Habeck über Stromerzeugung Kann Kohle Erdgas ersetzen?

PMF

Stand: 20.06.2022 15:25

Russland hat seine Erdgaslieferungen nach Europa deutlich reduziert. Wirtschaftsminister Habeck will vorübergehend mehr Kohle zur Stromerzeugung nutzen, um Gas zu sparen. Wie soll das funktionieren? Und was kann es bringen?

Warum Erdgas bei der Stromerzeugung einsparen?

Erdgas gilt in der aktuellen Krisensituation als zu wertvoll, um zur Stromerzeugung verbrannt zu werden. In vielen industriellen Prozessen kann der Rohstoff kurzfristig nicht ersetzt werden. Zudem wird ein erheblicher Teil der Immobilien in Deutschland mit Erdgas beheizt. Damit in einem besonders ungünstigen Szenario mit deutlich geringeren Gasvorräten und einem kalten Winter die Branche nicht teilweise lahmgelegt wird und letztlich die Privathaushalte eingeschränkt werden, müssen die Erdgasspeicher schnellstmöglich bis zum Rand gefüllt werden. Deshalb will Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) den Einsatz von Erdgas für Stromerzeugung und Industrie reduzieren. Im Gegenzug sollen zeitweise mehr Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen.

Wie dramatisch ist derzeit die Situation der Erdgasspeicher?

Laut Bundesnetzagentur sind die Erdgasspeicher in Deutschland derzeit zu 57,6 Prozent gefüllt. Das ist viel mehr als noch vor einem Jahr, als der Füllgrad noch knapp über 38 Prozent lag. Bis zur Erreichung der Ziele der Bundesregierung ist es aber noch ein weiter Weg. Diese prognostizieren einen Füllgrad von 80 Prozent vor dem 1. Oktober und 90 Prozent vor dem 1. November. Unklar ist jedoch, ob und inwieweit reduzierte Erdgaslieferungen aus Russland die Wiederauffüllung der Erdgasspeicher in den kommenden Wochen bremsen werden.

Warum ist der Füllstand höher als vor einem Jahr?

Offenbar führt der starke Preisanstieg dazu, dass mehr verflüssigtes Erdgas (LNG) nach Europa geliefert wird. Gleichzeitig ist auch der Verbrauch deutlich gesunken: Seit Jahresbeginn liegt der Gasverbrauch in Deutschland deutlich unter dem Vergleichswert des jeweiligen Vorjahresmonats, teilweise sogar zwischen 15 und 25 Prozent, wie dargestellt nach der aktuellen Liste der Bundesnetzagentur. In diesem Zusammenhang ist der Füllgrad der deutschen Erdgasspeicher seit März unterschiedlich schnell gestiegen.

Welche Alternativen zu Erdgas gibt es bei der Stromerzeugung?

Kurzfristig lässt sich Erdgas am einfachsten durch Braun- und Steinkohle ersetzen. Deutschland verfügt über beträchtliche Braunkohlereserven, die nach Angaben des britischen Energieunternehmens BP mehrere hundert Jahre reichen werden. Kohle wird in Deutschland zwar nicht mehr gefördert, ist aber international reichlich vorhanden. Die übrigen Fähigkeiten der Anlage spielen eine weitere wichtige Rolle. Braunkohlekraftwerke auf Reserve könnten in einem relativ absehbaren Zeitraum wieder angefahren werden, sagte Kerstin Andreae, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem Morgenmagazin der ARD.

Wie will die Bundesregierung stärker auf Kohleenergie setzen?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verband seine Ankündigungen zur Gaseinsparung bei der Stromerzeugung mit der Aussage, dass „hierfür verstärkt Kohlekraftwerke eingesetzt werden müssen“. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums ist damit zu rechnen, dass einige Kohlekraftwerke in begrenztem Umfang nachgenutzt werden. Möglich soll dies durch das Gesetz zur Verfügbarkeit von Ersatzkraftwerken werden, das am 8. Juli abschließend im Bundesrat beraten wird. Habeck sagte bei der Vorstellung seiner Pläne auch, dass eine bis zum 31. März 2024 befristete Gasersatzreserve eingerichtet werde. Um die Ersatzkraftwerke, also hauptsächlich Kohlekraftwerke, aus der aktuellen Reserve betreiben zu können , unter Last ist ein technischer Fortschritt erforderlich. Habeck forderte die Kraftwerksbetreiber auf, sich darauf vorzubereiten, so schnell wie möglich alles einsatzbereit zu haben.

Wie hoch ist der Anteil von Erdgas, Braun- und Steinkohle an der Stromerzeugung?

Im vergangenen Jahr wurden 15 Prozent des in Deutschland produzierten Stroms mit Erdgas erzeugt, knapp 19 Prozent mit Braunkohle und neun Prozent mit Steinkohle.

Inwieweit kann Erdgas durch Braun- und Steinkohle ersetzt werden?

Die Kapazität der Erdgasanlagen in Deutschland liegt bei 28 Gigawatt, mit maximal 13,7 Gigawatt ganzjährig genutzt, fast die Hälfte, so dass hohe Preise wirken.

Ende Mai betrug die Wirkleistung der deutschen Braun- und Steinkohlekraftwerke 16,7 bzw. 14,7 Gigawatt. Zum Vergleich: Die maximale Leistung dieser beiden bisher genutzten Kraftwerkstypen lag in diesem Jahr bei 15,7 bzw. 12,7 Megawatt, aber nicht gleichzeitig. Darüber hinaus betrug die kurzfristig verfügbare inaktive Leistung (Netzreservierung oder Sicherheitsbereitschaft) für Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke 1,9 und 4,3 Gigawatt. Hinzu kommt eine vorübergehend stillgelegte Braunkohlekapazität von 0,3 Gigawatt, die erst nach einer gewissen Zeit reaktiviert werden könnte.

Geht man von einer Auslastung von 100 Prozent aller verfügbaren kurz- und mittelfristig verfügbaren Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke im Vergleich zu den bisherigen Höchstwerten aus, könnte eine Produktion eines Erdgaskraftwerks bestenfalls etwa 9,5 Gigawatt und damit a gut zwei Drittel der bisher in Erdgasanlagen genutzten Maximalkapazitäten. Auf Erdgas zur Stromerzeugung werden wir vorerst nicht verzichten können.

Was sind die wichtigsten Buchungszentren?

Die drei Kraftwerke mit der höchsten Reserveleistung sind laut Bundesnetzagentur die Kraftwerke Bexbach und Weiher C im Saarland sowie Bergkamen A in Nordrhein-Westfalen. Alle drei Stockwerke arbeiten mit Kohle.

Wie ist die Umweltbilanz von Kohle im Vergleich zu Erdgas?

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