„In so einer Situation hilft nur eines: Hilfe holen“

Proben für den Ernstfall: Zusammen mit dem Schweizer Alpen-Club führt die Rega in Saint-Triphon eine Notfallübung durch. (Bild einer Bildagentur)

Keystone/Dominic Steinmann

Die steigende Reiselust der Schweizer spürt auch die Rega: Im Juli flog sie so viele Einsätze wie nie zuvor. Rega-Chef Ernst Kohler über die Überschätzung der Wanderer, das Abschmelzen der Gletscher und ihre zwiespältige Haltung beim Umkehren.

Im Juli flog die Rega in einem Monat 2120 Helikoptereinsätze, ein Rekord, aber ausnahmslos. «Vor zehn Jahren war für uns ein Monat namens 1000 bemerkenswert», sagt Rega-Chef Ernst Kohler im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». Nun zählt die Rega in der Regel fünf bis sechs Monate, in denen diese Marke überschritten wird.

In den letzten sechs Monaten wurden 25 Prozent mehr Einsätze geflogen als im Rekordjahr 2021. Aus diesem Grund hat die Rega Massnahmen ergriffen: «Wir verfügen nun über 14 Einsatzbasen in der ganzen Schweiz verteilt und haben deren Vorbereitungsbetrieb sukzessive ausgebaut.» damit die Woge gezähmt werden kann.

Die Folgen der globalen Erwärmung auf Migrationsrouten

Die Zunahme der Einsätze sei auf breiter Front bemerkenswert, aber die Rettung von Wanderern und Bergsteigern habe besonders stark zugenommen, sagt Kohler.

Begünstigt wurde die Entwicklung zum einen durch das gute Wetter des vergangenen Monats und den Einfluss von Corona, das immer mehr Menschen auf den Berg lockt. «Viele haben während der Pandemie die Schweizer Berge wiederentdeckt oder wiederentdeckt, und das schwingt noch heute mit», sagt er.

Die Zunahme der Einsatzzahlen kann aber auch mit den Veränderungen in der Bergwelt zusammenhängen. Da ist zum einen das Abschmelzen des Hochgebirgsgletschers, der die Felsen zum Einstürzen bringt. Wo vor zehn Jahren noch Höhenwege über Schnee führten, wartet vielleicht schon Eis auf dich, sagt Kohler. Er hat es selbst erlebt. Das kann Sie überraschen und überfordern.

Er leitete früher die Schweizer Luftwaffe: Ernst Kohler, CEO der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega, am 8.

Keystone/Gaetan Bally

Aber auch bei Wanderungen in tieferen Lagen hatten sich die Bedingungen verschlechtert. Da der Boden im Sommer über Nacht teilweise nicht mehr zufriert und die Null-Grad-Grenze teilweise 5.000 Meter überschreitet, bleibt der Fels locker. Das führe einerseits zu mehr Erdrutschen, aber auch zu mehr Trümmern, „was wiederum ein anspruchsvolles Terrain ist“.

Die Hitze war auch ein Faktor, der die Zahl der Operationen im Juli beeinflusst hätte. Dehydrierung kann laut Bergretter die Leistungsfähigkeit und Konzentration negativ beeinflussen, die je nach Beschaffenheit des Weges unerlässlich sind.

Umkehren ist in diesen Situationen keine Option

Das Team ist nicht das Problem. “Wanderer in Turnschuhen sind eine Seltenheit.” Im Gegenteil, man würde Wanderrouten nicht den eigenen Fähigkeiten anpassen und den Einfluss von Höhe, Steigung und eventuell auch dem eigenen Alter unterschätzen.

Aber wie reagierst du, wenn du dich überfordert fühlst? Zurückgehen sei nicht immer die richtige Reaktion, betont Kohler. “Ich habe ein gespaltenes Verhältnis dazu.” Sein Beispiel: „Stellen Sie sich einen sehr starken Anstieg vor. Eines, das zudem mit einem Stahlseil gesichert ist, an dem sich der Wanderer festhalten kann.“ In diesem Fall sei der Abstieg deutlich anspruchsvoller. „In so einer Situation hilft nur eines: Hilfe holen.“

Die Hemmschwelle sei manchmal zu hoch, um den Rega-Notruf abzusetzen, kritisiert Kohler. Immer wieder begegnet er Unfällen, die hätten vermieden werden können, wenn die Betroffenen rechtzeitig um Hilfe gebeten hätten – und nicht spätabends, bei Dunkelheit oder Verletzten. Kohler empfiehlt, die Rega anzurufen, sobald Angst oder Schwächeanzeichen bestehen, aber auch, wenn Sie sich in einer schwierigen Situation mit Kindern befinden.

Ein Alarm bedeutet nicht „Helikopterrotoren starten sofort“. In bestimmten Situationen könnten die Mitarbeiter der Einsatzzentrale den Betroffenen durch Beratung oder Kontaktaufnahme mit einem nahe gelegenen Hüttenwart helfen. „Im Grunde sind wir auch am Berg die fleißige Hand.“

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