Olaf Scholz konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. „Wir alle haben erwartet, dass 2022 nach dem vermeintlichen Ende der Pandemie ein Boomjahr wird“, sagte die Bundeskanzlerin zur Eröffnung der weltgrößten Messe, der Hannover Messe. „Stattdessen sprechen wir über Probleme in der Lieferkette, steigende Energie- und Rohstoffpreise, Pandemiebeschränkungen in China und die schlimmen Folgen des Krieges in der Ukraine.“
Deshalb ist von Boom in Deutschland wirklich keine Spur. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Lage trübe sich zunehmend ein, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Und darüber lässt sich nicht diskutieren. „Die Rezession ist in Sicht“, sagt der Ökonom.
So weit will der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nicht gehen. Für das laufende Jahr rechnet der Handelsverband allerdings nur mit einem leichten Wachstum der Exporte und der Industrieproduktion.
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„Liefernetzwerke und Lieferketten sind bis zum Zerreißen belastet“, erläutert BDI-Präsident Siegfried Russwurm die aktuelle Situation am Rande der Hannover Messe. „Darüber hinaus sind wir im Vorfeld einer neuen Variante des Virus im Herbst immer noch besorgt über das Kronenvirus und seine Folgen, akut aufgrund von Chinas Null-Covid-Politikversagen.“ Und das macht das Jahr extrem schwierig und schwächt die Konjunktur. beachtliches Wachstum. “Wir befinden uns in einem schwierigen, bedrückenden und unsicheren Umfeld.”
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Der BDI sieht ein Produktionsplus im Verarbeitenden Gewerbe in diesem Jahr bei knapp zwei Prozent. „Das ist definitiv weniger, als wir uns vor der russischen Invasion vorgestellt haben“, sagt Russwurm.
Und selbst bei dieser Prognose herrscht noch große Unsicherheit. Gleiches gilt für den Export, für den der BDI derzeit ein Wachstum von 2,5 Prozent prognostiziert. Das sind 1,5 Prozentpunkte weniger als im Januar.
Auftragsschreiben von Industrieunternehmen liegen auf
Auftragsschreiben von Industrieunternehmen sind prall gefüllt. Maschinenbauer beispielsweise haben Aufträge für 11,6 Monate in den Büchern, berichtet der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Üblich ist ein Puffer von etwa sieben Monaten.
Und auch die Stromwirtschaft meldet eine Auftragsreichweite von durchschnittlich 5,7 Monaten, was deutlich über dem Normalmaß liegt, das laut Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) bei rund sechs Wochen liegt.
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Autobauer in der Krise
„Allerdings können wir Aufträge nicht so schnell wie gewohnt umsetzen und bearbeiten“, erklärt ZVEI-Präsident Gunther Kegel und verweist auf Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten, insbesondere von Halbleitern.
Aber auch Kontrollen sind ein Thema. Der Kölner Werkzeugmaschinenhersteller Schütte beispielsweise gibt bekannt, dass er für bestimmte Artikel nun eine zweijährige Wartefrist hat.
Materialmangel in der verarbeitenden Industrie
Wie angespannt die Versorgungslage ist, zeigen aktuelle Zahlen des ifo Instituts. Laut der Mai-Ausgabe der monatlichen Umfrage der Wirtschaftsforscher leiden 77,2 Prozent der produzierenden Unternehmen unter Materialknappheit.
„Lieferketten stehen unter Dauerstress“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter Umfragen beim ifo Institut. Vor allem die Schließung von Häfen in China hat die Situation vieler Unternehmen zusätzlich verschlechtert. Denn in der Volksrepublik, Deutschlands mit Abstand größtem Handelspartner, werden immer wieder ganze Städte wie die Wirtschaftsmetropole Shanghai wegen Corona-Ausbrüchen wochenlang geschlossen.
Quelle: WELT Infografik
Dadurch können Waren nicht verspätet produziert werden. Besonders betroffen ist der Maschinenbau: 91,5 Prozent der Unternehmen beklagen fehlende Teile und Komponenten. Aber auch andere Schlüsselbranchen wie die Elektroindustrie und die Automobilindustrie sind in ähnlicher Größenordnung.
Konsequenzen für den Maschinenbau
Die angespannte Lage zeigt bereits jetzt Konsequenzen für den Maschinenbau. „Wir müssen unsere Prognose noch einmal nach unten korrigieren“, sagte VDMA-Präsident Karl Haeusgen. Ende des Jahres rechnete die Branche für 2022 noch mit sieben Prozent Wachstum, im März sank diese Zahl auf vier Prozent.
„Aber auch das ist nicht mehr zu halten“, berichtet Haeusgen. „Vor allem, weil wir jetzt eine deutliche Zurückhaltung bei Kunden und Auftragsrückgängen sehen.“
Der VDMA rechnet nun mit einem Produktionsplus von einem Prozent. Dass der Umsatz nominell um acht Prozent auf 239 Milliarden Euro steigen soll, liegt an den entsprechenden Preiseffekten durch Inflation und steigende Material- und Logistikkosten.
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Vor allem die kriegsbedingt stark gestiegenen Energiepreise treiben die Erzeugerkosten in die Höhe. Und diese Last wird dann auf die Kunden übertragen. So seien deutsche Importe laut Statistischem Bundesamt im April so teuer wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Laut Statistik sind die Importpreise um 31,7 Prozent höher als im Vorjahresmonat, der letzte im September 1974 während der ersten Ölkrise. Hauptmotor ist Erdgas, das 300 Prozent mehr gekostet hat als vor zwölf Monaten. Aber auch andere Rohstoffe sind deutlich teurer geworden, ebenso Teile von Zulieferern.
Die Industrie überprüft Lieferketten
Diese Kombination aus hohen Preisen und geringer Verfügbarkeit veranlasst die Branche, ihre Lieferketten zu überarbeiten und zu diversifizieren. „Wir organisieren unsere Lieferketten neu und werden weitere Standorte ansiedeln, in China für China und in Europa für Europa“, sagt Cedrik Neike, Mitglied des Siemens-Vorstands. „Wir werden davon absehen, Dinge fünfmal in die Welt zu schicken, um sie fertig zu produzieren.“
Gleichzeitig betont die Politik außerhalb der Hannover Messe ihren Wunsch, den Bau von Chipfabriken in Deutschland und Europa voranzutreiben, um unabhängig zu werden. Allein dafür stellt der Bund rund 17 Milliarden Euro zur Verfügung.
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Auch BDI-Chef Russwurm fordert mehr Schritte, um den Einkauf von Rohstoffen künftig besser abzusichern. Eine Analyse des Verbands zeigt, dass von den 30 in der EU als kritisch eingestuften Waren und Warengruppen zehn hauptsächlich aus China geliefert werden. 69 Prozent der Seltenen Erden, die Unternehmen für Elektrifizierung und Windkraft benötigen, werden in China abgebaut. Bis zu 86 Prozent der nutzbaren Rohstoffverarbeitung findet in China statt.
„Ohne Rohstoffe keine Industrie 4.0, keine Energiewende, keine Elektromobilität“, warnt Russwurm. „Deutschland und Europa sollten als Orte der Exploration und Verarbeitung nach Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden“, so der Branchenvertreter. Dies könnte ökologische und soziale Vorteile bieten, da mit der Gewinnung und nachhaltigen Verarbeitung von Rohstoffen integrierte Wertschöpfungsketten und hochwertige Arbeitsplätze wachsen.
„Der BDI setzt weiterhin auf Globalisierung und globale Wertschöpfungsketten, einschließlich China.“ Aber es ist vernünftig, nicht alle Eier in einen Korb zu legen.
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