2. Juli 2022
Rosei arbeitet seit 50 Jahren mit Stein © APA / ROBERT JAEGER
Seine Steine sind ausdrucksstark und majestätisch zugleich. So schwer und starr sie in ihrer Materialität auch sind, so plastisch wirken sie, wenn sie dem Betrachter sanft geschliffen und aufrecht entgegentreten. Es wurde von Franz Rosei erstellt. Der jüngere Bruder des Autors, Peter Rosei, ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen österreichischen Bildhauer. Heute, am 2. Juli, feiert es sein 75-jähriges Bestehen. Die APA besuchte ihn in seinem Atelier in Wien-Oberlaa.
Wiener haben in einem alten Winzerhaus das ideale Refugium gefunden. Wo früher Weinfässer lagerten und ein Wirtshaus das Vorstadtpublikum zum Verweilen einlud, gibt es heute Wohnzimmer, Arbeit und Ausstellungen. Hier sind nicht nur die Skulpturen, an denen der Bildhauer gerade arbeitet, sondern auch die wesentlichen Teile eines lebenswichtigen Werks, das Respekt verdient. Der Künstler, der an der Hochschule für Angewandte Kunst keramische Bildhauerei studierte und zunächst mit gegossenem Beton experimentierte, beschloss bald, sich auf Stein zu konzentrieren.
Verantwortlich für diesen Materialwechsel war Alfred Hrdlicka, der Rosei den Stein als ideales Medium für ihn empfahl. Aber nicht nur ästhetisch unterschied er den figurativen und ausdrucksstarken politischen Künstler und das abstrakte Werk, sondern reservierte abstrakte Welten. „Hrdlicka ist bei der Arbeit wirklich auf Steine gesprungen“, sagt Rosei, eine enorme Anstrengung, die starke körperliche Spuren hinterlassen hat. Im Vergleich dazu ist Rosei ehrlich gesagt zärtlich mit ihren Steinen, sie will sie nicht formen, sondern schleift sie.
Auch nach über 50 Jahren Arbeit in Stein sieht er fit aus. „Ich muss auf das Kreuz aufpassen“, gibt der Bildhauer zu. Das hat damit zu tun, dass ihre Objekte bald 500 Kilogramm wiegen werden. Wer beim Verschieben der Figuren nicht auf äußerste Vorsicht und den richtigen Einsatz der Technik achtet, wird einen bitteren Preis zahlen müssen. Im Durchschnitt verbringt man etwa acht Monate mit einem Stein, „bis ich das Gefühl habe, dass es vorbei ist“, schätzt Franz Rosei. Es gebe einen Entwurf der Zeichnung, „der immer enger wird“, aber auch das Material entwickelt während der Arbeit ein Eigenleben, das es zu respektieren gilt.
Rosei arbeitet mit Steinzeug, Kalkstein oder Marmor, wie Tortilla-Marmor, der mit roten Punkten geädert ist. „Ich liebe Stein in all seinen Formen. Es ist schön, mit so edlem Material zu arbeiten, aber auch mit so altem Material.“
Wenn Franz Rosei über seine Steine spricht, muss man unweigerlich an den 2010 verstorbenen Bildhauer Karl Prantl denken, der mit der gleichen Zärtlichkeit von seinen Skulpturen sprechen konnte. Er habe es sehr geschätzt, sagt Rosei, aber als „Meditationssteine“ wolle er seine Werke nicht sehen. Sie sind nicht symbolisch, metaphorisch, sondern konkret. Formen, die keinen physischen Bezug haben, sich aber selbst darstellen. “Das sind keine Torsi, das ist immer alles!” Und Bildhauersymposien, bei denen Prantl Kollegen aus nah und fern im Burgenland versammelte, mied er bald. Mit den dort erlebten Alkoholprügeln und Konkurrenzverhalten habe er nie etwas anfangen können. “Schon in der Wissenschaft war mir klar, dass ich alleine arbeiten muss.”
Etwa 65 Steine sind in Roseis Arbeitszimmer gesammelt, eine „Familie“ nennt ihn Bruder Peter. Aber auch hier gibt es etwas mehr als ein Dutzend Bronzen. 1984 habe er sich erstmals im Bronzeguss versucht, sagt der Künstler. “Es ist eine ganz andere Sprache, die hier gefragt ist.” Eines haben die Materialien jedoch gemeinsam: Sie sind nicht für die Außenmontage geeignet. Die von ihm verwendeten Steine würden schnell von der Säure des Regens angegriffen, und öffentlich ausgestellte Bronzen liefen Gefahr, wegen ihres großen materiellen Werts gestohlen zu werden, sagt er.
2001 fand im Historischen Museum der Stadt Wien die letzte umfassende Retrospektive von Franz Rosei statt. In keinem Museum gibt es eine große Hommage an die 75. Albertina zum Beispiel habe nur wenige Zeichnungen, aber keine einzige ihrer Skulpturen, sagt die Künstlerin. „Ich habe keine Seilausrüstung. Aber ich bin zufrieden. Das Wichtigste für mich ist, dass ich in Ruhe arbeiten kann.“
Im September wird Franz Rosei im Jesuitenfoyer eine kleine Ausstellung gewidmet. Und vor seinem Geburtstag veröffentlichte der Verlag Müry Salzmann eine schöne Monografie. Neben Fotos seiner Skulpturen und Ausstellungen sowie Illustrationen von Zeichnungen gibt es ein informatives Gespräch mit dem Künstler. Darüber hinaus hat Peter Rosei einige Essays beigesteuert. „Wenn man einer Sammlung von Figuren meines Bruders gegenübersteht, sei es in einer Ausstellung oder im Atelier, fällt einem als Erstes die Schönheit ins Auge, je nach Lichteinfall strahlend, hell oder einfach nur sanft glänzend, etwas Fließend und vielleicht Glatt hat, bedingt durch die Farbe der Steine, seine Kostbarkeit – eine Kostbarkeit der Oberflächen – durch die harmonische Abstimmung der Proportionen“, sagt er.
Anders als der Bildhauer liest der Literat Geschichten aus den Steinen ab: „Die Skulpturen meines Bruders könnte man als eine Art Schrift oder Tagebuch interpretieren, als Lebensgeschichte oder, noch besser, als eine Summe, die sich ständig hinzufügt. Das fasst das Erlebte und das Gedachte zusammen, bleibt da, bleibt zurück, wie Meilensteine auf einer Straße.“ Und so kann das 75-jährige Jubiläum auch als Jahreszeit gelesen werden: eine kurze Pause auf einer Reise, die weitergeht.
Franz Rosei: „Das Werk“, mit Texten von Peter Rosei und einem Gespräch von Claudia Sihler-Rosei mit Franz Rosei, Müry Salzmann, 240 S., 38 Euro