Es gebe drei Hauptunterschiede zwischen den beiden Krankheiten, sagte Pietro Vernazza in einem Interview mit der Zeitung. Pocken würden zunächst nicht übertragen, wenn die infizierte Person noch keine Symptome wie Pockenbläschen und Pusteln habe, sagte Vernazza in einem am Freitag erschienenen Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung». Infizierte wissen, dass sie ansteckend sind.
Immunität nach Heilung
Zweitens sind Menschen mit Affenpocken nicht lange ansteckend. Wenn die Pusteln verheilt sind, ist die Person immun. Anders bei den HIV-Viren, die AIDS verursachen: Sichtbare Symptome treten meist erst Jahre nach der Ansteckung auf, Infizierte sind aber früher ansteckend.
Drittens sei es laut Vernazza nach aktuellem Wissensstand schwierig, Affen-Pcken-Viren durch Blut zu übertragen. „Für die Übertragung des Affenpockenvirus ist enger Körperkontakt notwendig, derzeit erfolgt es fast immer durch sexuellen Kontakt“, so der Infektiologe.
Laut Vernazza kann die Krankheit durch Isolation kontrolliert werden. Wer infiziert ist, sollte vermeiden, dass von Pusteln und Bläschen betroffene Körperstellen mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Wer eine Infektion kennt, wird die Zahl der engen Sexualkontakte vorübergehend reduzieren.
kontraproduktive Stigmatisierung
Bisher in der Schweiz gemeldete Fälle von Affenpocken betrafen fast ausschliesslich Männer, die sexuellen Kontakt mit anderen Männern hatten. Laut Vernazza sind neutrale, sachliche und vor allem motivierende Informationen für diese Menschen wichtig. Stigmatisierung und Zwangsmaßnahmen sind kontraproduktiv.
Vernazza äußerte seine Überzeugung, dass der Affenpocken-Ausbruch in der Schweiz dieses Jahr wieder zurückgehen werde. Es kann immer wieder zu Ausbrüchen kommen, aber die am stärksten Betroffenen lernen nun, mit der Krankheit umzugehen und ihr Verhalten anzupassen.
Eine Impfung gegen Affenpocken ist in der Schweiz noch nicht zugelassen. Vernazza wolle mit der Impfung „nichts überstürzen“, sagte er. Bevor Sie einen Impfstoff in großem Umfang einsetzen, möchten Sie mehr Daten zur Sicherheit des derzeit verfügbaren Impfstoffs sehen.
Das sieht der Zürcher Infektiologe Jan Fehr anders, sagte er am Freitag gegenüber dem Schweizer Radio SRF. Es ist an der Zeit, den Gang einzulegen, um den Impfstoff schnell verfügbar zu machen. Andernfalls laufen Sie Gefahr, die Krankheit zu verbreiten. Auch für die Aids-Hilfe Schweiz wird eine Impfung empfohlen.
Bisher wurden in der Schweiz rund 260 laborbestätigte Infektionen gezählt, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf seiner Website schreibt. Am vergangenen Samstag hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen Affenpocken den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen.
Pietro Vernazza ist ehemaliger Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen Ende August 2021 trat er in den Ruhestand.