versinken in der Bedeutungslosigkeit.” Gleichzeitig betonte Gysi die Notwendigkeit einer linken Partei in Deutschland. Es kann nicht durch andere ersetzt werden. “Dieses Land braucht demokratische Sozialisten.”





















Die Linke will an diesem Samstag in Erfurt eine neue Doppelspitze wählen, um nach Wahlniederlagen, Auseinandersetzungen und Sexismusvorwürfen wieder in die Spur zu kommen. Im Zuge des Verfahrens wegen sexueller Übergriffe hatte die Parteiführung vorab beschlossen, den gesamten Vorstand neu zu wählen. Das wird wohl auch reduziert. Allein für das Spitzenduo gibt es zehn Bewerber.


Als aussichtsreiche Kandidaten gelten Parteichefin Janine Wissler, der Europaabgeordnete Martin Schirdewan sowie die Bundestagsabgeordneten Heidi Reichinnek und Sören Pellmann. Außerdem geht es auch um die Haltung der Partei gegenüber Russland und dem Krieg in der Ukraine.

Der stellvertretende Bundestagsvorsitzende der Linkspartei, Dietmar Bartsch, hofft auf einen Neuanfang für den aktuellen Parteitag der Partei. In den vergangenen Jahren seien programmatische und organisatorische Schritte nicht richtig angegangen worden, sagte Bartsch dem Deutschlandfunk. Dazu kam das schlechte Ergebnis der Bundestagswahl. “Das hat uns auf den falschen Weg geführt.”


Er hofft, dass der Parteitag der Stabilisierung Tür und Tor öffnet. Angesichts der Ampelpolitik der Koalition, des Krieges in der Ukraine und der hohen Inflation ist die Linke gefragt. Die Partei setze sich besonders für Menschen ein, die „jetzt unter die Räder kommen“, sagte Bartsch. Das Zeichen für Erfurt sollte lauten: „Die Linke ist zurück“.

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Am Freitagabend schilderte der Jugendverband Solid in einer offenen Debatte Fälle von Sexismus und sexuellen Übergriffen in der Partei und forderte Gegenmaßnahmen. Viele Delegierte zeigten sich schockiert über die Berichte der Jugendlichen statt der Betroffenen.

„Stoppt diesen Strafschutz“

So musste sich beispielsweise die Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten, die mit gesenktem Kopf im Fahrstuhl lief, den Kommentar einer anderen Kollegin anhören: „Sie ist hübsch, vielleicht ein bisschen groß, aber beim Hinlegen ist es egal.“ Eine Frau bei mir wurde mit den Worten begrüßt: “Na tolles Teil, du siehst wieder sehr elegant aus.” Eine Frau berichtete als Parteimitglied von “(gewolltem) aggressivem Sex, den sie nicht akzeptiert hatte”. Die Jugendlichen meldeten auch eine Vergewaltigung, ohne Namen zu nennen.

Sie forderten auf einem Transparent: „Stoppt diesen Strafschutz.“ In den vergangenen Monaten hätten unzählige Menschen mit Sexismuserfahrungen die Jugend der Partei angeprangert, sagte Jan Schiffer. Allerdings reagierten Parteivertreter nicht richtig, vermuteten aber teilweise Verschwörungstheorien hinter der MeToo-Debatte auf der Linken.

Die Debatte begann vor Wochen mit einem Artikel im Magazin „Spiegel“ zu Sexismusvorwürfen im Landesverband Hessen, aus dem auch Bundespräsidentin Janine Wissler stammt. Wissler sagte in seiner Rede zum Auftakt des Parteitags: „Ich möchte mich aufrichtig bei allen Frauen entschuldigen, denen wir nichts oder wenig bieten konnten, wenn ihnen ein Schaden entstanden ist.“ Am Rande des Parteitags kündigte sie neue Sanktionen gegen Parteimitglieder an, die sich der Körperverletzung schuldig gemacht haben.

Die linke Bundesjugendsprecherin Sarah Dubiel kritisierte Wisslers Äußerungen gegenüber dem Sender Phoenix als “zu wenig und es ist zu spät” und schlug vor, nicht noch einmal für das Präsidentenamt zu kandidieren.

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