Stand: 24.05.2022 16:42 Uhr
In einer durch Corona sensibilisierten Welt wird auch die seltene Affenpocken-Erkrankung vor allem an der Börse zum Problem. Das wird aber bekanntlich gerne übertrieben.
Von Detlev Landmesser, tagesschau.de
Es ist eine seltene Krankheit ohne Seuchenpotential, aber in einer durch die Corona-Pandemie sensibilisierten Öffentlichkeit seit einigen Tagen in aller Munde. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in letzter Zeit weltweit etwa 250 Fälle von Pocken gemeldet.
Das dänisch-deutsche Unternehmen profitiert als erstes davon
Das Thema hat auch die Börse erreicht, wo Impfstoffhersteller in den letzten Jahren zu den großen Gewinnern gehörten. Die bayerische Nordische sorgte vergangene Woche für Furore. Der in Kopenhagen ansässige dänisch-deutsche Impfstoffhersteller gab am Donnerstag bekannt, dass er einen Liefervertrag mit einem nicht näher bezeichneten europäischen Land für seinen Pockenimpfstoff unterzeichnet hat. Infolgedessen stiegen die Aktien um fast 60 Prozent.
Der Impfstoff mit der Marke Imvanex ist in Europa zur Anwendung gegen Pocken zugelassen, wurde aber zuvor für Fälle von Affenpocken zur Verfügung gestellt, sagte das Unternehmen. Einen Tag zuvor hatte die US-Gesundheitsbehörde im Rahmen eines langfristigen Vertrags Millionen Dosen des Impfstoffs für die Jahre 2023 und 2024 bestellt. In den Vereinigten Staaten wurde ein Pockenmedikament namens Jynneos zugelassen. Da Viren ähnlich sind, sollen auch moderne Pockenimpfstoffe zu 85 % gegen Pocken wirksam sein.
Der klassische Pockenimpfstoff wird weiterhin hergestellt
Der zweitgrößte Hersteller von Pockenimpfstoffen ist Sanofi mit seinem in den USA entwickelten Produkt ACAM2000. Auch die Aktien des französischen Pharmariesen sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen.
Der US-Impfstoffhersteller Moderna gab heute bekannt, dass er mögliche Kandidaten für den „präklinischen“ Affenpockenvirus-Impfstoff testet. Ihnen werden wahrscheinlich andere große Anbieter folgen.
Pocken sind seit 1980 ausgerottet. Es ist die einzige Viruserkrankung, die durch jahrzehntelange Impfkampagnen besiegt wurde. Einige Staaten haben sich jedoch vor allem in den 2000er Jahren Notvorräte des klassischen Pockenimpfstoffs gesichert, um der Gefahr eines biologischen Angriffs mit dem Virus oder einer gentechnisch veränderten Variante entgegenzuwirken.
Vereinzelte Hersteller des klassischen Impfstoffs konzentrieren sich nun auf die Bekämpfung von Affenpocken. Die Vereinigten Staaten bereiten sich auf eine groß angelegte Impfung gegen das Virus vor. Weltärztebund-Präsident Frank Ulrich Montgomery plädierte für ein Impfangebot vor allem für die jüngeren Generationen, die den Pockenimpfstoff nicht mehr erhalten.
Die Börse neigt zur Übertreibung
In diesem Anwendungsfeld, in dem vor allem kleine Anbieter aktiv sind, übertreibt die Börse tendenziell zu sehr, wohl auch unter dem Eindruck starker Kursreaktionen während der Corona-Pandemie.
An der Wall Street stieg GeoVax Labs am Montag um ein Viertel, obwohl die Biotechnologie nur feststellte, dass ihr Impfstoffkandidat GEO-CM04S1 für die Phase 2 der klinischen Entwicklung von Covid-19 auch gegen Affenpocken wirksam sein könnte.
Aber auch Anbieter von Virus-hemmenden Präparaten haben in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit an der Börse erhalten. Das US-Biotechnologieunternehmen SIGA Technologies stellt ein Pockenmedikament namens Tpoxx her, für das am Montag ein Kursgewinn von mehr als 40 Prozent angegeben wurde. Auch der Anbieter des Antivirus-Medikaments Tembexa, Emergent BioSolutions, verzeichnete in den letzten Handelstagen zweistellige Kursgewinne.
Überschaubarer Betrag
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat heute betont, dass die jüngste Ausbreitung der Affenpocken nicht der Beginn einer neuen Pandemie ist. Im Falle einer weiteren Ausbreitung seien „bis zu 40.000 Dosen“ Pockenimpfstoff angefordert worden, konkret Imvanex. Es geht darum, für infizierte Kontaktpersonen auf eventuell notwendige Impfungen vorbereitet zu sein. Bisher wurden in Deutschland nur fünf Fälle gemeldet.
Die britische Gesundheitsbehörde sagte, sie habe seit der Zunahme von Pockenfällen bei Affen mehr als 1.000 Dosen Imvanex an Kontaktpersonen verabreicht. Es sind 3500 Dosen auf Lager.
Daher bleiben die Zahlen im Vergleich zur Größenordnung der Covid-19-Impfstoffe überschaubar. Entsprechend eingeschränkt sind heute die wirtschaftlichen Aussichten für die Pharma- und Biotechnologieindustrie.
Lauterbachs Aussage deutet darauf hin, dass der von Bavarian Nordic letzte Woche benannte europäische Staat Deutschland war. Das Unternehmen hatte mitgeteilt, dass der Auftrag keinen Einfluss auf die Jahresprognosen habe.