Hohe Inflation macht der Mittelschicht Angst

Jan Hormes lässt Träume wahr werden. Zu ihm kommen junge Familien, die endlich das lang ersehnte Haus bauen können. Oder die Paare, die ihre Mietwohnung gegen den Altbau mit den dunklen Holztischen tauschen wollen. Hormes gibt ihnen Kredite. In den letzten zehn Jahren war es ein Traumjob, weil die Zinsen immer weiter fielen. Aber das Blatt hat sich gewendet und die Zinssätze sind in den letzten sechs Monaten in einem Ausmaß gestiegen, das Hormes nie für möglich gehalten hätte. Statt sich auf ein Eigenheim zu freuen, erlebe er “zunehmenden Frust bei Anfragen”, sagt der Pfälzer.

Johannes Pennekamp

Redakteur Wirtschaftsberichte, verantwortlich für “The Lounge”.

Vor einigen Monaten mussten für einen durchschnittlichen Kredit monatlich 1200 Euro an Zinsen und Tilgung gezahlt werden. Heute muss er das Angebot um weitere 800 Euro aufstocken, rechnet Hormes vor. Die Kosten für Handwerker und Immobilien steigen weiter. Die Kunden von Horme sind überwiegend Ärzte. Dank finanzieller Reserven können sie ihre Projekte oft noch bewältigen. „Aber die Käuferschicht verschiebt sich eindeutig in Richtung Oberschicht“, sagt Hormes. Politiker wissen, dass es kompliziert wird, wenn der etwas solventere Mittelstand kürzen muss.

Lebensmittel sind 13 Prozent teurer

Was auf dem Immobilienmarkt aufgrund der hohen Inflation und der Zinswende der Europäischen Zentralbank passiert, ist extrem. Aber auch in vielen anderen Bereichen trifft der Anstieg der Verbraucherpreise, die im vergangenen Jahr um durchschnittlich knapp acht Prozent gestiegen sind, nicht mehr nur Geringverdiener. Das zeigt sich an vielen Stellen: Der Inhaber eines „Unverpackt“-Ladens in Frankfurt etwa berichtet, dass selbst Nicht-Hunger-Kunden längst ausgeblieben sind, weil auch ihnen das 80-Cent-Bio-Ei schmeckt. Dies mag wie ein Luxusproblem erscheinen. Dass Fleisch im Jahresverlauf um ein Fünftel und Lebensmittel insgesamt um fast 13 Prozent teurer geworden ist, spüren aber auch Menschen, die im Supermarkt nicht auf jeden Cent achten müssen.





















Dies gilt insbesondere für die Energiekosten. Die Wohnungswirtschaft warnte zuletzt davor, dass ein vierköpfiger Haushalt bis zu 5.000 Euro mehr für Strom und Heizung zahlen muss als im Vorjahr. Wer diese Beträge am Tag der Vorausrechnung vergibt, muss sehr gut verdienen, um nicht für Urlaub, Auto oder Opernbesuch sparen zu müssen. Ein Berater der Verbraucherzentrale Hessen fasst zusammen: „Viele Menschen glauben, dass es viel schwieriger ist, das gleiche Vermögen wie Eltern aufzubauen.“


All das ist nicht nur ein finanzieller Einschnitt für Millionen Deutsche. Bekanntermaßen hatten sie schon immer besondere Angst vor einer Währungsabwertung, selbst in Zeiten, in denen die Inflation an der Nulllinie feststeckt. Jetzt ist die Inflation wirklich da, und die Angst vor dem Sturz steigt wieder: Auf die Frage nach ihren Hauptsorgen nennen die Deutschen die Inflation. Schon kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sorgten sich die Deutschen laut einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey mehr um Geld als um die militärische Bedrohung. Es wäre überraschend, wenn große wirtschaftliche Veränderungen und Ängste keine politischen Konsequenzen hätten. Aber was genau rollt ins Land? Und wer kann am Ende politisch profitieren?

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