Schlagwort Gewinnsteuer spaltet Ampelkoalition: Finanzminister Christian Lindner und seine FDP lehnen die Einführung neuer oder höherer Steuern grundsätzlich ab, zumal im Koalitionsvertrag nichts dergleichen vereinbart ist. Vor diesem Hintergrund hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) angekündigt, dass ein solches Instrument zumindest „derzeit nicht geplant“ sei. Doch SPD und Grüne fordern eine solche Sondersteuer zunehmend gegen Unternehmen, die in Krisen riesige Gewinne machen. Die Vorsitzenden seiner Partei, Saskia Esken und Ricarda Lang, haben den Konflikt zuletzt angeheizt, teilweise mit offenen Sticheleien gegen den Koalitionspartner.
Wie genau diese Steuer aussehen soll, haben die Gesprächspartner in der Regel noch nicht erklärt, da der Finanzminister für die Detailarbeit zuständig ist. Und tatsächlich: Seit Kurzem gibt es eine Veröffentlichung der Firma Lindner, die nicht direkt aus der Feder der Beamten des Ministeriums stammt. Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums der Finanzen zur Gewinnüberschussbesteuerung fällt aber durchaus in die Kategorie der Detailarbeit, wenn auch am Ende mit einer kritischen Gesamtbeurteilung.
Der unabhängig von politischen Vorgaben arbeitende Beirat der Ökonomen mahnt, „dass bei solch populären, aber volkswirtschaftlich gefährlichen, langfristig überhöhten Gewinnsteuern große Vorsicht geboten ist“, wie es abschließend heißt. Und auf 19 Seiten zählt er eine ganze Liste dieser Gefahren auf, insbesondere für die Innovationskraft der Wirtschaft, wenn Anleger nicht mehr nur mit dem Kapitalverlustrisiko im Falle eines Scheiterns rechnen müssen, sondern auch mit einem zusätzlichen Eingriff der Steuer Behörden bei Erfolg.
Vermeiden Sie unerwünschte Nebenwirkungen
Der Beirat beschränkt sich jedoch nicht darauf, die Argumente gegen den Bericht aufzuzählen, sondern beschreibt auch einige überraschende Zusammenhänge zwischen der aktuellen Forderung und der Finanzdiskussion um die Voraussetzungen für eine gute Unternehmensbesteuerung. Er fasst sie wie folgt zusammen: “Aktuelle Planungen zur Entwicklung der Unternehmensbesteuerung enthalten bereits Elemente einer Überbesteuerung des Gewinns.” Dahinter stehen technische Überlegungen, wie die Besteuerung der Gewinne aller Unternehmen stärker auf den sogenannten Reingewinn konzentriert werden kann, denn eine zu breite Bemessungsgrundlage hat den unerwünschten Nebeneffekt, dass Investitions- und Finanzierungsentscheidungen der Unternehmen verzerrt werden.
Um dies abzumildern, könne „insbesondere ein kalkulatorischer Zins auf das Reinvermögen der steuerlichen Bemessungsgrundlage abgezogen werden“, schreibt der Beirat. Dies würde bedeuten, dass sich die Unternehmensbesteuerung – im Einklang mit finanz- und wirtschaftswissenschaftlichen Idealen – stärker auf das konzentriert, was dort als „wirtschaftliches Einkommen“, Nettogewinn oder Überschussgewinn, verstanden wird. Dies werde „im Idealfall zu Förderneutralität und besseren Investitionsanreizen führen“, heißt es in dem Bericht.
Allerdings trennen diese Reformdiskussion und die aktuelle Grundsatzdebatte zwei Punkte, wie der Beirat ausführt: „Die damit verbundene Verringerung der Siedlungsgrundlage würde zu steuerlichen Einbußen führen.“ Zudem beinhaltet dieses Reformkonzept keine Besteuerung, die auf die Vorteile der Krise abzielt. Im Gegenteil, eine zunehmende Besteuerung einer politisch definierten Gruppe von Krisengewinnern hat nichts mit der Neutralität von Finanzierung und Investition zu tun.
„Grundlegende Lenkungswirkung“
Auf den bei SPD, Grünen und Sozialverbänden beliebten Umlagesteueransatz hat der Beirat sehr grundsätzlich reagiert: „Vorübergehend überdurchschnittliche Gewinne haben eine grundlegende Leitwirkung für die Marktwirtschaft“, sagt er. Das lenkt mehr Ressourcen, etwa Investitionskapital, dorthin, wo Knappheit herrscht und gute Gewinne verspricht. “Durch die Besteuerung überdurchschnittlicher Gewinne würde dieser Verdrängungseffekt vermieden und eine langfristige Verknappung gefestigt.”
Als Beispiel für die Corona-Krise nennt der Bericht die anfangs hohen Preise für Gesichtsmasken: Masken seien knapp und teuer, aber genau das habe viele Unternehmen dazu bewogen, auf die Maskenproduktion umzusteigen. Hätte der Fiskus die anfangs hohen Gewinne der ersten heimischen Hersteller kassiert, wären Masken wohl auf Dauer Mangelware gewesen. Und angesichts des hohen Verlustrisikos wäre weniger Investitionskapital in die Impfstoffforschung geflossen, wenn nicht am Ende hohe Gewinne für ein oder zwei erfolgreiche Unternehmen in Aussicht gestellt worden wären, warnt er.
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Einen gewissen Beitrag zur Präzisierung leistete am Sonntag jedoch die Grünen-Vorsitzende Lang: Im ZDF nannte sie den Mineralölkonzern Shell als möglichen Empfänger der Überschusssteuer. Zwei Dinge bleiben derzeit offen: Es wäre zu klären, wie die deutschen Finanzbehörden an die Gewinne dieser Weltkonzerne herankommen. Außerdem könnten diese zusätzlichen Steuern den Kraftstoff noch teurer machen, nachdem die Ampelkoalition gerade den Benzin- und Dieselverkauf als Preispuffer für die Verbraucher billiger gemacht hatte.