Stand: 13.08.2022 17:12
Tausende ehemalige einheimische Arbeiter warten in Afghanistan immer noch darauf, das Land zu verlassen. Sie fürchten Rache durch die Taliban. Die Politik fordert eine schnellere und großzügigere Aufnahme in Deutschland.
Ein Jahr nach dem Fall Kabuls durch die radikal-islamischen Taliban häufen sich die Rufe nach der Rettung ehemaliger lokaler afghanischer Arbeiter. Auf dem ersten Kongress „Afghanische Ortskräfte“, der von der Evangelischen Akademie Berlin, dem Trägernetzwerk für afghanische Ortskräfte, der Flüchtlingshilfeorganisation Pro Asyl und dem Bundeswehrverband in Berlin organisiert wurde, wurde ein mögliches Vorgehen diskutiert.
Laut Pro Asyl setzt die Bundesregierung ihr Versprechen, gefährdete Menschen zu retten, nur unzureichend um. Die Organisation fordert eine Reform des örtlichen Personalverfahrens und eine Beschleunigung des Familiennachzugs. Die Zahl der Personen, die Schutz erhalten sollten, ist zu gering.
Bei der Definition, wer als lokaler Mitarbeiter gilt, müssen alle gefährdeten Personen einbezogen werden, zum Beispiel Subunternehmer, die für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet haben, sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt.
Unkomplizierter Umgang mit Familien
Auch der SPD-Innenpolitiker Helge Lindh sprach sich dafür aus, den Umgang mit den Familien ehemaliger Einheimischer zu erleichtern. Bisher konnten nur Mitglieder der Kernfamilie nach Deutschland ziehen. “Ich habe den pragmatischen Wunsch, dass wir wegen der besonderen Verantwortung, die wir dort haben, einen erweiterten Familienbegriff im Verfahren der Ortsbediensteten in Bezug auf Afghanistan verwenden”, sagte Lindh.
Ähnlich äußerte sich die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg (Grüne): Auch Beschäftigte von Subunternehmern, die für die Bundeswehr tätig waren, sollten künftig einbezogen werden. „Der Familienbegriff sollte über die deutsche Kleinfamilie hinausgehen“, sagte Amtsberg. „Auch die 18-jährige Tochter, die noch bei ihren Eltern lebt, soll künftig nach Deutschland kommen können, obwohl sie rechtlich erwachsen ist.“
Ein Jahr nach der Ausreise aus Afghanistan: Viele Bundeswehrhelfer warten darauf, das Land zu verlassen
Kerstin Breining, RBB, Tagesthemen 23:25 Uhr, 14.08.2022
„Ohne Personal vor Ort geht es auch in Zukunft nicht“
Der ehemalige parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Peter Tauber, mahnte, zu Beginn eines Bundeswehreinsatzes müsse geklärt werden, wie künftig mit lokalen Kräften umgegangen werde. „Ohne lokale Kräfte werden Einsätze der Bundeswehr auch in Zukunft nicht funktionieren“, sagte Tauber. „Wenn wir wollen, dass Menschen unsere Soldaten im Einsatz unterstützen, müssen wir diesen Menschen eine Perspektive bieten“, sagte der CDU-Politiker.
Ein Jahr nach dem überstürzten Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan leben immer noch Tausende ehemalige Bundeswehrangehörige, Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen im Land am Hindukusch. Laut Amtsberg befinden sich derzeit etwa zwei Drittel der rund 23.000 Menschen, denen die Bundesregierung eine Aufnahme garantiert hat, in Deutschland.
Der Frauenprotest wurde mit Warnschüssen aufgelöst
Unterdessen beklagte das Kinderhilfswerk UNICEF, dass humanitäre Hilfe für Afghanistan nicht finanziert werde. Im laufenden Jahr sei erst ein Drittel der notwendigen Mittel bereitgestellt worden, schrieb Unicef-Deutschland-Geschäftsführer Christian Schneider im „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Lebensmittelversorgung ist katastrophal. „Mehr als eine Million Kinder sind stark unterernährt. Acht von zehn Menschen trinken heute noch verunreinigtes Wasser“, kritisierte Schneider.
Sie prangerte vor allem die Politik der Taliban an, Mädchen von der Bildung fernzuhalten. Heute haben Taliban-Kämpfer eine friedliche Frauendemonstration in Kabul gewaltsam aufgelöst. Kämpfer schossen in die Luft, um etwa 40 Demonstranten zu zerstreuen, die vor dem Bildungsministerium „Brot, Arbeit und Freiheit“ sangen. Bilder in den sozialen Medien zeigen, wie die Taliban Frauen körperlich angreifen.